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Kunstverein Heilbronn
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Stadtlandschaften und ihre Ränder

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Rebecco Ann Tess blickt im Kunstverein Heilbronn auf Global Cities, normierte Leben, Natur und Müll. 

„Always There“, „Inside the System“ und „A Yellow“ nennt Rebecco Ann Tess dieses Triptychon aus Fotoarbeiten.
„Always There“, „Inside the System“ und „A Yellow“ nennt Rebecco Ann Tess dieses Triptychon aus Fotoarbeiten.  Foto: Mario Berger

Das Gefühl dafür, Dinge wahrzunehmen, diese Sensitivität mag daher kommen, dass Rebecco Ann Tess, geboren in Annweiler am Trifels, immer schon viel zu Fuß gegangen ist, damals durch die Wälder. Eine Erfahrung, die auch mit dem Körper zu tun hat und prägt.

Tess, die Bildende Kunst in Berlin, London und Frankfurt studiert hat, Stipendien für New York, London, Florenz und anderswo hatte, einige Jahre in Korea unterrichtete und in Städten wie Berlin, San Francisco und Brüssel ausstellt, zeigt nun im Kunstverein Heilbronn die fotografische Serie „Alpha ++ Models“. 47 Arbeiten, die überwiegend Global Cities zeigen wie Dubai, Hongkong, Seoul, Shanghai, Singapur, London und New York. Aber auch den Trump Tower in Chicago, das Humboldt Forum im Berliner Schluss, Gated Communities in Chile, das Kreativquartier Südliche Friedrichstadt Berlin, einen Golfrasen. Detailaufnahmen wie die koreanische Geste des Neinsagens: Zeigefinger, Handkanten und die Unterarme werden gekreuzt und formen ein X. Oder die Tristesse einer Wohngegend in Nanjing, die einer rekonstruierten Porzellanpagode weichen muss. Viele dieser Orte hat Rebecco Ann Tess ergangen, hat sich Zugang verschafft.

Anziehende Bildsprache und kühle Distanz

Statt vom „persönlichen“ spricht Tess lieber vom „spezifischen“ Blick einer intellektuellen Vorgehensweise und künstlerischen Technik. Wohl wissend, dass der künstlerische Blick immer auch erkenntnisgeleitet ist – und damit subjektiv. Die meist farbigen Prints bestechen durch ihre Komposition. Und mit Präzision, was Tess als „ästhetische Qualität“ bezeichnet. Nicht zwingend nach ihrer geografischen Zuordnung gehängt, laden die Fotoarbeiten ein, sich auf Orte einzulassen, die einem fremd und dann vertraut erscheinen zwischen anziehender Bildsprache und kühler Distanz. Man darf die Arbeiten politisch in dem Sinne verstehen, als dass Rebecco Ann Tess Herrschafts- und Ausbeutungsstrukturen in den Städten untersucht und der Natur.

1980 in Annweiler am Trifels geboren, beschäftigt sich Rebecco Ann Tess mit erweiterter Fotografie und Videokunst und blickt auf die sozialen, politischen und wirtschaftlichen globalen Strukturen. Tess hat Bildende Kunst in Berlin, London und in Frankfurt studiert und an der Akademie der Künste in Nürnberg und im Department für Fotografie und Digitale Medien an der Chung-Ang Universität Seoul unterrichtet. Tess lebt in Berlin. Die aktuelle Ausstellung „Alpha ++ Models/rendered lives in global cities“ im Kunstverein Heilbronn läuft bis zum 13. Juli. 

Mal ist die Perspektive eine Luftaufnahme der Innenstadt Dubais, mal der Blick aus dem Hotelzimmer in Busan in Südkorea, auf eine Avocadoplantage in Chile oder auf die uns futuristisch anmutende Smart City Songdo. In einer Smart City, so die Definition, sollen Informations- und Kommunikationstechnologie Teilhabe und Lebensqualität optimieren, ökonomisch, ökologisch und sozial. Was in Europa – je nach Standpunkt – utopisch oder dystopisch klingt, scheint in Städten Asiens bereits Realität zu sein.

Das Geschlecht ist ein Konstrukt

Rebecco Ann Tess bezeichnet sich als nonbinäre Person und verwendet in Texten das Personalpronomen per. Ein nonbinärer Künstler, der vor einigen Jahren den Namen geändert hat, das Geschlecht als Konstrukt versteht und sagt, „ich habe mich immer schon dazwischen gefühlt“. Und, dass „das biologische Geschlecht wie ein Spektrum ist“. „Schade, dass das nicht anerkannt wird“, schließt Tess das Thema ab. Und wechselt zu einem Begriff, der Rebecco Ann Tess wichtig ist für seine Recherche und Fotografie: die Ästhetik des Neoliberalismus.

Nun ist Neoliberalismus eine ökonomische Kategorie und assoziieren Kritiker damit verödete Seelen in einer postmodernen Welt. Tess’ Fotoarbeiten lenken die Sicht auf akribisch gebaute Modelle südkoreanischer Planstädte, auf die Versprechen auf Plakatwänden noch nicht realisierter Luxuswohnungen, auf die goldverspiegelten Glas- und Metallfassaden anderer Global Cities. Und auf die Yachten der Superreichen etwa in der Marina von Monaco, Boote, die symbolisch weit entfernte Orte verbinden.

Was ein gutes Leben ausmacht

Aber was macht ein gutes Leben aus? „Dass man selbst gestalten kann“, sagt Rebecco Ann Tess. Eine Freiheit, die der Gentrifizierung in den Städten zum Opfer fällt. „Das wird ein Riesenverlust sein, auch für die Reichen.“ Das schwingt mit in den so souverän komponierten Bildern und ihrer unterschwelligen Poesie, die von  Stadtlandschaften erzählen und deren Rändern, die Natur sein können. Aber auch Müll.         

Präzision als eine ästhetische Qualität: Rebecco Ann Tess.
Präzision als eine ästhetische Qualität: Rebecco Ann Tess.  Foto: Mario Berger
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