1962 in Dresden geboren, studiert Ingo Schulze Klassische Philologie und Germanistik. Bücher wie „33 Augenblicke des Glücks“, „Simple Storys“, Neue Leben“, „Adam und Evelyn“, „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ sind in 30 Sprachen übersetzt, teils Schullektüre und verfilmt. Der vielfach Ausgezeichnete lebt in Berlin.
Tragische Figur oder Mörder?
Wer schreibt die Geschichten? Wer die Geschichte? Autor Ingo Schulze liest aus seinem Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ und erzählt von einer Ostbiografie in der Reihe „Wendezeiten“ Unter der Pyramide der Kreissparkasse Heilbronn.

„Die Krux war die enorme Geschwindigkeit“, bringt Ingo Schulze sein Unbehagen am Prozess der Wiedervereinigung auf den Punkt. Ein Prozess, Schulze vergleicht ihn mit einem EU-Beitritt, der bei anderen Ländern Jahre dauert.
„Der absolute Schock war die Einführung der D-Mark“, erinnert sich der gebürtige Dresdner. Das Stichwort Treuhand fällt – womit wir mitten drin sind in dem Roman, um den es an diesem Abend vor allem geht. In der Reihe „Wendezeiten. Europäische Perspektiven im Lichte neuer globaler Herausforderungen“ – eine Kooperation von Literaturhaus Heilbronn und Kreissparkasse“ – liest Schulze aus „Die rechtschaffenen Mörder“ und diskutiert mit Literaturhauschef Anton Knittel Unter der Pyramide der KSK.
Ein Meister des literarischen Vexierspiels
Der Roman, bereits 2020 erschienen, könnte Steilvorlage sein für eine literarisch-politische Debatte, doch der Abend gerät weitgehend zu einer Reflexion über die Werkstatt des Schreibens, über die komplexe Struktur des Romans, intertextuelle Raffinessen. Auch das ist interessant, Schulze ein charmanter Plauderer im besten Sinne, ein Meister des literarischen Vexierspiels, ein Verwirrspiel mit den Erwartungen der Leserinnen und Leser. Ob das als Kommentar zu den aktuellen politischen Entwicklungen im Osten und Westen Deutschlands im Kontext Europas oder gar darüber hinaus taugt?
Das Zitat „Wer kann denn das Ende eines Buches auch nur erahnen, wenn er darangeht?“ von Vilem Flusser, das Schulze den „Rechtschaffenen Mördern“ voranstellt, umreißt die zentrale Frage: Wer schreibt die Geschichten? Wer die Geschichte? Wer Geschichten schreibt, schreibt auch an der Geschichte, lässt sich nach 90 Minuten resümieren. „Ich nehme mich da nicht aus“, sagt Schulze, der seit Herbst 2023 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist. Worüber er viel erzählen könnte, was aber ein eigenes Thema ist, wie er sagt. Jetzt liest er lieber aus seinem Roman.
Es beginnt wie ein Märchen
Der besteht aus drei disparaten Teilen mit wechselndem Erzählton, intertextuell ambitioniert schlägt er einen Bogen von 40 Jahren vom Ende der 70er Jahre im Leben von Norbert Paulini. „Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss,“ hebt Schulze an. Was wie ein Märchen beginnt, wird Volten schlagen bis zu Paulinis Tod.
Dass man Geschichten nicht glauben muss, was nicht heißt, dass sie nicht stimmen, scheint Schulze eine Prämisse zu sein. „Vor allem wollte ich eine Liebeserklärung an das Papierbuch schreiben. Gerade durch Literatur können wir besser erkennen, in welcher Zeit wir leben,“ wird der Autor im Klappentext zitiert. Für die schillernde Figur des Norbert Paulini scheint mit der Zeit nicht mehr greifbar, in welcher Zeit er lebt. Sein einst florierendes Antiquariat muss nach der Wende Konkurs anmelden. Köstlich das Kapitel über einen unnachgiebigen und – höflich formuliert – kulturfernen Sparkassendirektor, bei dem Paulini bittstellig wird. „Das Sparkassenkapitel lese ich immer“, schmunzelt Schulze Unter der Pyramide.
Ein Kriminalfall wird aufgerollt
Paulini driftet ab nach Rechts, sympathisiert mit Pegida. Im zweiten Romanteil taucht ein Ich-Erzähler auf, ein Schultze mit t, der eine Biografie Paulinis schreiben möchte, was sich liest wie Schultzes (mit t) Geständnisse. Schließlich spricht im dritten Teil Schultzes fiktive Verlegerin und rollt einen Kriminalfall auf. Ist Paulini ein Mörder? Wer erzählt hier und führt wen in die Irre?
Ost-West-Differenzen werden thematisiert, der kapitalistische Literaturbetrieb angeklagt, deutsch-deutsche Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten verhandelt, Ressentiments – und Büchermenschen porträtiert. Dass Literatur nicht a priori gut ist, steht für Ingo Schulze außer Frage, seine Geschichten indes stellen Geschichte infrage durch multiperspektivisches Erzählen. „Wir kommen mit ähnlichen Erfahrungen zu ganz unterschiedlichen Schlüssen“, weiß Schulze.
Widersprüche des Alltags
Das Gute an Literatur: Dass man Widersprüche nebeneinander stellen kann. Ambivalenzen, „die zu unserem Alltag gehören“. „Man muss nicht ankommen, man kann Distanz bewahren.“ Gerne hätte man mehr zur „Ostentleibung“ – „ich glaube, es ist ein Begriff von mir“ – gehört.

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