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„Die letzten Tage der Menschheit“
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Rhetorische Aufrüstung in Zeiten der Lüge

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Warum Georg Schmiedleitner, der Regisseur des monumentalen Anti-Kriegs-Panoramas „Die letzten Tage der Menschheit“ nach Karl Kraus,  täglich erschrickt ob der Aktualität der Texte: Ein Gespräch vor der Premiere im Großen Haus des Heilbronner Theaters.

„Ich erschrecke täglich, wie aktuell diese Texte sind“: Georg Schmiedleitner in der Kulisse von Stefan Brandtmayr im Großen Haus.
„Ich erschrecke täglich, wie aktuell diese Texte sind“: Georg Schmiedleitner in der Kulisse von Stefan Brandtmayr im Großen Haus.  Foto: Mario Berger

Georg Schmiedleitner mag das ganz Große. Nicht von ungefähr hat er Wagners „Der Ring des Nibelungen“ am Staatstheater Nürnberg inszeniert. Ist 2014 eingesprungen bei den Salzburger Festspielen und hat anstelle von Matthias Hartmann das Stück inszeniert, das Schmiedleitner nun auf die Bühne im Großen Haus des Heilbronner Theaters bringt: „Die letzten Tage der Menschheit“ nach Karl Kraus. Ein Monumentaldrama und Anti-Kriegs-Panorama in einer Fassung von Sophie Püschel und ihm, dem Regisseur. „Eine Herausforderung und Rarität, die man nicht überall sieht. Zum Lesen ist es zu anstrengend.“

800 Seiten, je nach Druck auch 1000, die Schmiedleitner und Dramaturgin durchgearbeitet und kondensiert haben auf dreieinviertel Stunden Spielzeit mit Pause. 74 Szenen für elf Schauspielerinnen und Schauspieler, die in verschiedene Rollen schlüpfen, das sind 160 Umzüge auf der Drehbühne. „Eine logistische Leistung.“

Was der Krieg mit den Menschen macht

Auch wenn die Thematik aktueller denn je erscheint, Betroffenheitstheater soll es keines werden. Worum es geht: Es geht um Krieg und darum, was er mit Menschen macht, wenn sie glauben, dass ein Krieg notwendig ist. Es geht um Propaganda und rhetorische Aufrüstung. Um sprachliche Verrohung und wie Krieg allmählich in den Alltag dringt fern der Front, in die Familien, ins Denken, in eine vermeintliche Normalität. Weil wir aus der Geschichte nicht lernen?

Karl Kraus (1874-1936) bricht Worthülsen auf, er entlarvt ihre gefährliche Lächerlichkeit. Straßenszenen, Zeitungsartikel, militärische Tagesbefehle, Gerichtsverfahren, Briefe, Predigten und Gespräche, also Originalmaterial hat er montiert zu einem, wie Kraus selbst sagte, nicht aufführbaren „Marstheater“, eine Collage an Ungeheuerlichkeiten. Nicht von ungefähr spitzt Kraus hier die letzten Tage der Menschheit zu und nicht die letzten Tage der Gesellschaft. „Brecht hätte das ganz anders geschrieben“, sagt Georg Schmiedleitner. Nicht das System, der Kapitalismus, stehen bei Kraus im Fokus, vielmehr der destruktive Mensch.

Zwischen Operettenseligkeit und Weltuntergang

Die Handelnden sind Kaiser Franz Joseph und Wilhelm II., Pfarrer, Ärzte, Journalisten, Soldaten und andere. Und Alice Schalek, eine der ersten weiblichen Kriegsberichterstatterinnen. Schalek wird auch in der Heilbronner Fassung von einer Schauspielerin durchgehend verkörpert, von Juliane Schwabe, während die weiteren Rollen auf mehrere Schauspieler verteilt sind. Fünf Akte, für jedes Kriegsjahr einen, gibt es, vier wechselnde Bühnenräume sollen als  groteskes Kriegskarussell eine Bilderflut erzeugen und simultane Handlungen wie im Film greifbar machen. Dazu schafft der Live-Musiker Johannes Mittl einen Sound zwischen Operettenseligkeit und Weltuntergang.

Ein Satyrspiel über den Krieg nennt es Georg Schmiedleitner und Kraus einen scharfen Menschenbeobachter.  Entstanden ist dieses monumentale Werk über den Ersten Weltkrieg zwischen 1915 und 1922, keine klassische Erzählung, sondern eine Chronik fortlaufender Ereignisse in 220 Szenen mit 1000 Figuren und 200 Schauplätzen, aus der wir nun einen Ausschnitt sehen. Directors Cut sozusagen.

Eine überzeichnete Wiener Gesellschaft

„Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen, ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden, die grellsten Erfindungen sind Zitate“, schreibt Karl Kraus im Vorwort und lässt die willigen Vollstrecker sprechen, die den Krieg verfolgen, bejubeln, davon profitieren, aber auch Skeptiker und Nörgler. Diese Realität fügt Kraus zu einem aberwitzigen szenischen Konvolut. „Wir zeigen eine überzeichnete Wiener Gesellschaft, die eine Reise antritt durch eben diese Collage“, sagt Schmiedleitner.

1957 in Linz geboren, studiert Georg Schmiedleitner Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaften in Wien. Der Mitbegründer des Theater Phönix in Linz arbeitet seit 1996 als freier Regisseur am Schauspielhaus Bochum, Theater in der Josefstadt Wien, in Weimar, Klagenfurt, Oldenburg, Bern, Graz, Linz oder Nürnberg. Auch ist er als Opernregisseur tätig. In Heilbronn hat er „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ und „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ inszeniert. Schmiedleitner lebt in Nürnberg.

Die Parallelen zur Gegenwart sind frappant, „ich erschrecke permanent, wie gegenwärtig diese Texte sind“. Dabei denkt er an die täglichen Ansagen des amerikanischen oder des russischen Präsidenten, die Verrohung der Sprache. Den Siegeszug der Lüge. „Krieg und Propaganda sind zwar immer ein Thema, jetzt aber sitzen wir in einem zeitaktuellen Stück.“ Welche Gefahr besteht, wenn der Mensch seine eigene Sprache nicht mehr ernst nimmt, hat auch Karl Kraus umgetrieben. 

Wie gut muss der Zuschauer vorbereitet sein? Es genügt ein Grundwissen über den Ersten Weltkrieg, meint Georg  Schmiedleitner. Und fügt dann noch hinzu, dass „Die letzten Tage der Menschheit“ eine Farce ist, „so wie wir das Stück geben“.

„Die letzten Tage ...“

Nach Karl Kraus, in einer Fassung von Sophie Püschel und Georg Schmiedleitner. Premiere: Samstag, 19 Uhr, Großes Haus. Regie: Georg Schmiedleitner.Mit: Nils Brück, Richard Feist, Oliver Firit, Pablo Guaneme Pinilla, Tobias Loth, Michaela Schausberger und andere. 

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