Niemals mit dem Kopf zum Krug: Gerhard Polt im Theater Heilbronn
Gerhard Polt, die Well-Brüder und Heilbronn, das ist eine besondere Beziehung. Beim Nachholtermin im Großen Haus geht es die bayerische Kabarettlegende ruhiger an. Die Pointen sind aber gewohnt böse.

„Wenn wir Deutschen den Ersten Weltkrieg nicht verloren hätten, hätte es den Zweiten gar nicht gebraucht.“ So hat es die Kunstfigur Gerhard Polt dem Enkel eingetrichtert. Und so hat es der Bubi, kaum zwölf Jahre alt, im Geschichtsunterricht brav wiedergekäut. „Aber glaubt ihr, die Noten wären besser geworden?“ Dabei ist das heutige „Lehrermaterial“ für Polt nur eines von vielen Symptomen dafür, was in diesem Land alles schief läuft. Und die bayerische Kabarettlegende mittendrin in ihrer ersten Nummer am Montag im Theater Heilbronn. „Aber ich sag nix mehr.“
Der kleingeistige Kleinbürger, der sich in Rage redet, ist Gerhard Polts Paraderolle, die er in seiner fünf Jahrzehnte umspannenden Bühnenkarriere perfektioniert hat. Wenngleich er es anders als früher etwas ruhiger angeht beim nachgeholten Auftritt zusammen mit den Well-Brüdern aus’m Biermoos. Eine für den 30. März angesetzte Vorstellung musste krankheitsbedingt kurzfristig abgesagt werden. „Ich bin auch keine 80 mehr“, kokettiert der sichtlich schmalere Grantler selbst auf der Bühne im gutbesuchten Großen Haus.
Streckenweise wirkt Gerhard Polt wie ein Statist im eigenen Programm
Von Altersmilde kann jedoch nicht die Rede sein. Gewohnt böse sind die Pointen, die der Meister des abgründigen Humors wie kein anderer in scheinbar harmlose Naivität zu verpacken weiß. Polt beobachtet präzise, schaut den Mitmenschen aufs Maul und ins Hirn. Das Makabre kommt bei ihm schon mal als fette Schmeißfliege im offenen Mund einer Leiche daher. Stürmischen Beifall erntet der 83-Jährige, als er einstimmt in die muntere Variation des Volkslieds „Mein Hut, der hat drei Ecken“ seiner kongenialen musikalischen Begleiter und den Schlusston in einer Art Kraftdemonstration lange hält. Polt, die Well-Brüder und Heilbronn: Das ist sowieso eine besondere Beziehung, die lange zurückreicht bis in Gaffenberg-Zeiten.
Dass die Urgewalt streckenweise wie ein Statist im eigenen Programm wirkt? Gehört dazu. Mit stoischer Miene sitzt Polt auf seinem Stuhl, schaut ins Publikum, sagt minutenlang kein Wort, während die Well-Brüder Stofferl, Michael und Karl zwischendurch aufspielen. Allesamt famose Multiinstrumentalisten, besingen sie in witzig-bissigen Texten den Klimawandel in den Alpen sowie Markus Söder und Co., bürsten Bauernregeln gegen den Strich und die Comedian Harmonists in einem Medley zur Seniorenheim-Einweihung. Bis sich Polt wieder erhebt und einnehmend beiläufig loslegt. „Apropos“ lautet der Titel des bajuwarischen Abends mit einigem bekanntem Material. „Apropos“ leitet der Kabarettist, Autor und Schauspieler seine Monologe ein.
Die Fans feiern den Grantler und seine musikalischen Begleiter mit Standing Ovations
Vom verstorbenen Kumpel Berti, der früher für ein Fünferl in die Hose gebrunzt, sich dadurch als Erster Rollschuhe derpieselt hat und schließlich bei der Allianz reüssierte, schwadroniert Polt. Zelebriert dabei die Finessen und Verhunzungen seiner Mundart und leistet Übersetzungshilfe, indem er etwa erklärt, was ein Noagalzuzla ist: „Ein Herr, der sich aus den Bierresten anderer Herrschaften eine neue Halbe komponiert.“
Dass er auch ein ganz anderes dialektales Register beherrscht, beweist Polt, als er in die Rolle des zugezogenen, neureichen Norddeutschen schlüpft, der am Tegernsee im Trachtensakko und bei Weißwürsten aus Lobster meint, „jetzt hier dahoam“ zu sein. Gerhard Polt sinniert übers Älterwerden und Erinnerungslücken, fragt sich, warum Ehefrauen wider besseren Wissens ihre Männer verteidigen, und wundert sich über die Studienwahl vieler Töchter aus seinem Bekanntenkreis. „Muss ich wirklich Psychologie studieren, damit ich weiß, wer ein Depp ist?“
Die Fans sind nach mehr als zwei Stunden inklusive Pause aus dem Häuschen und feiern die vier Bühnenprofis mit Standing Ovations. Ehe die Well-Brüder ihre tänzerischen Fähigkeiten demonstrieren, erklärt Polt als Zugabe, was er unter Gemütlichkeit versteht: nämlich eine quasi buddhistische Gedankenleere im Biergarten. Aber Achtung: „Niemals mit dem Kopf zum Krug.“ Immer umgekehrt.

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