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Burgfestspiele Jagsthausen
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Tanz auf glühenden Kohlen: Schauspieler Thomas Gerber über seine Rolle im „Götz“

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Der Schauspieler Thomas Gerber ist der Weislingen im „Götz“ in diesem Sommer und ein Wanderer zwischen Theaterwelten. Was seine Rolle mit männlicher Eitelkeit und Karrierismus zu tun hat - und wo sich Goethes Stück mit der Politik von heute trifft.

Thomas Gerber
Thomas Gerber  Foto: David Reisler

Der Begriff von Freiheit, nicht nur wie er im „Götz“ verhandelt wird, hat für Thomas Gerber immer mit Empathie zu tun. Ein Schlüsselwort für den Schauspieler, „Mangel an Empathie schafft Leid im Kleinen und im Großen“. In diesem Sommer ist Gerber der Weislingen in Goethes „Götz von Berlichingen“ bei den Burgfestspielen Jagsthausen.

„Für mich bedeutet Freiheit, dass ich denken und sagen kann, was ich will. Nicht, dass ich machen kann, was ich will, aber ein selbstbestimmtes Leben führen: nach der Prämisse, dass ich mich in einer Gesellschaft oder Gesellschaften bewege.“ Das Rosa-Luxemburg-Zitat „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ drängt sich da auf. Freitagabend stand Thomas Gerber in der Götzenburg auf der Bühne, Samstag ist er nach Berlin zurück, Projekte organisieren, ein Treffen mit Freunden und Familie – eine Patchworkfamilie mit vielen großen Kindern. Mitte dieser Woche fährt er dann wieder nach Jagsthausen.

Der Götz ist nicht nur Held, sondern auch Schwein

Gerbers Engagement ist eine Art Zurückkommen „in diese unschlagbare Natur“. Fünf Jahre, von 2009 bis 2013, war er Ensemblemitglied der Burgfestspiele unter Intendant Heinz Kreidl, spricht von „unfassbar schönen Erinnerungen“. Natürlich ändern sich Dinge, „auch in Jagsthausen“. „Damals gab es noch fünf Lokale.“ In Schillers „Die Räuber“ war er zu sehen, in „Einer flog über das Kuckucksnest“, in „The Blues Brothers“. Und auch schon im „Götz“ in der Doppelrolle Bischof/Weislingen. Was unterscheidet die „Götz“-Inszenierungen von 2013 und 2025? Laura Remmler, die Regieassistentin von damals, ist die Regisseurin heute. Der Ansatz, wie man sich Goethes „Materialsumpf“ nähert, ist gar nicht so anders. „Es freut mich zu sehen, welche kluge Regisseurin aus Laura geworden ist“, schätzt Thomas Gerber Remmlers „Arbeitskultur auf Augenhöhe“. „Das ist keine Floskel.“ Ein Unterschied ist wohl, die Figur des Götz heute noch mehr zu hinterfragen und anders darzustellen, „weniger als Held, sondern eben auch als Schwein“. Ist der Weislingen im Stück nicht auch ein Schwein?

Die Beziehung zu Adelheid? Eine Katastrophe

Ist er sicher auch, „ein Verräter, ein charakterloser Waschlappen“, sagt Thomas Gerber, aber eben auch ein „Visionär“ des Umbruchs. Er und Adelheid könnten ein Dreamteam sein und politisch viel erreichen, eine neue Rechtsprechung etwa im Gegensatz zum Raubrittertum, das Götz verteidigt und wo es um persönliche Privilegien geht. Allerdings ist die Beziehung zu Adelheid eine Katastrophe. „Der klägliche Versuch, Nähe zu schaffen. Weislingen hält diese aufstrebende, moderne, starke Frau neben sich nicht aus. Das hat viel mit männlicher Eitelkeit zu tun, mit Karrierismus, wie man es in der Politik kennt.“ Diese Widersprüche, „ein Tanz auf glühenden Kohlen“, möchte er ausloten. Seine Schauspielkunst gelernt hat Thomas Gerber an der Hochschule Ernst Busch in Berlin. Aufgewachsen in einem Dorf in Brandenburg, tritt er während seines Studiums bereits am Hans Otto Theater in Potsdam auf. Von 1998 bis 2002 ist Gerber Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin, arbeitet mit den Regisseuren Jürgen Gosch, Thomas Ostermeier, Einar Schleef und Thomas Langhoff.

1967 in Elsterwerda/Brandenburg geboren, studiert Thomas Gerber an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, wo der Schauspieler und Sprecher heute mit Patchworkfamilie und vielen großen Kindern lebt.

Seitdem ist Gerber freiberuflich, gastiert bei den Burgfestspielen Bad Vilbel, geht auf Tournee, arbeitet am Theaterhaus Jena, am Ballhaus Naunynstraße, hat Engagements an festen Häusern, steht in TV-Produktionen vor der Kamera, zuletzt im „Polizeiruf 110“ an der Seite von Peter Kurt. Er ist Sprecher für Hörspiele und Produzent. Und Thomas Gerber arbeitet in der freien Theaterszene. Limited blindness heißt das Kollektiv performativ arbeitender Künstlerinnen und Künstler, die Theaterarbeiten realisieren an der Schwelle zu Klangkunst, Experimentalfilm, Philosophie, gesellschaftlich engagiertem und experimentellem Theater. In Moment also switcht Gerber zwischen den Burgfestspielen, den Vorbereitungen zu einem politischen Theaterprojekt bei den Oderberg Festspielen im Spätsommer und weiteren Projekten im öffentlichen Raum, bevor er mit der Krimikomödie „Das Kind in mir will achtsam morden“ tourt.

Thomas Gerber: „KI wird niemals den Künstler oder die Kunst ersetzen“

Dass Künstliche Intelligenz seinen Beruf beeinflussen und verändern wird, dass etwa Nebenrollen in Serien künftig künstlich generiert werden können, dürfte unaufhaltsam sein. Aber dass das Medium Kino und Theater ausstirbt, glaubt er nicht. Im Gegenteil. Thomas Gerber spürt die Lust des Publikums am Live-Erlebnis, das keine Löschtaste drücken kann. Weil Kunst von Menschen gemacht wird. „Das ganze Leben besteht aus Fehlern, das macht seinen Reiz aus. KI wird niemals den Künstler oder die Kunst ersetzen.“

Eine Katastrophenbeziehung: Thomas Gerber ist Weislingen, Aischa-Lina Löbbert Adelheid,
Eine Katastrophenbeziehung: Thomas Gerber ist Weislingen, Aischa-Lina Löbbert Adelheid,  Foto: Burgfestspiele Jagsthausen
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