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Unheimlich originell, verstörend fantastisch: Zum 250. Geburtstag von E.T.A. Hoffmann

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Traum, Rausch, Wahn: Es war die Nachtseite der menschlichen Existenz, die E.T.A. Hoffmann faszinierte. Diesen Samstag jährt sich zum 250. Mal der Geburtstag des wichtigsten Vertreters der Schauerromantik. Ein Gespräch anlässlich des Jubiläums mit Bettina Wagner, Präsidentin der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft.

Eine Art Vordenker von Robotik und KI: der vielseitig talentierte E.T.A. (Ernst Theodor Amadeus) Hoffmann.
Eine Art Vordenker von Robotik und KI: der vielseitig talentierte E.T.A. (Ernst Theodor Amadeus) Hoffmann.  Foto: Sammlung Archiv fuer Kunst und Geschichte

Frau Wagner, anders als zuletzt bei Kafka, Mann und Rilke ist es angesichts des Jahrestags von E.T.A. Hoffmann bisher auffällig ruhig. Warum?

Bettina Wagner: Es wird schon noch lebendiger. Jetzt am Samstag finden einige Veranstaltungen statt in Berlin, Bamberg und sogar Kaliningrad, also Königsberg, Hoffmanns Geburtsort. Außerdem eröffnet Ende Februar in Berlin eine Ausstellung, in Bamberg zeigen wir eine im Herbst.

Aber in den Buchhandlungen stapeln sich nicht gerade die Neuerscheinungen zum Thema.

Wagner: Das ist richtig. Das Problem ist, dass erst 2022 mit Hoffmanns 200. Todestag ein großes Jubiläum gefeiert wurde und damals einiges erschienen ist. Es gibt jetzt aber ein paar Publikationen, die sich dem Thema von unkonventionellerer Seite nähern. Ansonsten ist die Biografie von Rüdiger Safranski immer noch maßstabsetzend.

Während er in Deutschland lange als Trivialautor abgetan wurde, schätzten ihn Baudelaire, Balzac, Puschkin, Dostojewski und Poe. Ist Hoffmann ein europäisches Phänomen?

Wagner: Auf jeden Fall. Wenige Jahre nach seinem Tod gibt es die erste französische Übersetzung, das popularisiert seine Geschichten in Frankreich, verstärkt noch durch Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“. Gerade das Düstere spricht die französische Mentalität offenbar besonders an. Schumann greift in seinem Klavierzyklus „Kreisleriana“ auf ihn zurück. Und wir haben die breite russische Rezeption, darunter Tschaikowskis Ballett „Der Nussknacker“. Die Spannweite, die Hoffmann in der Rezeption erreicht, ist weiter als bei anderen Autoren der Romantik.

Um ihn einmal in der literarischen Epoche zu verorten: Was ist denn typisch romantisch an seinem Werk?

Wagner: Er hat natürlich viele Merkmale, die die Romantik ausmachen. Das Interesse am Irrationalen, an der Fantasie ist ganz stark bei ihm, wobei er da einen eigenen Zugang hat durch diese unmerklichen Übergänge von der Realität in die Welt des Traums, Rauschs, Wahns – wodurch der Leser verstört und desorientiert wird, nicht weiß, was die Wahrheit ist. Andere Themen der Romantik wie zum Beispiel die Natur kommen bei Hoffmann weniger vor. Er ist ein sehr stadtorientierter Autor, auch aufgrund seiner langen Lebenszeit in Berlin.

Zugleich ist Hoffmann inhaltlich und formal weit vorausweisend. Im „Kater Murr“ etwa erprobt er postmoderne Erzählverfahren ...

Wagner: Genau, die Collagetechnik. Oder in „Der Sandmann“, einer Folge von drei Briefen, nähert er sich seinen Figuren aus unterschiedlichen Sichtweisen. Das ist eine psychologische Studie, da wendet er ganz geschickte Montageverfahren an.

Und immer wieder nimmt Hoffmann das später von Freud beschriebene Unbewusste vorweg...

