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Stuttgarter Ballett

„Tribute to Tetley“: Der elegante Grenzgänger

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Zwischen Neoklassik und Moderne: Ein dreiteiliger Abend mit Choreographien von Glen Tetley - und was den Abend sehenswert macht. 

Henrik Erikson ist das ausgewählte Opfer in "Se Sacre du Printemps".
Henrik Erikson ist das ausgewählte Opfer in "Se Sacre du Printemps".  Foto: Stuttgarter Ballett

Hundert Jahre wäre Glen Tetley im Februar geworden. Dem Choreographen, der den Klassischen Tanz mit dem Modern Dance verbunden hat, einen Abend zu widmen, ist für das Stuttgarter Ballett ein doppeltes Anliegen. Der Amerikaner war nach John Crankos plötzlichem Tod der erste Intendant der Truppe. Er machte sie mit seinem Bewegungsmaterial vertraut, inspiriert vom Ausdruckstanz in der Tradition Mary Wigmans und vom Modern Martha Grahams und Hanya Holms. Drei Frauen, die den zeitgenössischen Tanz beeinflusst haben.

Wo sich klassische Achsen verschieben

„Tribute to Tetley“ heißt der dreiteilige Abend im Stuttgarter Opernhaus mit drei Choreographien, die, so unterschiedlich sie sind, das Werk Tetleys repräsentieren.„Voluntaries“, womit der Abend beginnt, ist noch der Neoklassik verpflichtet, auf den zweiten Blick offenbaren sich Momente, in denen sich klassische Achsen verschieben. Technisch hochanspruchsvoll, für Tänzerinnen wie Tänzer, die kräftezehrende Hebungen bewältigen, wirkt „Voluntaries“ mitunter akademisch, dann wieder ein Flow ästhetischer Bewegungssequenzen zu Francis Poulencs Konzert für Orgel, Streicher und Pauke in g-Moll.

Dramatischer Dialog zwischen Orgel, Orchester und Tänzern

Poulencs Komposition gerät zum Erlebnis mit dem Staatsorchester Stuttgart unter Leitung von Ermanno Florio und Christian Schmitt an der Orgel im dramatischen Dialog zwischen sakralen Momenten, lyrischen und nachgerade heiteren. Was den Charakter von Poulencs Konzert auf den Punkt bringt: als nach innen gerichtetes Stück mit maximaler Außenwirkung.

"Voluntaries" (oben), eine Art Requiem und Markstein für das Stuttgarter Ballett aus dem Jahr 1973,  revisited mit den Tänzerinnen und Tänzern von heute.
"Voluntaries" (oben), eine Art Requiem und Markstein für das Stuttgarter Ballett aus dem Jahr 1973, revisited mit den Tänzerinnen und Tänzern von heute.  Foto: Stuttgarter Ballett

1993 uraufgeführt, hat es Tetley nicht nur seinem Freund und Kollegen Cranko gewidmet, sondern der schockierten, trauernden Compagnie. Vielleicht wirkt das auf Spitzenschuh getanzte „Voluntaries“ auch deshalb akademischer als das folgende „Ricercare“ - ein Pas de Deux in Schläppchen -, obwohl „Ricercare“ knapp acht Jahre zuvor am American Ballet Theatre in New York entstand. Auch dürfte das ABT bereits vertrauter mit der Tanzsprache des Modern gewesen sein.

Bühnenbild und Kostüme und der Geist der 70er Jahre

„Die Orgel erschien mir immer wie eine Stimme Gottes“, zitiert das Programmheft Tetley. Bühnenbild und Kostüme verströmen indes den Zeitgeist der 70er Jahre, eine planetarische Projektion im Hintergrund mit changierenden, farbigen Pünktchen, die die weißen Tänzer-Trikots aufgreifen. Das zwölfköpfige Ensemble navigiert konzentriert durch die so komplexen wie eleganten Schrittkombinationen, die Premierenanspannung ist zu spüren, als eine Tänzerin ausrutscht und flugs aufsteht. Viel Applaus für alle und Erste Solistin Elisa Badenes und ihren virtuosen Partner Marti Paixà.

Funkelnde Miniatur

Erforschen, recherchieren, nach etwas suchen bedeutet das italienische „ricercare“. Das offenbart das famose, 18-minütige Duett „Ricercare“. Anna Osadcenko und Friedemann Vogel, verschränkt anfangs auf einer muschelförmigen Wippe, tanzen die funkelnde Miniatur über die Suche nach Nähe und Abstand, Anziehung und Abstoßung, ein poetisches, ein erotisches, ein abstraktes Pas de Deux zum Streichkonzert gleichen Titels von Mordecai Seter. Hier ist der Atem des Modern Dance greifbar. Wie sich Schwerkraft, Atem und Raum fließend bedingen, kraftvolle Sprünge und Tetleys neoklassisches Erbe, ist ein Genuss.

Friedemann Vogel und
Anna Osadcenko
in „Ricercare“.
Fotos: Stuttgarter Ballett
Friedemann Vogel und Anna Osadcenko in „Ricercare“. Fotos: Stuttgarter Ballett  Foto: Stuttgarter Ballett

Nach der zweiten Pause dann, was allein durch die Musik den Höhepunkt des Abends markiert: „Le Sacre du Printemps“ zu Igor Strawinskys hochdramatischer Komposition. Die löst längst keinen Skandal mehr aus wie bei der Uraufführung 1913. Diktiert aber die Bewegungscluster eines der aufregendsten Ballette nach wie vor. Von Vaslav Nijinsky, Mary Wigman, Maurice Béjart, Kenneth MacMillan, John Neumeier, Hans van Manen, Pina Bausch über Johann Kresnik, Tom Schilling, Uwe Scholz, Sasha Waltz, Wayne Mc Gregor und Israel Galvan zu Marcos Morau - womit nicht alle genannt sind - haben sie sich nicht nur am Originallibretto orientiert.

Ein Jüngling wird geopfert

Nun ist die Idee des Frühlings in allen Kulturen wesentlich, das Frühlingsopfer rituell, auch Tetley betont das Physische, ein Jüngling wird geopfert, sprich getötet, woraus sich die Hoffnung auf neues Leben speist. Brachiale Bilder, voller Urgewalt wie das Leben und auf die Tetleysche Art selbst in wilden Momenten elegant - eine Tour de Force für das 25-köpfige Ensemble.

Henrik Erikson als ausgewähltes Menschenopfer ist ein Erlebnis und stellt das zentrale Paar Anna Osadcenko und Jason Reilly in den Schatten. Im Wechsel mit zwei weiteren Paartänzern formieren sich rasante Gruppenszenen, eine Hetzjagd mit stampfenden Schritten, auch der Puls des Publikums steigt bis zum theatralen Schlusspunkt.

Weitere Vorstellungen

www.stuttgarter-ballett.de

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