Axel Hacke, 1956 in Braunschweig geboren, studiert Politische Wissenschaft in Göttingen und in München. Parallel dazu absolviert er eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Von 1981 bis 2000 arbeitet Hacke bei der „Süddeutschen Zeitung“ als Sportreporter, als politischer Kommentator, vor allem aber als einer der „Streiflicht“-Autoren und schreibt Seite-Drei-Reportagen. Seit 2000 ist Hacke als Kolumnist und Schriftsteller freiberuflich tätig. Der vierfache Vater lebt in München und im Chiemgau.
„Soziale Medien sind Emotionskanäle“
Warum wir ohne unsere Gefühle kaum rational handeln können: Der Autor und Kolumnist Axel Hacke stellt sein aktuelles Buch in Heilbronn vor und denkt über individuelle und gesellschaftliche Gefühlslagen nach.

Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen schreibt Axel Hacke in seinem jüngsten Buch „Wie fühlst du dich?“. Vor seiner Lesung im Theater Heilbronn hat der Autor am Telefon über Chancen und Risiken unserer Gefühlslagen nachgedacht.
Herr Hacke, die Frage drängt sich auf, wie fühlen Sie sich heute Morgen?
Axel Hacke: Es geht so, weil ich hier in meiner kleinen Wohnung in Tirol aus dem Fenster sehe, es liegt Schnee, die Sonne scheint, und ich sitze hier drin und habe zu arbeiten.
Warum geben Sie denn Ihrem Gefühl nicht nach und gehen raus?
Hacke: Ich bin ein sehr disziplinierter Mensch, sonst schaffe ich das alles nicht, was ich machen will. Das ist aber auch nicht so schlimm.
Machen wir einen Sprung. Als ehemaliger Sportjournalist haben Sie auch über Olympia berichtet.
Hacke: Ich bin nicht mehr so sportinteressiert wie früher. Und da ich wie gesagt relativ viel arbeite und dann lieber selbst Sport machen möchte, ist mir das viel wichtiger, als Sport anzugucken.
Dann erübrigt sich die Frage, mit welchen Gefühlen Sie den Sturz von Lindsey Vonn verfolgt haben.
Hacke: Den Sturz habe ich natürlich gesehen. Das ist immer schlimm, wenn jemand so stürzt. Auf der anderen Seite: Sie hat sich wirklich viel zugemutet und es auch überzogen. Für jeden Sportler wie für jeden Menschen kommt der Tag, an dem er einsehen muss, dass bestimmte Dinge ihre Zeit haben und irgendwann nicht mehr gehen.
Zu Ihrem Buch. Sie stellen den Rationalismus eines Descartes „Ich denke, also bin ich“ vom Kopf auf die Füße und sagen „Ich fühle, also bin ich“. Eigentlich keine neue Idee.
Hacke: Nee, das ist ja auch nicht meine Idee. Die Vorstellung, dass Ratio und Emotionen nicht getrennt werden können, kommt aus den Neurowissenschaften.
Ein moderner Gedanke...,
Hacke: ... der uns ganz simpel sagt, dass Gefühl und Verstand Hand in Hand arbeiten und wir ohne unsere Gefühle kaum an den Punkt kommen, rational handeln zu können.
Über Gefühle zu reden, kann zum erdrückenden Modethema werden. Mitunter wird der Achtsamkeitsbegriff ja ad absurdum geführt.
Hacke: Es ist eine Mode geworden, und oft wird nicht besonders kompetent über Gefühle gesprochen. Natürlich ist es wichtig, achtsam zu sein. Aber kann man immer achtsam sein, und was bedeutet das genau?
Sie verhandeln auch unangenehme Gefühle in Ihrem Buch. Sind Einsamkeit, der Tod und die Angst davor, Wut und Hass Gefühle oder Zustände?
Hacke: Gute Frage. Einsam sein ist ein Zustand. Es gibt viele Arten von Einsamkeitszuständen, die mit unterschiedlichen Gefühlen verbunden sind. Ich war auch einsam als Student in einer fremden Stadt, aber immer in dem Gefühl, das geht vorbei. Das ist etwas anderes als die Einsamkeit eines Menschen, der das Gefühl hat, er kommt da nicht mehr raus.