Wagner: Das ist auch sein Interesse als Jurist. In diesem Kontext behandelt er die Frage, inwieweit jemand überhaupt verantwortlich ist für seine Handlungen oder psychische Störungen dafür ursächlich sind, durchaus analytisch. Er besucht in Bamberg ein Irrenhaus, konfrontiert sich also auch mit psychischen Abnormitäten.

"Die Spannweite, die Hoffmann in der Rezeption erreicht, ist weiter als bei anderen Autoren der Romantik": Bettina Wagner, Präsidentin der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft.
"Die Spannweite, die Hoffmann in der Rezeption erreicht, ist weiter als bei anderen Autoren der Romantik": Bettina Wagner, Präsidentin der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft.  Foto: Staatsbibliothek Bamberg/Gerald Raab

Zur Person Bettina Wagner

Bettina Wagner, geboren 1964 in Würzburg, studiert Germanistik, Romanistik und Mittellatein in Würzburg und Oxford. Promotion 1994 über die „Epistola presbiteri Johannis“. Seit 2016 leitet Wagner die Staatsbibliothek Bamberg, seit 2019 ist sie zudem Honorarprofessorin an der Otto-Friedrich-Universität und Präsidentin der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft, die das künstlerische Erbe des Namensträgers pflegt.

Sind die fantastischen Geschichten, die er sich ausdenkt, für ihn eine Flucht aus der Wirklichkeit, die Napoleon durcheinanderwirbelt?

Wagner: Den napoleonischen Wirren ist er tatsächlich ausgeliefert. Er besucht das Schlachtfeld bei Dresden und erlebt sozusagen die Konsequenzen hautnah mit, die durch politische Konflikte ausgelöst werden. Das beruhigt sich aber auch wieder. Er ist dann etabliert als Kammergerichtsrat in Berlin und hat einen herausfordernden, bürokratischen Job. Freiräume nimmt er sich am Abend für die Musik und am Wochenende für die Literatur. Das sind verschiedene Welten, in denen er unterwegs ist.

Aber wie hält Hoffmann es mit der Politik? Obwohl er für Preußen im Dienst steht, ist er ja nicht mit allem konform und eckt an.

Wagner: Er ist ein Mann, der die Liberalität vertritt, auch in einer Zeit der Restauration. Das gereicht ihm karrieretechnisch nicht zum Vorteil. Der „Meister Floh“ führt dazu, dass ein Disziplinarverfahren gegen Hoffmann kurz vor seinem Tod eröffnet wird. In dieser Erzählung spielt er an auf Prozessprotokolle, die ihm nur vertraulich zugänglich waren. Ziemlich unverblümt übt er damit Kritik an seinen Vorgesetzen wegen der Verfolgung von studentischen Anhängern der liberalen Bewegung.

Die breite Öffentlichkeit erinnert sich an E.T.A. Hoffmann vornehmlich als Autor. Welche Bedeutung hat er als Komponist und Zeichner?

Wagner: Er will eigentlich als Komponist berühmt werden. Nach Mozart nennt er sich ja Amadeus. Aber er erringt nie den Erfolg, den er sich erhofft. Die Werke sind nicht von der Originalität, wie sie seine Erzählungen haben. Beim Schreiben ist er vielleicht auch freier, weil er sich nicht unter so einen Druck setzt.

Weshalb sollte man Hoffmann heute noch lesen?

Wagner: Hoffmann bietet Anknüpfungspunkte an unsere Gegenwart, von KI bis Robotik kann man bei ihm Themen finden. Dabei erzählt er auf eine unheimlich leichte, originelle, humorvolle Art. Mit seinen Figuren können sich auch junge Menschen identifizieren. Und Hoffmann hat eine lebendige, bildreiche Sprache, die sich von zeitgenössischen Autoren unterscheidet, wenn man etwa an Jean Paul denkt, der im vergangenen Jahr Jubiläum hatte, aber heute kaum mehr jemanden anspricht, weil seine Sprache so komplex ist

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