Sofia Schutte ist die Neue beim WKO
Die gebürtige Venezolanerin verstärkt seit dieser Saison die zweiten Geigen beim Württembergischen Kammerorchester. Die Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, traf die heute 28-Jährige spontan. „Ich tue das, was ich liebe, der Rest ergibt sich“, lautet Sofia Schuttes Motto.

Wann sitzt ein Musikstück? Es technisch perfekt zu beherrschen, genügt sicherlich nicht allein, um als Interpretin bereit für eine Darbietung zu sein. „Man ist niemals fertig, sondern findet immer noch Dinge, die man herausholen kann aus einem Stück.“ Gleichwohl hat Sofia Schutte in den Proben mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn (WKO) jeweils schnell das Gefühl, dass alle im Einklang sind. Seit dieser Saison ist Schutte Mitglied des WKO, ihre Probezeit hat sie schon vor einigen Wochen bestanden, sodass die 28-Jährige auch künftig die zweiten Geigen verstärken wird.
Außer in Deutschland, wo Schutte bereits in Cottbus, Neubrandenburg und Karlsruhe musiziert hat, hat sie bereits mit Orchestern in Costa Rica und den Vereinigten Staaten zusammengearbeitet. Welche Klangunterschiede die Violinistin von Land zu Land ausgemacht hat? Während es in den USA, wo Schutte auch ihr Studium absolviert hat, vornehmlich um Projektion gehe – also darum, so viel Klang wie möglich direkt und linear auszustrahlen im Raum –, hörten sich Klangkörper hierzulande runder und wärmer an.
Wobei Sofia Schutte nicht eine Herangehensweise über die andere stellen möchte. Ein Zwischending mit Tendenz zum linearen Ansatz praktiziere man in Costa Rica, wohin die Musikerin mit ihrer Familie im Alter von zwölf Jahren übersiedelte, ehe sie mit 16 von Zuhause auszog.
Ohne Deutschkenntnisse: „Als Erstes musste ich die Zahlen lernen.“
Geboren ist Schutte in Venezuela, ihr Vater und ihre Tante leben heute dort. „Politik betrifft doch immer alle, oder? Im Moment herrscht einfach nur Ungewissheit. Aber es geht ihnen gut“, kommentiert die Geigerin die politische Situation in Venezuela nach dem Angriff von Donald Trump zum Jahresbeginn und wie es ihren Angehörigen damit geht.
„Let’s do it.“ Dass Sofia Schutte überhaupt nach Deutschland kam, ist einer spontanen Entscheidung geschuldet. Nach einem Vorspielen in Kopenhagen ging sie im September 2023 kurzerhand nach Berlin zu einer ihrer besten Freundinnen, um hierzulande ihr Glück zu versuchen. Mehr als das Wetter an sich schockierte die Lateinamerikanerin übrigens der Mangel an Sonnenlicht in Herbst und Winter. „Ich tue das, was ich liebe, der Rest ergibt sich“, half ihr ihre Einstellung weiter.
Drei Monate gab sich Sofia Schutte Zeit. Ohne Deutschkenntnisse keine leichte Aufgabe. „Als Erstes musste ich die Zahlen lernen. Als ich die Zahlen konnte, wusste ich, bei welchem Takt der Dirigent uns starten lassen wollte. Der Rest war Instinkt.“ Etwas auszuprobieren, auch auf die Gefahr hin, dass es nicht klappt, hinterher aber wenigstens keine verpasste Gelegenheit zu bedauern, so geht Schutte die Dinge an. „Ich würde sagen, ich bin ein sehr zielstrebiger Mensch.“ Im Sinne von ehrgeizig? „Eher konzentriert“, erklärt der WKO-Neuzugang auf Englisch in der Pause zwischen Generalprobe am Vormittag und Konzert am Abend.
Warum Sofia Schutte ihre Violine Bruno nennt
Beim Cappuccino plaudert Sofia Schutte außerdem über die Klassikszene in Venezuela, die groß ist aufgrund des staatlichen Förderprogramms El Sistema. Über die kleinere Szene in Costa Rica. Und darüber, dass sie ihre Violine nach deren Verkäufer benannt hat: Bruno. Wie sie Brunos Charakter beschreiben würde? „Er ist sehr ehrlich. Egal, was du spielst, ob es gut oder schlecht ist, so wirst du auch klingen.“
Was Schutte macht, wenn sie nicht in der Probe ist, in einem Konzert oder Zuhause übt? Lesen und ins Fitnessstudio gehen, zählt sie auf, sowie gemeinsam kochen oder am Neckar entlang und durch die Weinberge spazieren mit ihrem Ehemann. Der gebürtige Brasilianer macht gerade in Berlin seinen Master, weswegen das Paar eine Fernbeziehung führt.
„Da waren immer dieser Respekt und diese Liebe zur Musik“, erzählt die Musikerin, warum sie mit acht Jahren schon wusste, dass sie Geige spielen wollte. „Man sieht nie ein Cellosolo“, hatte ihr die Mutter das Instrument ausgeredet, das sie zunächst lernen wollte. Nun das ganze Leben lang an ihrem Können zu arbeiten und es weiterzuentwickeln, ist, was Sofia Schutte reizt. Wie gesagt: „Man ist niemals fertig.“

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