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Hühner und Hedonismus: Premiere von „Romulus der Große“ am Heilbronner Theater
Am Freitagabend feierte die Inszenierung von Gustav Rueb Premiere im Großen Haus des Heilbronner Stadttheaters. Darin geht es um Politikverdrossenheit, Apathie und die Absurdität politischer Führung. Und sogar Elon Musk taucht auf.

Das Römische Weltreich ist heruntergewirtschaftet, die verfeindeten Germanen stehen vor der Tür – doch Kaiser Romulus Augustus chillt. Als ein Held des hedonistischen und staatszersetzenden Nichtstuns hat er es sich im Palast mit einem Glas Wein und gutem Essen gemütlich gemacht, räsoniert über die Legeleistung seiner zahlreichen Hühner – ohnehin erscheint die Zucht das einzige Hobby, dem er noch mit Leidenschaft nachgeht.
Politische Ambitionen? Fehlanzeige. Er möchte die Weltgeschichte „nicht stören“, von Flucht, Krieg oder Reichszerstörung nichts wissen, der Protagonist in Friedrich Dürrenmatts Komödie „Romulus der Große“, die am Freitagabend in der Inszenierung von Gustav Rueb im Großen Haus des Heilbronner Theaters Premiere feiert. Anders sehen das Familie und Beamte.
Römisches Reich im Niedergang: Friedrich Dürrenmatts „Romulus der Große“ feiert in Heilbronn Premiere
Dürrenmatts kluge und geschichtlich nur minder korrekte Parabel erschien 1949 und damit im Bann des Nationalsozialismus und einem von den Besatzungsmächten geteilten Deutschland. Der Blick auf Großmächte, auf Politikverdrossenheit, auf Finanzkrisen, Apathie und die Absurdität politischer Führung hat aber immer noch Gültigkeit. Rueb siedelt das Geschehen in einem im Zerfall begriffenen Kaiserpalast (Bühne: Florian Barth) an: Kunsthändler Apollyon (Sabine Unger) sichert sich schon einmal die wertvollsten Büsten und Gemälde, Innenminister Tulius Rotundus (Nils Brück) verbrennt fleißig Archiv-Unterlagen.
Getragen wird der Abend von Oliver Firit, der die Vielschichtigkeit von Kaiser Romulus verkörpert, gleichzeitig tiefenentspannter Hühnerzüchter, liebender Vater und doch kluger Stratege ist. Sarah Finkel spielt mit Verve seine Frau Julia, die ihre Machtposition in Gefahr sieht und zusehends verzweifelt. Generell wird der Palast zum Treffpunkt eines Sammelsuriums kurioser Figuren: der verzweifelt-hysterische und völlig übermüdete Reiterpräfekt Spurius Titus Mamma (Felix Lydike), der seelenruhige Kammerdiener Achilles (mit Prinz-Eisenherz-Frisur: Stefan Eichberg), der reiche Hosenfabrikant Cäsar Rupf (mit schmierigem Grinsen: Tobias Loth) oder der nach Gefangenschaft völlig traumatisierte Ämilian (Richard Feist).
Verweise zu Donald Trump, Elon Musk auf der Heilbronner Bühne
„Romulus der Große“ ist auf den ersten Blick luftig leichtes Theater ohne große Reibungsfläche. Und doch steckt in Dürrenmatts Vorlage Substanz und Komplexität. Rueb umschifft den Klamauk, Dürrenmatts Sprache erhält nur selten ein Update, etwa wenn es um eine Airbnb-Wohnung geht. Bezüge zur Neuzeit gibt es eher auf der Bühne: Gemälde von Helmut Kohl, Angela Merkel oder Michail Gorbatschow als antike Herrscher, einen Retro-Plattenspieler oder ein Auto.
Gustav Ruebs (politische) Verweise in die Gegenwart gehen vor allem in Richtung USA, etwa, wenn für das Kaiserreich – Amerika lässt grüßen – der Slogan „Make Rome Great Again“ vorgeschlagen wird, oder wenn Trumps inzwischen Ex-Kumpel Elon Musk als Verkörperung von Odoakers Neffe Theoderich wild gestikulierend über die Bühne springt. Nach zweieinhalb Stunden mit Pause endet ein äußerst vergnüglicher Abend. Das Premierenpublikum honoriert die tolle Ensembleleistung mit sehr langem Applaus.

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