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Pascale-Sabine Chevroton inszeniert „Jesus Christ Superstar“ überzeugend zeitgemäß. In ihrer Version der Rockoper sind Jesus und Judas quasi Doppelgänger, und einen falschen Donald Trump gibt es auch. Bis Anfang Juli ist das Gastspiel aus Kaiserslautern im Theater Heilbronn zu sehen.

Man muss nicht gläubig sein, um anzuerkennen, dass die Geschichte einiges zu bieten hat: Liebe, Macht, Verrat, Tod. Was auch Komponist Andrew Lloyd Webber und Librettist Tim Rice erkannt haben, als sie unter dem Eindruck von Flower-Power- und Hippie-Romantik vor mehr als 50 Jahren „Jesus Christ Superstar“ schrieben. Zunächst als Konzeptalbum, dann 1971 am Broadway uraufgeführt und seitdem zweimal verfilmt, verhandelt die Rockoper die letzten sieben Tagen im Leben Jesu Christi und ist weltweit ein Renner beim Publikum.
In der Regie von Pascale-Sabine Chevroton als Gastspiel des Pfalztheaters Kaiserslautern ist das Stück nun im Großen Haus des Theaters Heilbronn zu erleben, passend zur Osterzeit, aber auch darüber hinaus. Der Abend ist durchkomponiert, kommt also ohne gesprochene Passagen aus, gesungen wird auf Englisch, dazu gibt es deutsche Übertitel.
In der Musiktheatersparte zu Hause – Chevroton inszeniert und choreografiert Musicals, Opern sowie Operetten in Paris, Wien und anderswo –, hat die Französin einen konsequent modernen Zugriff auf den Stoff gewählt. Ihr Jesus ist Kopf einer sozialen Bewegung zwischen Glaube und Fanatismus, die sich so organisiert, wie das solche Gruppen heute eben tun: über die sozialen Medien. „What’s the buzz? Tell me what’s happening“, auf Deutsch etwa „was geht ab?“, fragen die Apostel, Maria und Jesus in einer der ersten Nummern, während im Hintergrund Chatverläufe an die Wand projiziert werden.
Widersacher wie Kaiphas und die Priester sowie die Politiker Pilatus und Herodes zeichnet die Regie dagegen als aalglatte Anzugträger, die es verstehen, sich vor Fernsehkameras geschickt zu verkaufen. Grau ist die Menge, die Jesus auf dem Höhepunkt des Hypes zu Füßen liegt, ehe sie fordert: „Kreuzigt ihn!“. Und anhand derer die Manipulierbarkeit der Massen aufgezeigt wird.
Wo andere diese eigenwillige Version der Heilsgeschichte wie ein rasantes, quietschbuntes Spektakel aufziehen, setzt die Kaiserslauterner Inszenierung auf kühle Reduktion: Wenige Requisiten genügen, um auf der dunklen Bühne von Monika Biegler jeweils die Szene zu wechseln auf den Stationen von der Salbung in Betanien über das letzte Abendmahl bis zur Kreuzigung. Manfred Wilkings Lichtregie setzt wirkungsvolle Akzente. Statisch gerät dieser „Jesus Christ Superstar“ allerdings dann, wenn das Ensemble in Posen verharrt.
Mit Songs wie „Everything’s Alright“, „Hosanna“ und dem titelgebenden „Superstar“ sind Webber und Rice eingängige Songs gelungen, die Ohrwurm-Qualitäten aufweisen. Dynamisch und präzise spielen sich die Musiker unter der Leitung von Olivier Pols durch diesen Stilmix, der Rock, Soul und Folk vereint. Durch die Bank weg bestens aufgelegt sind auch Sänger, Sängerinnen und Chor bei der Premiere in Heilbronn.
Konservative Christen fühlten sich seinerzeit provoziert, dass die Passionsgeschichte aus der Perspektive von Judas erzählt wird. Ohne Judas kein Jesus, begreift Pascale-Sabine Chevroton den einen als Alter Ego des anderen. Weswegen sie in dieser Produktion als Doppelgänger daherkommen, optisch im gleichen Outfit, aber auch wenn sie sich gegenseitig die Gedanken einzuflüstern scheinen oder einander in den Armen liegen. Gunnar Frietschs Gottessohn ist ein beharrlicher Visionär, der seinen Traum von einer besseren Welt verfolgt, Lucius Wolter ist der warnende Zweifler, der auf der Suche nach Hilfe zum Verräter wird. Stimmlich ausdrucksstark und ohne Scheu vor großen Gesten sind sie beide.
Valerie Gels ist eine besänftigende Maria Magdalena, die versucht, sich einen Reim auf ihre Liebe zu Jesus zu machen. Arkadiusz Jakus imponiert mit seinem respekteinflößenden Bass als Hohepriester Kaiphas. Und Johannes Hubmer gestaltet seinen Herodes als Trump-Parodie und wird während seinem Kurzauftritt von einer gewehr-schwingenden Tanztruppe begleitet, die an vermummte ICE-Beamte erinnert. Begeisterter Beifall vom Publikum nach mehr als zwei Stunden mit Pause für eine überzeugende Gesamtleistung.
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