Stimme+
Uraufführung des Recherchestücks
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Packende Geschichtsstunde: „Pershing“ von Dura und Kroesinger in der Heilbronner Boxx

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

In seinem Dokumentartheaterabend stellt das Duo Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger rund um den Pershing-Unfall 1985 auf der Heilbronner Waldheide bohrende Fragen, kritisiert eine Mauer des Schweigens und begegnet der paradoxen Logik des Wettrüstens mit Galgenhumor.

Eindringlicher Theatermoment: In Originalzitaten berichten die Schauspieler als Feuerwehrleute, Journalisten und Friedensaktivisten von der damaligen Situation am Unglücksort.
Eindringlicher Theatermoment: In Originalzitaten berichten die Schauspieler als Feuerwehrleute, Journalisten und Friedensaktivisten von der damaligen Situation am Unglücksort.  Foto: Jochen Klenk

"Boah, das war scheißgefährlich“, ist eine der Figuren auf der Bühne der Boxx des Theaters Heilbronn fassungslos, wie knapp man gerade einer noch größeren Katastrophe entgangen ist, nachdem bei Montagearbeiten 1985 auf der Heilbronner Waldheide der erste Stufenmotor einer Pershing-II-Rakete entzündete und ausbrannte. Zwei Soldaten starben aufgrund der Wärmestrahlung sofort, einer erlag auf dem Weg ins Krankenhaus seinen Verletzungen. 16 weitere Soldaten zogen sich teils schwere Verletzungen zu.

Was alles hätte weiter passieren können, wenn sich das Feuer auf die fertig montierten Raketen ausgeweitet hätte, die wenige Meter entfernt standen, diesen Gedanken deutet das Stück „Pershing“ nur an in seiner vielleicht eindringlichsten Situation, in der Schauspieler als Feuerwehrleute, Journalisten und Friedensaktivisten berichten, wie sie den Unglückstag erlebt haben: das diesig kalte Wetter an jenem 11. Januar, die Blaulichtfahrzeuge auf dem Weg zur Waldheide, die chaotische Lage vor Ort. 

Die Quellen auf der Bühne zum Sprechen bringen

Originalzitate aus Archivunterlagen und Gesprächen mit Zeitzeugen hat das Regieduo Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger zu einem packenden Dokumentartheaterabend arrangiert, dessen Uraufführung am Samstag vom Publikum kräftig beklatscht wurde. Entstanden ist das Rechercheprojekt in Kooperation mit der „Geschichtswerkstatt Waldheide“ des Heilbronner Stadtarchivs.

Die gut 90-minütige Geschichtsstunde bettet das lokale Ereignis ein in die globalen Zusammenhänge des Kalten Kriegs und spannt einen Bogen von 1944 bis 2026. Denn bei ihren Recherchen sind Dura und Kroesinger darauf gestoßen, wie sehr das Pershing-Unglück an ein älteres Trauma Heilbronns rührt: Rund einen Monat vor jenem Vorfall war der 40. Jahrestag der Bombardierung Heilbronns im Jahr 1944. Außerdem sollen 2026 wieder weitreichende US-Raketen auf deutschem Boden stationiert werden. Inwiefern sich also Geschichte wiederholt, ist nur eine der bohrenden Fragen, die die Autorin und der Regisseur aufwerfen. Eine andere: Warum ließ die Stadtspitze auf Nachfrage keine Debatte zu im Gemeinderat über die Stationierung der Raketen?

Dass „Pershing“ wie Frontalunterricht wirkt – die Schauspieler sprechen fast durchgängig nur zum Publikum –, darauf muss man sich einlassen. Wie diese vielstimmige Collage generell Aufmerksamkeit erfordert, um den Überblick zu behalten, wer da gerade spricht. Jeweils vorangestellte Datums- und Ortsangaben sollen dem Zuschauer helfen sich zurechtzufinden in der temporeichen Szenenfolge, die entlang der Chronologie voranschreitet und die Schauplätze wechselt: vom Bonner Bundestag, zum Rüstungsunternehmen Martin Marietta nach Orlando/Florida, ins Rathaus Heilbronns und auf die Waldheide.

Frei nach Geier Sturzflug: „Besuchen Sie Heilbronn (solange es noch steht)“

Das Gelände hat Jessica Rockstroh en miniature für die ansonsten weiße Bühne nachgebaut, die viel Stacheldrahtzaun und verstreute Raketenteile zeigt. In diesem Setting bringt das fünfköpfige Ensemble die Quellen zum Sprechen, wobei der Tonfall von Pablo Guaneme Pinilla, Lisanne Hirzel, Gabriel Kemmether, Juliane Schwabe und Sven-Marcel Voss betont ernst ist. 

Auch wenn in dieser Inszenierung Gefühle von den kurz angerissenen Figuren lediglich behauptet werden, wird das damalige Klima der Angst greifbar. Woran nicht zuletzt die Lichtregie unter Johannes Buchholz Anteil hat sowie die Musik von Jonas Marc Anton Wehner, die Atmosphären verdichtet und die Stimmung zwischendurch auflockert. Gerne auch mal mit Galgenhumor und einem Song der 80er-Jahre Kultband Geier Sturzflug, der umgedichtet wurde: „Besuchen Sie Heilbronn (solange es noch steht)“ als bitterböse Antwort auf das streng geheime militärische Planspiel „Proud Prophet“ und überhaupt die ganze paradoxe Logik des Wettrüstens.

Streng geheimes Planspiel „Proud Prophet“

Unter dem Codenamen „Proud Prophet“ führten US-Politiker und -Militärs 1983 ein streng geheimes Planspiel durch. Über einen Zeitraum von sieben Wochen an insgesamt zwölf Spieltagen simulierten sie den Verlauf eines Atomkriegs zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Dabei wurden die Teilnehmer mit einer Reihe von Szenarien in verschiedenen Regionen konfrontiert und kamen reale Kommunikationskanäle sowie geheime Kriegspläne zum Einsatz. Das Ergebnis war so ernüchternd wieerschreckend: Auch ein begrenzter nuklearer Schlagabtausch lässt sich nicht kontrollieren.

Weitere Vorstellungen

www.theater-heilbronn.de

Nach oben  Nach oben