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Museum Würth

Spiel mit Oberfläche und Licht

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„Das Prinzip Verwandlung“: Das überraschende Werk von Gertrude Reum im Museum Würth in Künzelsau.

Monumental und filigran zugleich: „Aufstieg“ und „Aufwärts“, Chromnickelstahl, sechs Meter, 1997.
Monumental und filigran zugleich: „Aufstieg“ und „Aufwärts“, Chromnickelstahl, sechs Meter, 1997.  Foto: Peter Petter

Die aufragenden Stahlskulpturen, die sich nach oben verästelt winden im Licht, sind in der Region Hohenlohe bekannt. Monumental und filigran zugleich, bis zu sechs Meter hoch, geschliffen und poliert. Der Name der Künstlerin, Gertrude Reum, indes ist nicht allen ein Begriff. Chromnickelstahl, Edelstahl und Messing sind die Werkstoffe, die Reum überwiegend bearbeitet hat - aber nicht nur, wie eine Ausstellung zum 100. Geburtstag der Bildhauerin und Malerin im Museum Würth in Gaisbach augenscheinlich macht.

„Die Skulptur symbolisiert die Wandlungen des Lebens, Werden und Vergehen. Die geformten und gebündelten Rohre stellen eine Energie dar, die sich bei jedem Schritt des Vorbeigehenden verwandelt“: Das Zitat der Künstlerin trifft nicht nur auf ihre Plastik „Verwandlung“ zu.

Metallskulpturen, Malerei, Aquarelle und Reliefs

1926 in Saarbrücken geboren, zieht sie 1954 nach Buchen, wo sie bis zu ihrem Tod 2015 lebt. „Das Prinzip Verwandlung“, so der Titel der Schau, kennzeichnet Reums Arbeit. Neben Metallskulpturen sind es Malerei, Aquarelle und Reliefs, die zeigen, wie Gertrude Reum Kunstströmungen ihrer Zeit rezipiert. 140 Arbeiten aus 60 Jahren belegen das, 70 aus der Sammlung Würth sowie Leihgaben. Dass ihre Außenskulpturen nicht nach innen geholt worden sind, versteht sich.

Vorbilder und wie sich Gertrude Reum davon löst

Wer Gemälde und Zeichnungen der 50er und 60er Jahre sieht, staunt über Reums Entwicklung. Vincent van Gogh, Edvard Munch, Paula Modersohn-Becker sind Vorbilder. Interessant: Immer wieder kommen Bäume vor. Hochaufragend, als klängen hier bereits die Formen späterer Werke an. Ab den 60ern beschäftigt sich Reum mit Linien und Formen, wird abstrakter.

Gertrude Reum absolviert zuerst während des Krieges eine Ausbildung zur Dekorateurin, nimmt nebenbei ein privates Kunststudium auf, 1947 schließt sie ein Studium an der Hochschule für Gestaltung Offenbach an. Mit dem Werkstoff Messing, Aluminium, Nickelstahl kommt sie im Wortsinn in Berührung durch die Metall verarbeitende Fabrik ihres Mannes.

Licht und Bewegung und weitere unfassbare Phänomene

“Lichtbahnen“, Messing geschliffen und geätzt, 1988.
“Lichtbahnen“, Messing geschliffen und geätzt, 1988.  Foto: Volker Naumann

Was die Ausstellung spannend macht, sie ist nicht streng chronologisch gegliedert, springt zwischen Werkphasen und markiert Reums Neugier, Offenheit, ihre Experimentierfreude. Licht und Bewegung sind Schlagworte, die auf fast alle Schaffensphasen nach den realistisch-gegenständlichen Anfängen zutreffen. Wie die nicht minder unfassbaren Phänomene Zeit und Raum. Ab 1966 arbeitet Gertrude Reum plastisch in Metall – „Orgel“ und „Flügel“ nennt sie zwei Kompositionen aus Industriebauteilen –, was sie nicht daran hindert, immer wieder Bilder in Mischtechniken zu gestalten und Zellstoffreliefs.

Geschliffene Linien auf Aluminiumplatte

„Zentrum“, Zellstoffrelief, Mischtechnik, 1999.
„Zentrum“, Zellstoffrelief, Mischtechnik, 1999.  Foto: Horst Bernhard

Noch plastischer als etwa auf bearbeiteten Messingplatten wirken die filigranen Linien auf geschliffenen Aluminiumplatten und schaffen so die Illusion der dritten Dimension. Dafür experimentiert Reum auch mit Säure. Dieses Spiel mit Oberflächen unterstützen nun die wechselnden Lichtverhältnisse in den luftigen Hallen im Museum Würth. „Lichtbahnen“ ist solch ein Bild, das je nach Lichteinfall zu vibrieren scheint, fließende Lichtlinien ohne Anfang und Ende, auch das ein Prinzip, das sich wie ein roter Faden zieht durch Reums Werk. 

Präzise und durchdacht, technoid wie der Zeitgeist der 70er Jahre nach der ersten Mondlandung muten ihre Planetenkonstellationen gleichenden Aluminiumreliefs an.

„Eine Ausstellung, die überrascht, weil man Vieles nicht mit Gertrude Reum verbindet“

Reliefs aus dem industriellen Zwischenprodukt Zellstoff entstehen ab 1990. Indem Reum den Stoff nass macht, reißt und ritzt, formt sie Kraterlandschaften. Erdfarbene und archaische Bilder, die an Anselm Kiefer erinnern, der tatsächlich einst ein Atelier in Buchen in der Nähe von Reum unterhielt. Wie sehr Gertrude Reum von Strömungen wie Zero, von Künstlerkollegen wie Heinz Mack und Otto Piene, vom Informel eines Emil Schumacher oder der Malerei Arnulf Rainers beeindruckt ist, machen einige Arbeiten deutlich, etwa die Mischtechniken auf Karton aus der Serie „Kreuzbilder“. „Eine Ausstellung, die überrascht, weil man Vieles nicht mit Gertrude Reum verbindet“, so Kirsten Fiege, die „Das Prinzip Verwandlung“ konzipiert hat.

Ausstellungsdauer

27. April bis 8. November, täglich 11 bis 18 Uhr, Eintritt frei. Katalog: 30 Euro

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