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Verbale Randale: Ingo Appelt provoziert im Komödienhaus Heilbronn

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Political Correctness oder auf die Kacke hauen? Der Saal darf abstimmen am Freitagabend beim Auftritt von Ingo Appelt, der findet: „Männer nerven stark“. Was folgt, sind zweieinhalb Stunden voller Sprüche unter der Gürtellinie. Den Fans gefällt’s.

„Man muss sich ein bisschen unter seinem Niveau amüsieren können“: Komiker Ingo Appelt pflegt die Rolle des Enfant terrible – auch bei seinem Auftritt am Freitagabend in der Reihe Theater spezial.
„Man muss sich ein bisschen unter seinem Niveau amüsieren können“: Komiker Ingo Appelt pflegt die Rolle des Enfant terrible – auch bei seinem Auftritt am Freitagabend in der Reihe Theater spezial.  Foto: Seidel, Ralf

Einfach mal richtig die Sau rauslassen und ungehemmt drauf los hauen: Möglich machen’s sogenannte Wuträume, wo man gegen Bezahlung die Einrichtung kurz und klein schlagen darf. Soll angeblich beim Frustabbau helfen. Was mehrheitlich von Frauen genutzt wird, wie Ingo Appelt in Erfahrung gebracht haben will. Und vielleicht ist so ein Versuch der Aggressionsbewältigung ja auch ein griffiges Sinnbild dafür, was der Komiker mit seinem Solo bezwecken will.

Denn das hätte mit Comedy oder Kabarett nix zu tun, erklärt der 57-Jährige am Freitagabend im vollen Heilbronner Komödienhaus, und bringt dafür die Beschreibung „betreutes Hassen mit Ingo Appelt“ ins Spiel. „Lacht kaputt, was euch kaputtmacht!“, wurden die Besucher vorab im Ankündigungstext zur Show aufgefordert, in der Appelt gut zweieinhalb Stunden lang – mit Pause – , auf der Bühne verbal randaliert. Wofür ihn die Fans feiern.

Gags über Sex mit Tieren? Sind auch dabei.

Das feine Florett ist seine Sache nicht, lustvoll legt Appelt in seinem Programm ab 18 die Axt an den guten Geschmack, nach der Devise: „Man muss sich ein bisschen unter seinem Niveau amüsieren können.“ Auf die Kacke hauen oder Political Correctness? Der Saal darf zu Beginn lautstark abstimmen, und er tut dies eindeutig, was Appelt sofort mit einem herausgeschleuderten „ficken, bumsen, blasen“ goutiert. Sexistische, rassistisch, homophobe Sprüche folgen an diesem Abend in hohem Tempo. Gags über Geschlechtsverkehr mit Tieren? Kommen auch vor.

Provokation hat Methode beim Enfant terrible der Szene und das seit Beginn der Karriere von Appelt, der einst auffiel durch seinen mephistophelischen Haarschnitt: mit einem vorne spitz zulaufenden Pony. „Ich wollte den Skandal“, erinnert Appelt denn auch an seinen Auftritt 1993 im TV-Format „RTL Samstag Nacht“. Heute frage er sich zusammen mit Mike Krüger: „Werden wir in diesen woken Zeiten noch ausgestrahlt?“ Auch auf seine Zeit als Gewerkschaftsfunktionär und seine SPD-Mitgliedschaft kommt der gebürtige Nordrhein-Westfale, der in Bayern aufgewachsen ist, zu sprechen.

Zur Person

Geboren 1967 in Essen, wuchs Ingo Appelt in Würzburg auf. Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Maschinenschlosser bei Siemens und engagierte sich gewerkschaftlich. 1989 hatte er seinen ersten Auftritt anlässlich der Jugendkonferenz der IG Metall, seit 1993 ist er hauptberuflich Komiker. Bekannt wurde Appelt durch seine TV-Auftritte bei „RTL Samstag Nacht“ und dem „Quatsch Comedy Club“ auf Pro Sieben.

Grönemeyer, Westernhagen und Co.: „Ich kann die halt alle noch.“

Das Menschenbild der Bühnenfigur Ingo Appelt leitet sich ab aus dem Hormonhaushalt der Geschlechter: Männer können nicht kommunizieren und haben ein um ein Vielfaches erhöhtes Testosteronlevel als Frauen, was sie aggressiv und geil macht. Oder auf den Titel des aktuellen Programms gebracht: „Männer nerven stark.“

Keine zehn Minuten übrigens dauert es, bis Appelt erstmals Herbert Grönemeyer und Marius Müller Westernhagen parodiert. Noch so ein Markenzeichen von ihm, dass er – anders als mittlerweile die Frisur – einfach nicht ablegen will. „Ich kann die halt alle noch“,  erklärt sich der Komiker und schiebt später Imitationen von Helmut Kohl, Rudolf Scharping, Norbert Blüm nach, aber auch von Udo Lindenberg, Roland Kaiser, Peter Maffay, Til Schweiger, Dieter Nuhr, Michael Mittermeier und Angela Merkel.

„Ich lass mir doch von so Arschlöchern wie euch nicht vorschreiben, was ich machen soll.“

Ingo Appelt

Apropos Ex-Bundeskanzlerin: Der stünde ja das Elend dieses Landes ins Gesicht geschrieben, immerhin könne man Merkel nicht vorwerfen, sich hochgeschlafen zu haben und handele es sich bei ihrer Rauten-Geste um eine stilisierte Vagina, lässt Ingo Appelt keinen Zweifel an seinem Humorverständnis. Ob er damit anregt, problematische Denkmuster zu reflektieren oder diese nur bedient, da gehen die Meinungen wohl auseinander.

Ingo Appelt, der selbsterklärte bockige, alte, weiße Mann

Und so arbeitet sich der selbsterklärte bockige, alte, weiße Mann weiter ab an der Gegenwart: Ampel-Aus, Trump und Putin, Klimakleber, Gendern, Veganismus. Gerne auch mit gereimten Zweizeilern à la „Wegen Unterforderung des Geschlechts wählen sie alle Rechts“ zu den AfD-Erfolgen im Osten. Eine schwule Bundeswehr empfiehlt Appelt als Deutschlands Beitrag zum Weltfrieden. Wie er überhaupt immer wieder Schwulenwitze reißt.

Eingepreist in den Abend ist auch die Publikumsbeschimpfung. „Da fahre ich schon in so ein Drecksnest“, wünscht sich der Dampfplauderer anfangs noch mehr Begeisterung im Saal. Die ist ihm spätestens am Ende sicher. „Ich lass mir doch von so Arschlöchern wie euch nicht vorschreiben, was ich machen soll“, entgegnet Appelt auf den kräftigen Applaus – und bedankt sich dann doch mit einer Zugabe.

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