Nächste Vorstellung
Samstag, 8. Januar 2025, 20 Uhr, EppingerFigurentheater.
Wie ein Stummfilm, abgespielt von einem Projektor, der auf Hochgeschwindigkeit läuft: Mit „Stummer Macbeth“ gastiert La Fille Du Laitier im Rahmen der Imaginale in Heilbronn und Eppingen. Über eine blutige Produktion, die sich nicht entscheiden will, ob sie Shakespeares düstere Mär über Machtgier ernst nimmt oder parodiert.

Nicht zuletzt seine Sprachgewalt hat Shakespeare unsterblich gemacht hat und ist bestens erforscht. Wissenschaftler haben nachgezählt: Exakt 31 534 verschiedene Wörter soll der englische Dramatiker in seinem Werk verwendet haben. Mit ihnen regte er wie kein anderer die Imagination seines Publikums an, schuf jenseits der Bühne Welten in den Köpfen der Zuschauer. Was aber bleibt, wenn man auf diesen vermeintlich essenziellen Part verzichtet in einem Stück des berühmten Barden und den Text einfach streicht?
„Macbeth muet“, das heißt „Stummer Macbeth“, nennen La Fille Du Laitier ihre Produktion, mit der die kanadische Theaterkompagnie am Montag im Rahmen der Imaginale in der Heilbronner Boxx gastiert und die auch am Samstag im Eppinger Figurentheater zu erleben ist. Ein Abend wie ein Stummfilm, abgespielt von einem Projektor, der auf Hochgeschwindigkeit läuft: Shakespeares ohnehin kürzeste Tragödie wird auf 50 Minuten reduziert. Weder Dialoge noch Monologe sind zu hören, dafür ein bunt zusammengesetzter Soundtrack vom Band mit Stücken von Bach bis zur Bloodhound Gang. Wo Erklärungen nottun, damit auch der Handlung folgen kann, wer nicht mit dem Stoff vertraut ist, halten die zwei Schauspieler Marie-Hélène Bélanger Dumas und Jérémie Francoeur beschriftete Tafeln hoch.
Für Besucher ab 16 Jahren ist dieser „Stumme Macbeth“, in dem viel Kunstblut fließt. Die Menge nimmt proportional zu zur Schuld, in die sich die Titelfigur verstrickt. Die Geschichte, angesiedelt im 11. Jahrhundert: Unter den Einflüsterungen dreier Hexen sowie angestachelt von seiner Frau, mutiert der schottische Feldherr zuerst zum Königsmörder, dann zum wahnhaften Tyrannen. Freund Banquo und dessen Sohn lässt er ebenso ermorden wie die Familie seines Gegenspielers Macduff. Am Ende reißt die Spirale der Gewalt auch Macbeth und seine Lady in den Abgrund.
Die düstere Mär von der Machtgier als Objekttheater: Francoeur und Dumas, die diese Inszenierung zusammen mit Jon Lachlan Stewart konzipiert haben, teilen sich alle Rollen untereinander auf. Als Schauspieler verkörpern sie das grausame Paar, und sie greifen zu Gegenständen, wenn das übrige Personal auftritt. Banquo und sein Sohn sind Styroporteller – einer groß, einer klein – mit aufgemalten Augen, ein Hockey- und ein Topfhandschuh stellen Macduff und seine Frau dar. Seien es Lady Macbeths Fehlgeburten oder Macduffs Nachwuchs: Für Kinder halten Eier her, die reihenweise zerdrückt werden. Und zu den drei Hexen werden gefaltete, schwarze Papierbögen – wie man das vom Fingerspiel Himmel und Hölle kennt, das im Englischen übrigens passenderweise Fortune Teller genannt wird, also Wahrsager.
Faszinierend anzuschauen ist, wie das Duo die Dinge belebt und damit von Beziehungen erzählt. Auf der kargen Bühne (Lisandre Coulombe) gelingen witzige und anrührende Momente, die von Mord und Totschlag brutal durchkreuzt werden. Ähnlich dem Dauerfeuer aus Kurznachricht in einer Chatgruppe, markiert ein nervtötender Benachrichtigungston aus dem Off jeden Szenenwechsel, forciert ihn nachgerade. Viel Applaus für diesen „Stummen Macbeth“, der sich nicht entscheiden will, ob er die fürchterliche Fabel ernst nimmt oder parodiert.
Samstag, 8. Januar 2025, 20 Uhr, EppingerFigurentheater.
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