David Bowie, 1947 als David Robert Jones in London geboren, 2016 in New York gestorben, war in seiner fast 50 Jahre dauernden Karriere als Musiker, Sänger, Produzent und Schauspieler einer der kommerziell erfolgreichsten und einflussreichsten Musiker der Rock- und Popmusik mit 26 Studioalben und rund 140 Millionen verkauften Tonträgern. Von 1976 bis 1978 lebte er in West-Berlin, der damaligen „Welthauptstadt des Heroins“, wie er später sagte.
Seht hoch, er ist im Himmel
Mythos David Bowie: Wie Thomas Winter das Musical „Lazarus“ im Großen Haus des Heilbronner Theaters inszenieren will und ob Bowie-Fans vor Rührung das Taschentuch zücken werden.

Müssen Bowie-Fans das Taschentuch zücken am Samstagabend? „Nein“, sagt Thomas Winter. „Doch. Vielleicht“, korrigiert sich der Mann, der „Lazarus“ in Heilbronn inszeniert, das Musical von David Bowie und Enda Walsh. „Look up here, I’m in Heaven“, „Sieh hoch, ich bin im Himmel“, beginnt der Song „Lazarus“, der im Dezember 2015 erst als Download erscheint, eine Single aus Bowies 26. und letztem Studioalbum „Blackstar“.
Das offizielle Musikvideo dazu erscheint am 7. Januar 2016, wenige Tage vor Bowies Tod. Im Alter von 69 Jahren stirbt der britische Musiker, der an Krebs erkrankt war. Auch im gleichnamigen Musical wird die ausgekoppelte Single „Lazarus“ gespielt, ein Schwanengesang auf den eigenen Tod?

In weißer Kleidung schwebt Bowie über seinem Krankenbett
David Bowie ist zeit seines Lebens ein Meister der Selbstinszenierung. Im Musikvideo zu „Lazarus“ erwacht Bowie von den Toten wie die biblische Figur Lazarus, der von Jesus auferweckt wurde. In weißer Kleidung schwebt Bowie über seinem Krankenbett. War er schon zu Lebzeiten eine Ikone, wird Bowie mit seinem Tod zur Legende. Nicht nur Fans dürfte dieses Video zu Tränen rühren. Ein Vermächtnis, selbst lanciert, das seinesgleichen sucht.
Das Musical „Lazarus“, das nun in Heilbronn im Großen Haus Premiere hat, wird seit seiner Uraufführung in New York am 7. Dezember 2015 – es sollte Bowies letzter öffentlicher Auftritt sein – an vielen Bühnen erfolgreich gegeben. Kein Jukebox-Musical, wie Thomas Winter erklärt, das sind Musicals, die im Grunde nur die Songs hoch- und runterspielen. Sondern ein eigenes Bühnenwerk, zu dem Enda Walsh, der irische Theater- und Drehbuchautor, den Text geschrieben hat.
„Lazarus“ erzählt die Geschichte weiter, die mit „Der Mann, der vom Himmel fiel“ 1976 begonnen hat
„Lazarus“ ist die Erfüllung eines lang gehegten Traums – immer wieder hat Bowie in seiner Karriere den Versuch unternommen, ein Werk mit seiner Musik auf die Bühne zu bringen. Auch aus seinem legendären Album „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ sollte ein Musical werden.
„Lazarus“ schließlich erzählt die Geschichte weiter, die mit „Der Mann, der vom Himmel fiel“ 1976 begonnen hat. In dem Sci-Fi-Film spielt Bowie einen Außerirdischen, der auf die Erde kommt und Wasser besorgen will für seinen sterbenden Planeten. Was an der Verdorbenheit der Menschen scheitert. Jetzt im Musical spinnen Bowie und Walsh, wie es mit Newton weitergeht, der melancholischen, auf der Erde gestrandeten Figur. Alkoholabhängig, blind und verzweifelt bewegt sich Newton in einem schwer definierbaren Stadium zwischen Leben und Tod, verbringt die Tage vor dem Fernseher, trauert seiner verlorenen Liebe nach – und leidet unter seiner Unsterblichkeit.
Unerwartet tritt ein junges Mädchen in sein Leben, ob sie die Erlösung ist, bleibt offen. So wie die Inszenierung offen lässt, ob das, was auf der Bühne geschieht, nicht alles nur in Newtons Kopf passiert.
Welthits wie „Absolute Beginners“, „This is not America“, „Heroes“
„Das ist nicht die Geschichte von David Bowie. Das ist die Geschichte von Newton“, sagt Regisseur Thomas Winter. „Aber es gibt Parallelen.“ Welthits wie „Absolute Beginners“, „This is not America“, „Heroes“ sowie vier Stücke, die Bowie für das Musical geschrieben hat, bilden den Soundtrack, insgesamt 17 Lieder. Aber keine Titel aus der Ära von Bowies 80er-Pop-Jahren.
Also steht die Musik im Zentrum? Nicht unbedingt, „das ist ein richtig guter Theatertext“, findet Winter. In Heilbronn hat der freie Regisseur nicht nur schon mehrfach inszeniert, hier war Winter von 1999 bis 2001 als Schauspieler engagiert, seiner ersten Station nach dem Studium an der Folkwang Hochschule Essen. Aus Studientagen kennt Winter Nicolaj Alexander Brucker, der im Großen Haus in die Titelrolle des Newton schlüpft. Drei weitere Gäste verstärken das Heilbronner Ensemble. Heiko Lippmann übernimmt die musikalische Leitung und wird auch an Piano und Keybord sitzen.
Die androgynen Kunstfiguren des David Bowie
Wie viel Prophetie also steckt im Musical „Lazarus“, kann man sich vom Wissen um die Person David Bowie frei machen? Auf jeden Fall ist der Mythos neben der Musik und der Geschichte, die entwickelt wird, ein Teil der Energie, den das Stück, egal wo es bisher gespielt wurde, auslöst. Kunst, die eindeutig ist, interessiert ihn nicht, hat Bowie gesagt – und verkörpert, indem er androgyne Kunstfiguren geschaffen hat.
Diese Nicht-Eindeutigkeit gerade im Stück gefällt Thomas Winter. „Man sitzt mit großen Fragenzeichen da. Aber man muss nichts entschlüsseln.“ Völlig irrelevant findet Winter, ob Newton ein Außerirdischer ist oder nicht. Das Musical erzählt vom Fremdsein, Sich-nicht-zugehörig-fühlen. „Ich habe versucht, Bowie sehr ernst zu nehmen.“
„Lazarus“
Musical von David Bowie und Enda Walsh
Premiere: Samstag, 19.30 Uhr, Großes Haus. Regie: Thomas Winter
Mit Nikolaj Alexander Brucker, Oliver Firit, Cosima Fischlein, Juliane Schwabe, Janice Rudelsberger, Lisanne Hirzel, Larissa P. Hartmann, Pablo Guaneme Pinilla, Lennart Olafsson, Stefan Eichberg, Juliette Lapouthe.

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