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Stuttgarter Oper
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Unter Pennern

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Wer erlöst hier wen in Calixto Bieitos legendärer „Parsifal“-Inszenierung: Eine sehenswerte Wiederaufnahme im Stuttgarter Opernhaus und warum selbst Richard-Wagner-Skeptiker Gefallen finden können an dieser Deutung.

Fragwürdiger Erlöser unter Sinnsuchern und Kriminellen: Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ ist wieder in der Stuttgarter Oper zu erleben in der Regie von Calixto Bieito: Samuel Sakker (Parsifal) und der Staatsopernchor Stuttgart.
Fragwürdiger Erlöser unter Sinnsuchern und Kriminellen: Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ ist wieder in der Stuttgarter Oper zu erleben in der Regie von Calixto Bieito: Samuel Sakker (Parsifal) und der Staatsopernchor Stuttgart.  Foto: Martin Sigmund

Eine Überwältigungsoper zwischen Gewalt und Spiritualität: Sein letztes musikdramatisches Werk nannte Richard Wagner ein Bühnenweihfestspiel, das ausschließlich im Bayreuther Festspielhaus aufgeführt werden sollte. Auch wenn die Namen einiger Protagonisten im „Parsifal“  Wolfram von Eschenbachs Versepos entlehnt sind, hat Wagners mystisches Werk um Schuld und Sühne, Sünde und Erlösung wenig mit dem mittelhochdeutschen „Parzifal“ gemein, konjugiert vielmehr mit Wucht die Menschheitsthemen Gewalt, Ekstase, Leidenschaft und Tod durch – und die Macht von Religion.

Passend zur Passions- und Osterzeit

Vor 15 Jahren bescherte der katalanische Regisseur Calixto Bieito der Stuttgarter Oper eine Inszenierung, die längst als legendär gilt. Zu Recht. Nach der fulminanten Wiederaufnahmepremiere am Sonntag steht sein „Parsifal“ erneut auf dem Spielplan, passend zur Passionszeit, der dritte Akt spielt an einem Karfreitag.

Bieitos Deutung lässt keinen Raum für das Heilsversprechen der christlichen Kirchen, aber auch keiner anderen Religion. Bieito zeichnet in apokalyptischen Bildern, was droht, wenn suchende Menschen reflexhaft festhalten an religiösen Bildern und Dogmen. Wurde einst beim „Parsifal“ nicht geklatscht, vor allem nicht nach der Abendmahlszene im ersten Akt, kennt die Begeisterung in Stuttgart keine Grenzen.

Musikalisch grandios unter der Leitung von Cornelius Meister mit spannenden Rollendebüts und szenisch ergreifend, spendet das Publikum nach jedem Akt und gut fünf Stunden mit zwei Pausen frenetisch Beifall für diese auch für Wagner-Skeptiker sehenswerte Produktion. 

Alle warten auf den Erlöser

Nach einer Katastrophe lebt ein Männer-Bündnis, das sich der Keuschheit verpflichtet – wie das aussieht, kann frau sich denken –, in einer ungewissen Zukunft und kompensiert seine Zweifel mehr schlecht als recht mit der Anbetung des Heiligen Grals. Amfortas, ihr König, mag dem Ritual der Gralsenthüllung wenig abgewinnen, lässt es doch seine Wunde aufbrechen, die er trägt, seit er sich mit einer Frau eingelassen hat. Auch ahnt Amfortas, wie sinnentleert das Ritual ist. Nichtsdestotrotz warten alle auf den Erlöser in Gestalt eines „reinen Toren“.

Calixto Bieito, 1963 in Miranda de Ebro geboren, bekannt für expressive, zugespitzte Operninszenierungen, debütierte außerhalb Spaniens mit Shakespeares „Macbeth“ in Salzburg (2001) und „Hamlet“ in Edinburgh (2002). Es folgten heftig diskutierte Inszenierungen in Hannover („Don Giovanni“, „Il trovatore“ und „La traviata“) sowie Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ an der Komischen Oper Berlin, mit denen er sich als einer der führenden Regisseure Europas etablierte. 

Entwarf Wagner ein Bühnenspektakel aus Abendmahls-, Opfer- und Reinigungsmythos, Heilsversprechen, mittelalterlichen Ritterepen und einer kruden Philosophie des Mitleids, verortet Calixto Bieito den Erlöser unter kriminellen Pennern. Wer hier wen erlöst, wird nicht geklärt. Wenn Parsifal zum Ende als Heilsbringer auf einem Kofferkuli thront in hellblauem Gewand und Ritterrüstung, die Augen entrückt gen Bühnenhimmel, mit religiösen und heidnischen Attributen behangen wie  ein Christbaum samt einer handtellergroßen Wagner-Gips-Büste baumelnd über dem Bauch, dann hat das parodistische Züge. 

Wie die Filmmusik eines Fantasystreifens

Die Bühne (Susanne Gschwender) zeigt ein Bild der Zerstörung. Das Betongerippe einer Brücke, die Stahlarmierungen assoziieren die verbrannten Erden in der Ukraine und in Gaza, verkohlte Baumstämme wie Ausrufezeichen und irrlichternde Gestalten sind Ort dieses Suchspiels nach Erlösung, die keine Erlösung sein kann. Wie Filmmusik eines kultischen Fantasystreifens setzt Wagners ausgereizt lange Ouvertüre an mit der aufsteigenden Melodie des Abendmahlthemas.

Dynamisch und auratisch zelebrieren Cornelius Meister und das Staatsorchester den Auftakt, ein Drive, der sich durch den Abend zieht in Abstufungen und Nuancen. Stuttgarts Staatsopernchor besticht, die Massenszenen überwältigen, während Solistinnen und Solisten Bieitos Wagner-Deutung bis in die anspruchsvollsten Gesangspartien greifbar machen. Sensationell der Mezzosopran von Rosie Aldridge als Kundry und ihre Kraft und Durchlässigkeit als einzige Frau im Gralstempel. Eine Seherin, Mutterfigur, Hure und Heilige, Projektionsfläche sämtlicher Männerfantasien. Pawel Koniks Amfortas mit strengem Bariton, David Steffens als Gurnemaz mit souveränem Bass (einer Pollenallergie zum Trotz), aber auch der dramatische Tenor von Samuel Sakker als Parsifal machen das ambivalente Abenteuer Richard Wagner reizvoll.   

Natur, Glaube, Liebe: Hier ist alles kaputt

Die Endzeitstimmung auf der Bühne trifft den Nerv unserer Gegenwart. Hier ist alles kaputt. Natur, Glaube, Liebe, Moral. Der Gral? Ein Sack voller heidnischer und pseudoreligiöser Devotionalien, kitischige Heiligenfigürchen, billige Kelche, Voodoopuppen. Mischt sich eine vage Hoffnung in die toxischen Untergangsfantasien, wenn zur hilflosen Frage, wo ist Gott, auf Transparenten in mehreren Sprachen, auch in hebräischen, arabischen und chinesischen Schriftzeichen, trotzig ein Rette-mich eingefordert wird? Die Rettung, so dieser Stuttgarter „Parsifal“, sie liegt in uns.

Nächste Vorstellungen

www.staatsoper-stuttgart.de

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