Placebo in Schwetzingen: Band richtet bei Konzert besondere Bitte an Fans
Placebo spielen am Samstagabend ein ausverkauftes Konzert vor 7000 Fans im Schlossgarten in Schwetzingen. So lief der Auftritt der britischen Alternative-Rockband.

An der besonderen Bitte der Band kommt kein Besucher und keine Besucherin vorbei. An allen Eingängen vom Schwetzinger Schlossgarten sind Plakate aufgehängt, auf denen sich Placebo an ihre Fans richten, vor Beginn des Auftritts wird das Anliegen auch noch mal über Lautsprecher wiederholt. Und das richtet sich gegen die Smartphone-Flut: „Wir würden euch gerne bitten, während des Konzerts nicht mit dem Handy zu filmen“.
Als Begründung führt die britische Alternative-Band mehrere Gründe an. Für die Musiker wäre es nicht nur schwieriger, eine Verbindung mit dem Publikum zu erreichen und die Emotionen der Songs effektiv zu vermitteln. Es sei auch rücksichtslos für die anderen Konzertbesucher: „Die wollen die Show sehen und nicht die Rückseite eures Handys.“ Es ist also ein kleines Experiment, dem sich die 7000 Fans am Samstagabend stellen, als Placebo zu Gast in Schwetzingen sind und ein ausverkauftes Konzert vor historischer Schlosskulisse spielen.
Ein Konzert auf der Höhe des queeren Zeitgeists
Komplett wird der Bitte der Band natürlich nicht nachgekommen. Bei Placebos größten Hits wie „Every You Every Me“ oder „The Bitter End“ gehen doch hier und da verschüchtert einige Smartphones nach oben. Und doch ist die Handydichte – und das fühlt sich angenehm an – äußerst gering. Einige Fans wollen sich dann doch ein kleines digitales Andenken schaffen. Und kann man es ihnen verdenken? Denn Placebo, die sich Mitte der 90er Jahre in London gründeten, spielen ein großartiges Konzert ohne Schnörkel und auf der Höhe des queeren Zeitgeists.

Dabei geht es einmal quer durch die Band-Diskografie, die meisten Lieder stammen vom bislang letzten Album „Never Let Me Go“ – erschienen 2022. Seit 2015 ist die Gruppe zum Duo geschrumpft. Sänger und Gitarrist Brian Molko und sein Mitstreiter, Bassist Stefan Olsdal, sind übrig geblieben, ihnen gehört der vordere Teil der Bühne, während sich die vierköpfige Live-Band dezent im Hintergrund hält. Aber den typischen Placebo-Sound, diesen genderfluiden Stadionrock, mitprägt: Hochtönig und stark verzerrte Gitarrenschichten treffen auf Piano-und Synthesizerklänge sowie druckvolles Schlagzeug und Basspiel.
Placebo-Sänger Brian Molko mit kleinen politischen Statements
Dazu kommt Molkos leicht näselnde Stimme, in der immer etwas morbid-melancholisches mitschwingt. Der 51-Jährige Frontmann ist das Gesicht der Band, der mit Kajal umrandeten Augen und markantem Schnauzbart auffällt und der neben seiner Muttersprache auch fließend Französisch kann. Mit den Fans in Schwetzingen kommuniziert er aber auf Deutsch – mit „Guten Abend“ wird begrüßt, der treibende Rocksong „For What It’s Worth“ mit dem Satz „Wir machen ein wenig Tanz-Rock ‘n’ Roll, ja?“ eingeleitet.

Sein Image als Diva hat Molko inzwischen ein Stück weit abgelegt, trotzdem generiert er regelmäßig Schlagzeilen, wie 2023, als er bei einem Konzert in Turin eine Schimpftirade auf die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni ansetzte und sie als Rassistin bezeichnete. Die Turiner Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein, ein Verfahren ist möglich. Auch in Schwetzingen gibt es von Molko kleine politische Statements. In das Lied „Try Better Next Time“ baut der Sänger wiederholt ein „Free Palestine“ ein, eine Ukraine-Flagge ist deutlich sichtbar auf der Gitarre platziert.
Placebo spielen einen Coversong als Zugabe
Einige bekannte Stücke wie „Special K“ oder „Special Needs“ spielt die Band zwar nicht, dafür das pianogetragene „Too Many Friends“ – ein Statement gegen Entfremdung durch soziale Netzwerke. Dazu flackern die farblich verfremdeten Gesichter von Molko und Olsdal über die Leinwände. 19 Songs spielen Placebo in knapp 90 Minuten und verabschieden sich bei der Zugabe mit einem Cover von Kate Bushs „Running Up That Hill“ – einem Song, der durch die erfolgreiche Netflix-Serie „Stranger Things“ eine Renaissance erlebte, den die Band aber schon seit Anfang der Nullerjahre im (Live-)Gepäck hat. Denn eins ist Placebo auf keinen Fall: eine Band, die krampfhaft dem Zeitgeist hinterherhechelt.

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