Was ist mit Wut und Hass?
Hacke: Viele denken, Wut muss man nur ausleben und rausschreien, dann ist sie weg. So einfach ist das nicht. Wut ist auch ein ansteckendes Gefühl. Und statt einen Anfall zu bekommen, kann man, wie Mahatma Gandhi sagt, seine Wut in Aktivität umsetzen und etwas gegen den Grund der Wut unternehmen.
Sie diagnostizieren zunehmend ein Zeitalter der Müdigkeit.
Hacke: Müdigkeit ist ein Phänomen, das ich an mir selbst beobachtet habe und das viele Menschen an sich selbst beobachten können. Sie haben einfach keine Lust mehr auf diese Welt. Sie ziehen sich zurück, schauen keine Nachrichten mehr, sie haben keinen Bock mehr auf diesen ganzen Irrsinn, der da abläuft.
Das kann man verstehen.
Hacke: Aber es ist auch ein politisches Ziel, uns müde zu machen, weil man dann leichter Politik machen kann gegen unsere Interessen. Wenn die Menschen keine Lust mehr haben, sich mit Politik zu beschäftigen, dann wird Politik relativ einfach. Das kann man in Amerika beobachten, wo der Präsident uns jeden Tag mit irgendeinem neuen Schwachsinn zukübelt. Das sind Alltäglichkeiten geworden, die man sich vor zehn Jahren überhaupt nicht hätte vorstellen können.
Man wird mürbe und schaut weg.
Hacke: Das ist das Ziel. Hinter Trump stehen noch ganz andere Politiker, die ihre Ziele intensiv und stringent verfolgen, und das können sie gut, wenn die Leute müde sind.
Als Sie in den 60er Jahren aufwuchsen, sprach man nicht über Gefühle.
Hacke: Mein Vater hat mir gegenüber nie ein Wort verloren, das mit Gefühl zu tun hatte. Er hat niemals zu mir gesagt, dass er mich liebt oder auch nur gerne hat. Das hat man einfach nicht gemacht damals. Heute spielen Gefühle in unserem gesellschaftlichen, ökonomischen, sozialen Leben eine ganz andere Rolle.
Gefühle werden instrumentalisiert.
Hacke: Soziale Medien sind Emotionskanäle, populistische Politik ist ohne Gefühle nicht denkbar. Unser gesamter Konsum beruht auf Gefühlen, es gibt Supermärkte, die damit werben, dass sie Lebensmittel lieben. Wir müssen lernen, zu differenzieren, wo werden unsere Gefühle benutzt und wo sind es unsere wirklichen Gefühle.
Studien belegen, dass junge Menschen einsamer sind denn je, trotz der Allgegenwart sozialer Medien. Eine bemerkenswerte Diskrepanz.
Hacke: Soziale Medien hatten angefangen mit der Idee des Austauschs. Die Wahrheit ist heute eine andere. Wer immer nur vor dem Smartphone sitzt, wird nicht wirklich einen Kontakt zu anderen Menschen finden. Ununterbrochen muss man sich in ich-zentrierter Weise zu Markte tragen.
Das Streben nach Glück ist in den USA Bestandteil der Unabhängigkeitserklärung. Dieses Diktat, glücklich zu sein, ist aber längst nicht nur ein amerikanisches Trauma.
Hacke: Tatsächlich gibt es keinen sichereren Weg, unglücklich zu werden, als ständig auf der Suche nach dem eigenen Glück zu sein. Viel interessanter ist es, sich zu fragen, was finde ich sinnvoll in meinem Leben. Was wäre anders, wenn ich nicht da wäre? Wäre dann überhaupt etwas anders – oder sollte ich nicht etwas dafür tun, dass es anders wäre, wenn es mich nicht gäbe?
Handeln hilft.
Hacke: Das ist etwas, was künstliche Intelligenz nie leisten wird und was es in sozialen Medien nicht gibt.
Lesung in Heilbronn
23. Februar, 19.30 Uhr, Großes Haus.

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