"Tanz der Vampire": Bissfeste Erotik der Unsterblichkeit

   | 
Lesezeit  1 Min
Erfolgreich kopiert!

Stuttgart - Sie saugen wieder Blut: Nach sieben Jahren kehrt das Musical "Tanz der Vampire" ins Palladium-Theater zurück

Von Marcel Auermann
Alfred und Professor Abronsius auf dem Weg nach Transsylvanien.Foto: lsw
Alfred und Professor Abronsius auf dem Weg nach Transsylvanien.Foto: lsw

Stuttgart - Licht aus. Dann fällt der Schnee in stockdunkler Nacht. Zurücklehnen, durchatmen, es sich kommod machen − und zusehen. Das Musical "Tanz der Vampire", das gestern Abend im Palladium-Theater nach sieben Jahren seine zweite Premiere in Stuttgart erlebte, fängt gemächlich an. Vielleicht etwas zu gemächlich. Nur nichts überstürzen.

Geradlinig folgt das Stück Roman Polanskis Film von 1969: Der tüttelige Professor Abronsius (Christian Stadlhofer als brillanter Schnellsprecher und -sänger) macht sich mit seinem naiv-trotteligen Assistenten Alfred (Krisha Dalke mit einem herrlichen Stimmvolumen) auf den Weg nach Transsylvanien, um dort mehr erschrocken als unerschrocken Jagd auf Vampire zu machen. Unterwegs nächtigen sie bei Wirt Chagal (Jerzy Jeszke fast schon als jüdischer Parade-Papa).

Langsam nimmt die Handlung Fahrt auf. Die Lieder werden schneller. Plötzlich steht ein Buckliger oder eine andere Fratze im Zuschauerraum. Welch" Gruselspaß − wobei Texter Michael Kunze manchmal radebrechende Reime erzeugt. In solchen Momenten ziehen Wolken vorüber und die Nebelmaschine nebelt. Schnell sind sprachliche Fauxpas vergessen.

Die Dekorationselemente im Zuckerbäckerstil sind prächtig und erinnern an "Anatevka". Sie visualisieren die süßlichen Liebesarien wie "Draußen ist Freiheit" zwischen Alfred und Wirtstochter Sarah (Lucy Scherer beginnt schwach und entwickelt im zweiten Akt ein wunderbares Vibrato).

Zwischen den Welten

"Tanz der Vampire" hat es seit seiner Uraufführung 1997 in Wien zum melodramatischen Zeitstück geschafft. Die Charaktere changieren zwischen Gut und Böse, Freiheit und Beklemmnis, Sehnsucht und Verderben, zwischen Eintönigkeit und Amüsement. Kein Wunder, dass es frivol und schlüpfrig zugeht. Da baumelt einer Magd ein Plastikdildo zwischen den Beinen, grapscht der Knecht am Busen und sind die Dialoge eindeutig zweideutig. Die Krönung ist Graf Krolocks Sohn Herbert (herzerfrischend Florian Fetterle), der eine Tunte ist und sich plump an Alfred "ranwanzt. Ein Drama der Verführbarkeit.

In diesem Durcheinander kann keiner die Einladung ins Schloss zum Ball des Jahres ausschlagen. Satter, fast wagnerianischer Pop-Bombast treibt das Geschehen voran. Das Ensemble verwandelt sich zu akrobatischen Totentänzern. Doch der zweite Akt gehört Sarah und Graf Krolock (tolles Timbre: Jan Ammann) ganz allein. Nachdem "Totale Finsternis" als Reprise ja eh das ganze Stück durchzieht, dürfen sie den Erfolgssong endlich singen. Selbst wenn die Schlüsselszene − der Biss − wenig sinnlich wirkt, ist "Tanz der Vampire" eines der Musicals mit dem höchsten Lustfaktor.

Nach oben  Nach oben