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Wagners „Meistersinger“ in Stuttgart
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Todesengel in Schwarz-Weiß-Rot

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Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ als deutscher Sommernachts(alb)traum an der Staatsoper Stuttgart und warum Paul Celans „Todesfuge“ zu Buhrufen provoziert.

Björn Bürger (links) ist Sixtus Beckmesser, Martin Gantner ist Hans Sachs in Elisabeth Stöpplers unerschrockener Deutung der Wagner-Oper in Stuttgart.
Björn Bürger (links) ist Sixtus Beckmesser, Martin Gantner ist Hans Sachs in Elisabeth Stöpplers unerschrockener Deutung der Wagner-Oper in Stuttgart.  Foto: Matthias Baus

Dass Oper polarisiert, ist eigentlich eine gute Sache. Dass es in der Stuttgarter Oper zu Beginn des dritten Aktes zu teils aggressiven Buhrufen kommt, erstaunt allerdings doch. Wollen oder können einige Besucher der Wagner-Premiere „Die Meistersinger von Nürnberg“ nicht ertragen, dass Paul Celans „Todesfuge“ eingespielt wird, das ergreifende Gedicht über den Holocaust? Umso euphorischer fällt der Schlussapplaus aus: Nach sechs Stunden mit zwei Pausen herrscht Jubel im Opernhaus, werden Sängerinnen und Sänger, Cornelius Meister und das Staatsorchester, der formidable Staatsopernchor, Regisseurin Elisabeth Stöppler samt Produktionsteam mit Ovationen bedacht.

Musikalisch ein zeitgemäßes, temporeiches Erlebnis

Musikalisch ist die Neuinterpretation der „Meistersänger“ ein Erlebnis. Meisters zügiges Dirigat nimmt der mitunter martialischen Partitur das Pathos. Der Opernchor, eine Wucht in der Masse, klingt mitreißend differenziert. Die Sänger, allesamt Rollendebüts, überzeugen darstellerisch und – auch wenn vereinzelt Luft nach oben sein mag – stimmlich. Martin Gantner ist ein souveräner Hans Sachs mit weichem Bassbariton, Björn Bürgers Bariton so fordernd wie sein Sixtus Beckmesser, Daniel Behles Walther von Stolzing mit variablem Bariton eine ambivalente Figur, Esther Dierkes eine kämpferische Eva mit frischem Sopran. Eine zeitgemäße Interpretation, szenisch wie musikalisch, weil das Pompöse Wagners hier gedimmt wird.

Elisabeth Stöppler, Heilbronner Musikfreunden ist sie als Regisseurin von „Kiss me Kate“ am Stadttheater in Erinnerung, hat es hier mit einer romantischen Oper zu tun, die Wagner einst als Komische Oper zu schreiben begann, die politisch funktionalisiert wurde und Assoziationen freisetzt vor dem Hintergrund von Deutschlands Weg in die Nazi-Diktatur. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, heißt es in Paul Celans „Todesfuge“ – eine berechtigte Provokation der Regie und ein Aspekt in einer Inszenierung, die weitere Lesarten durchspielt zu der Frage, die „ Die Meistersinger“ verhandeln: Was ist deutsche Kunst?

Bildstark und unerschrocken

Für die Figur des Hans Sachs, Schuster-Poet und Meistersinger, ist sie ein schützenswertes Gut, das Identität stiftet, solange sie frei von fremden Einflüssen bleibt. Eine religiös überhöhte Idealisierung, die Stöppler kritisch abklopft. Nicht jedes ihrer Statements ist stimmig, doch überwiegt der Eindruck einer bildstarken Inszenierung, einer unerschrockenen Begegnung mit diesem als urdeutsch geltenden Werk.

Als deutscher Sommernachts(alb)traum wird Wagners 1868 uraufgeführte Oper gern bezeichnet. Im Verständnis des Stuttgarter Produktionsteams erzählen die „Meistersinger“ vom Aufbruch und den Dynamiken einer Gemeinschaft, die sich selbst die Regeln gibt. Und verhandeln, wie das Neue in die Kunst kommt und dabei doch das Alte sein kann. Eine Männergesellschaft, in der Frauen Spielfiguren sind, sich bei Stöppler aber zu behaupten versuchen, während sich die Männer lächerlich machen.

Wenn der Strippenzieher zum Kunstkönig mit Papierkrone wird

Ein Gesangswettbewerb steht an in Nürnberg. Der Preis? Eva, die Tochter des reichsten Mannes der Stadt. Hans Sachs, einer der zwölf Meistersinger, ist Strippenzieher, bis er schließlich zum Kunstkönig gewählt wird mit Papierkrone. Während der erste Auftritt von Stolzings katastrophal gerät, versucht sich Sixtus Beckmesser in Stellung zu bringen. Maskeraden, eine Massenprügelei und schließlich das Preissingen auf einer Festwiese, bei dem nicht nur fair play gespielt wird.

Elisabeth Stöppler, 1977 in Hannover geboren, Trägerin des Deutschen Theaterpreises Der Faust, war mit 14 Jungstudentin für Klavier an der Musikhochschule Hannover und studierte Musiktheater in Hamburg. Ihre Regie von „Dora“ an der Staatsoper Stuttgart wurde zur Inszenierung des Jahres 2024 gewählt. Nächste Vorstellungen www.staatsoper-stuttgart.de

Obwohl Walther von Stolzing nun als Sieger gefeiert wird, lehnt er es ab, in die Meistersingerzunft aufgenommen zu werden und beschwört Sachs die „heil’ge deutsche Kunst“. Auf der Stuttgarter Bühne (Valentin Köhler) wird die Festwiesen-Szene zum Gruselkabinett und thront von Stolzing mit Seitenscheitel in Wehrmachtsmantel auf der Tribüne des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg, von der Adolf Hitler sprach. Bevor von Stolzing wie ein Deus ex machina entschwebt. Als Todesengel stehen Fantasievögel in schwarz-weiß-roten Gefiedern, den Flaggenfarben des Deutschen Kaiserreichs. Ein gesichtsloses Baby wird herumgereicht, am Ende geht sein Kinderwagen in Flammen auf.

Plakativ in den Abgrund

Plakativ wird hier Deutschlands Weg in den Abgrund gezeichnet. Aber auch wirkmächtig die Kraft der Kunst und der Musik gefeiert in all ihrer Widersprüchlichkeit. „FANGET AN!“ stand zu Beginn in schwarzen Großbuchstaben auf weißem Grund. Schlicht und eine Möglichkeit, sich Richard Wagners „Meistersingern“ zu nähern.

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