Rüdiger Hoffmann in Heilbronn: Ackern auf der Ölplattform des Humors
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„Ich mache nur noch das, was ich will, und lasse mir dafür die Zeit, die ich brauche“, sagt Comedian Rüdiger Hoffmann. Aber war das je anders? Über einen durchwachsenen Abend in der Heilbronner Harmonie.
„Ja, hallo erst mal. Ich weiß gar nicht, ob Sie’s schon wussten...“: Seit mehr als 30 Jahren geht es Rüdiger Hoffmann auf der Bühne gemächlich an. 200 Fans kamen am Samstagabend zu seinem Auftritt.
Foto: Kunz, Christiana
Bloß kein Burnout am Anfang der Show. Deswegen nach den ersten beiden Nummern vor aller Augen gleich mal ein Päuschen einlegen. „Oder für die Leute mit Abitur: Ich tue etwas für meine Work-Life-Balance“, sagt’s, trinkt in aller Ruhe ein Glas Wasser, schaut sich um und atmet tief durch. Wo andere Humorarbeiter in hohem Tempo einen Gag nach dem anderen raushauen, zelebriert Rüdiger Hoffmann die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. Und das schon seit mehr als 30 Jahren vor einem größeren Publikum.
Doch was heißt das schon, größeres Publikum? Trat der Comedian 1995 in Schüttdorf im Vorprogramm der Rolling Stones vor 80 000 Besuchern auf, sind es am Samstagabend lediglich 200 Fans, die sich den selbsternannten Entdecker der Langsamkeit im Wilhelm-Maybach-Saal der Harmonie nicht entgehen lassen wollen. „Mal ehrlich“ heißt die aktuelle Tour des gebürtigen Ostwestfalen, der inzwischen im rheinischen Exil lebt.
„Ja, hallo erst mal“: Die Begrüßungsformel, die zum Markenzeichen des Comedians wurde
„Ja, hallo erst mal. Ich weiß gar nicht, ob Sie’s schon wussten...“: Die Begrüßungsformel, die Rüdiger Hoffmann geprägt hat, sein Markenzeichen, das eine Zeit lang bundesweit von Pausenclowns in Klassenzimmern, Büros und auf Familienfeiern aufgegriffen wurde, es darf nicht fehlen an diesem durchwachsenen Abend, an dem der 60-Jährige Anekdoten aus seinem Alltag mischt mit Songs, für die er sich selbst ans Klavier setzt. „Ich mache nur noch das, was ich will, und lasse mir dafür die Zeit, die ich brauche“, lebt Hoffmann nach den Prinzipien der Achtsamkeit.
Zur Person
Rüdiger Hoffmann, geboren 1964 in Paderborn, studiert einige Semester auf Lehramt, wendet sich dann aber der Kleinkunst zu. 1985 hat er seinen ersten Live-Auftritt mit einem Soloprogramm, Anfang der 90er wird Hoffmann dann bundesweit bekannt durch seine Teilnahme an den TV-Formaten „Quatsch Comedy Club“ und „RTL Samstag Nacht“. 2004 wirkt der Comedian im Kinofilm „7 Zwerge – Männer allein im Wald“ sowie zwei Jahre später in der Fortsetzung „7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug“ mit. Rüdiger Hoffmann ist verheiratet, Vater eines Sohnes und lebt in Bonn.
Sollen sich doch andere ein Bein ausreißen. Seine Mitarbeiter zum Beispiel, denen der Komiker einschärft: „Das Showbusiness ist wie eine Ölplattform. Es gibt keinen Sonntag“. Nach 72-Stunden-Schichten würden diese jungen Menschen in der Blüte ihres Lebens allerdings umkippen wie die Fliegen. Weil sie nicht belastbar seien und nicht auf Mutter Natur und ihre Wirkstoffe vertrauen würden: Kokain, Amphetamin, Alkohol. „40 Filme in 13 Jahren!“, lobt sich Hoffmann da schon Regisseur Rainer Werner Fassbinder.
Rüdiger Hoffmann beherrscht die Kunst, Pausen klug zu setzen
Derart ironisch, abgründig, böse geht es zu in den besten Momenten des zweistündigen Programms (mit Pause). Man will diese Bühnenfigur Rüdiger Hoffmann wahrlich nicht zum Chef haben, ebenso wenig zum Freund, Partner oder Vater. Oder ist alles nur ein großes Missverständnis und der Mann einfach auf der Suche nach Liebe? „All I need is your love tonight“, lässt das Electro-Duo Shouse im Intro wissen und fordern im Rausschmeißer die Rocker von ZZ Top „Gimme all your lovin“.
Hoffmann beherrscht die Kunst der klug gesetzten Pause, wenn er beispielsweise von Benni erzählt, „dem Sohn von meiner Bekannten – und mir“. Dass dieser Benni nun die Querflöte für sich entdeckt hat – immerhin nehme er keine Drogen und sei nicht Messdiener – , stößt dem Vater sauer auf. Und neulich das Schulkonzert erst. „Das war der reinste Scheiß“, zerpflückt Rüdiger Hoffmann mit Unschuldsmiene die Auftritte der vielen jungen, talentlosen Musiker.
„Mal ehrlich“: Der Abend hatte allerdings auch fade Momente
Gemächlich und entspannt trägt der Minimalist seine Geschichten vor, schweift gerne ab oder dreht an der Eskalationsschraube. Kumpel Frankie, Typ Power-Rentner, stürzt sich etwa in immer halsbrecherische Abenteuer, und der Familienurlaub beim andalusischen Biobauern entpuppt sich als Aufenthalt im Arbeitslager der Mafia.
Eher fad ist jedoch Hoffmanns Bericht, wie er als Strohwitwer am Haushalt scheitert, der Streit, der sich mit seiner „Bekannten“ anhand einer Kleideranprobe entzündet, oder die Witze über den Hund, der an Flatulenz leidet. Auch die Songs, für die der Paderborner in die Tasten greift, reißen einen nicht wirklich vom Hocker. Da muss Rüdiger Hoffmann zum Schluss tatsächlich noch ein bisschen ackern, um den Saal zum Mitsingen zu animieren („Ich hör’ so schlecht“). Wenn das mal nicht zum Burnout führt.
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