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Gesprächsreihe "Treffpunkt Forum" mit Bernadette Schoog

Schauspieler Lars Eidinger: „Ich bin in meinem Leben maximal dreimal so ausgeflippt“

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Schauspieler, Fotograf, Musiker: Lars Eidinger spricht in Künzelsau über seine Kunst. Und der 48-Jährige nutzt die Gelegenheit, einige Dinge zurechtzurücken.

„Wirkungsbewusstsein zu entwickeln, ist mein Beruf“, sagt Lars Eidinger.
Foto: Würth/Ufuk Arslan
„Wirkungsbewusstsein zu entwickeln, ist mein Beruf“, sagt Lars Eidinger. Foto: Würth/Ufuk Arslan  Foto: Ufuk Arslan

Die Dramatis Personae des Abends sind schnell aufgezählt: Die Menschen vor der Bühne stellen das Publikum dar, Bernadette Schoog übernimmt den Part der Moderatorin und Lars Eidinger ist nach eigenen Worten „Lars Eidinger auf dem Podium in Künzelsau“. „Wir spielen alle nur eine Rolle“, erinnert der Schauspieler die Anwesenden an die Verabredung, die neben einer Theatervorstellung auch ein solches Gesprächsformat wie Treffpunkt Forum ist. „Ich bin hier nur persönlich anwesend, privat bin ich ganz anders“, sagt der 48-Jährige.

Und doch – oder gerade deshalb? – wirkt Eidinger am Montag im Carmen-Würth-Forum nicht weniger authentisch. Wie er da in seinem übergroßen Anzug und den Schlappen nachdenklich formuliert, eine Anekdote auch mal nicht erzählt, weil er keine Lust dazu hat, und zwischen Ironie und Selbstbewusstsein changiert. Die Besucher im ausgebuchten Saal sind nach gut 80 Minuten begeistert und spenden kräftig Beifall für den vor der Kamera und auf der Bühne international erfolgreichen Schauspieler.

"70 Prozent sind viel näher am Leben": Warum Lars Eidinger nicht der Perfektion nacheifert

„Ich bin abhängig von Atmosphären und Stimmungen“, erklärt Lars Eidinger, dass es ihn etwa beim Drehen stört, wenn stickig gewordene Räume zwischendurch gelüftet oder, um Anschlussfehler zu vermeiden, Gläser wieder auf ihre Anfangsposition zurückgestellt werden. „Vielleicht ist es Eitelkeit, aber es funktioniert für mich nicht“, begründet der Schauspieler, warum er sich für die Bühne als einziger nicht schminkt. „Das Verrückte ist, es hat noch nie jemand gemerkt.“

Wieviel Einsatz erfordert Kunst? „Über Ehrgeiz kann man in der Kunst gar nicht so viel erreichen, sondern über Nachlässigkeit“, ist Eidinger überzeugt und erteilt dem Streben nach Perfektion eine Absage. „70 Prozent sind viel näher am Leben.“ Alles darüber, so sagten es Buddhisten, sei sowieso destruktiv. Mit Brecht hält es Eidinger, wenn er anmerkt: „Der Zuschauer muss in jedem Moment wissen, dass es sich um eine Illusion handelt.“

Zur Person

Lars Eidinger, geboren 1976 in Berlin, studierte an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Seit 1999 ist er Ensemblemitglied der Schaubühne Berlin, daneben wirkte er in zahlreichen Kino- und Fernsehproduktionen. 2021 und 2022 war Eidinger in der Titelrolle des „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen zu sehen. In „Sterben“ spielte er an der Seite von Corinna Harfouch, Premiere des Films war im Februar bei der Berlinale. Eidinger ist mit der Opernsängerin Ulrike Eidinger verheiratet und hat eine Tochter.

Welche Berufsalternative sich Lars Eidinger hätte vorstellen können

„Wirkungsbewusstsein zu entwickeln, ist mein Beruf“: Genauso aufmerksam wie seine Umwelt, so scheint es, beobachtet Lars Eidinger sich selbst. Wenn der gebürtige Westberliner über Erfolg, Neid und Selbsthass als Antrieb des Menschen spricht, sind das psychologische Tiefenbohrungen. Zwar bezeichnet sich Eidinger selbst als überdurchschnittlich begabten Schauspieler, doch seine Hauptbeschäftigung sei eine andere: „Am Tag beschäftige ich mich viel mehr damit, Fotos zu machen und zu sortieren.“ Unter dem Titel „O Mensch“ zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K21 in Düsseldorf derzeit die erste monografische Museumsausstellung mit Fotografien und Videos des Künstlers.

Auch als Musiker und DJ ist Eidinger aktiv. „Popsänger wäre auf jeden Fall eine echte Alternative gewesen“, sagt der Schauspieler und erzählt davon, wie er als Teenager am heimischen PC düstere, instrumentale Hip-Hop-Nummern mit schleppenden Beats zusammengebastelt hat. Ein Berliner Label in Hamburg konnte er damals davon überzeugen. Heute ist das Album namens „I’ll break ya legg“ beim Streamingdienst Spotify verfügbar. Und hat monatlich einen Hörer, wie Eidinger scherzt. 

„Ich bin hier nur persönlich anwesend, privat bin ich ganz anders.“

Lars Eidinger

"Noch nie auch nur einen Tropfen getrunken, bevor ich auf die Bühne bin": Lars Eidinger dementiert angebliche Alkoholbeichte

Im Gespräch mit Bernadette Schoog nutzt der Schauspieler zudem die Gelegenheit, einige Dinge zurechtzurücken. So sei er sehr dankbar für Reiner Holzemers Dokumentarfilm „Lars Eidinger – Sein oder nicht sein“, betont der Porträtierte. Die Doku begleitet ihn auch während der Proben des „Jedermann“ für die Salzburger Festspiele, bei denen es mit Regisseur Michael Sturminger zum Streit kommt. „Ich bin in meinem Leben maximal dreimal so ausgeflippt“, kommentiert Eidinger die im Film angeblich verkürzt wiedergegebene Auseinandersetzung und klärt aus seiner Sicht über die Hintergründe auf. 

„Ich habe noch nie auch nur einen Tropfen getrunken, bevor ich auf die Bühne gegangen bin“, entgegnet der Vater einer Tochter außerdem der in den Medien kursierenden Behauptung, er habe vor einigen Tagen bei einem Talk mit Michel Friedman in der Oper Frankfurt eine Alkoholbeichte abgelegt. Von der Glaubwürdigkeit der Medien kommt Eidinger auch auf die sozialen Medien zu sprechen: Von Instagram und Co. hat er sich abgemeldet. „Das ist eine Welt, die ich nicht vermisse.“

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