Tödliche Schlagzeilen?: Antje Rávik Strubel spricht über „Der Einfluss der Fasane“
„Intendant zwingt Schauspielerin zur Abtreibung“: Diese Schlagzeile bringt einiges ins Rollen im neuen Roman der Buchpreisträgerin 2021. Im Literaturhaus Heilbronn fragt Antje Rávik Strubel, in welchen Dienst sich Medien eigentlich stellen wollen, und erklärt, warum Theaterchefs mitunter übergriffig werden.

Ob „Der Einfluss der Fasane“ von Antje Rávik Strubel ein MeToo-Roman ist? Nein, könnte man sagen, insofern er sich kaum für die Opfer sexualisierter Gewalt interessiert. Was doch das Anliegen war der US-Aktivistin Tarana Burke, als sie 2006 den Slogan ins Leben rief: Überlebenden solcher Taten eine Stimme geben. Und doch setzt sich Strubels im März bei S. Fischer erschienene Roman mit MeToo auseinander, das 2017 zu einer weltweiten Bewegung wurde im Zuge von Missbrauchsvorwürfen gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein.
Sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch aufzudecken, erkennt Antje Rávik Strubel bei ihrer Lesung am Mittwoch im Heilbronner Literaturhaus als großes Verdienst der Medien an. Eine andere Sache ist für die Autorin die Skandalisierung von MeToo durch die Sozialen Medien. Und so ist auch Strubels Protagonistin Hella Karl eigentlich gegen diese Art der Berichterstattung, in der Vergangenheit hat die Journalistin sogar für die Männer Partei ergriffen, bis sie doch die Seiten wechselt.
„Intendant zwingt Schauspielerin zur Abtreibung“, lautet die folgenreiche Schlagzeile der Berliner Feuilletonchefin über den gefeierten Hauptstadt-Theaterchef Kai Hochwerth, der ein Tyrann gewesen sein und in seinem Haus ein toxisches Klima geschaffen haben soll. Als sich Hochwerth vor dem Opernhaus in Sidney öffentlichkeitswirksam das Leben nimmt, sieht sich Hella mit dem Vorwurf konfrontiert, ihn in den Tod geschrieben zu haben. Worauf es für sie beruflich und privat bergab geht.
Beim Schreiben den männlichen objektivierenden Blick einer Frau mitgeben
Warum Frauenfeindlichkeit in der Gesellschaft – auch in Frauen – so tief verankert ist, diese Frage sei übriggeblieben von ihrem Roman „Blaue Frau“, für den Antje Rávik Strubel 2021 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, erzählt sie im Gespräch mit Literaturhausleiter Anton Knittel.
Dass Hella, die sich aus einfachen Verhältnissen emporgearbeitet hat, chauvinistische Haltungen und Handlungen übernommen hat, um dazuzugehören, ist einer der Punkte, der sie für die Autorin unsympathisch macht. Nicht nur sucht Hella eine bestimmte Art der Männerfreundschaft, die sie bestärkt. Auch ist für die Anfang Fünfzigjährige ihr zehn Jahre jüngerer Partner, den sie nur T. nennt, schlicht ein Sexobjekt.
Kann man den männlichen objektivierenden Blick einer Frau mitgeben? „Ob es beim Lesen funktioniert, weiß ich nicht, beim Schreiben habe ich es probiert“, sagt Strubel, die den Text spielerisch angegangen ist und die es außerdem gereizt hat, eine Figur zu erschaffen, die zwar denkt, sie habe alles im Griff, die sich aber permanent über sich und ihr Umfeld täuscht. Wofür der Roman „Doktor Glas“ Pate stand, laut Strubel eine „fiese Geschichte, toll geschrieben“ vom schwedischen Schriftsteller Hjalmar Söderberg aus dem Jahr 1905.
Zwei Figuren, die sich wie Spiegel zueinander verhalten
Sympathisch macht Hella in den Augen ihrer Schöpferin, wie sie sich mitten im Shitstorm einem Vereinnahmungsversuch aus rechten Kreisen widersetzt. Um ihre eigene Position zu sichern, versuchen solche Kräfte Bewegung in der Gesellschaft zu verhindern, weiß Strubel. „Was sie dabei vergessen: Reichtum vermehrt sich dann auch nicht“, so die gebürtige Potsdamerin, die versichert, diese Passage vor der Enthüllung der Potsdamer Geheimtreffen rechter Vordenker, Politiker und Unternehmer geschrieben zu haben.
Was Strubel auch zu der Frage führt, in welchen Dienst sich Medien eigentlich stellen wollen, und zu der Feststellung, dass die Distanz zur Wahrheit immer wieder neu verhandelt werden müsse, was einen kritischen Blick auf Berichterstattung voraussetze.
Dass sich die Figuren Hella Karl und Kai Hochwerth wie zwei Spiegel zueinander verhalten, deuten bereits ihre Initialen an. Die Kritikerin fand sich beispielsweise von der Macht des Intendanten angezogen. Wie übergriffig dieser sein konnte, darüber diskutiert die Schriftstellerin und Übersetzerin mit Anton Knittel im Anschluss an eine Szene, die sie liest. Und über den Geniebegriff, der als Freifahrtschein diene, alles machen zu dürfen. Weil für Strubel Theater ein Raum ist, in dem per se Grenzen überschritten werden, „kann sich jemand wie Hochwerth dort so ausleben“.

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