Buchtipp
Alex Aßmann: Im Gefängnis frei. Andreas Baader, der Brandstifterprozess und die politische GewaltEdition Nautilus, Hamburg288 Seiten, 22 Euro
Alex Aßmann hat den Gefängnisnachlass von Andreas Baader ausgewertet und zeichnet ein neues Bild von Deutschlands ehemaligen Staatsfeind Nummer eins

Dieser Andreas Baader, ein ungehobelter Klotz, loses Mundwerk, laut, ohne Substanz, brutal, Anführer einer Terror-Armee, dieser Andreas Baader war offenbar gar nicht so. Sondern ein reflektierter Mensch, ein Verlierer im Bildungssystem, der sich im Gefängnis zum Intellektuellen gelesen und geschrieben hat. Alex Aßmanns beschreibt in seinem neuen Buch „Im Gefängnis frei. Andreas Baader, der Brandstifterprozess und die politische Gewalt“, das heute erscheint, wie sich der spätere Mitgründer der Rote Armee Fraktion (RAF) gebildet, politisiert und radikalisiert hat.
Alex Aßmann hat etwas, das andere bisher nicht hatten und deshalb auf Erzählungen, tradiertes angebliches Verhalten des Protagonisten oder schlicht auf Erfundenes zurückgriffen: Den Gefängnisnachlass von Andreas Baader aus seiner Haft nach dem Frankfurter Brandstifterprozess 1968/69. Das Konvolut umfasst mehr als 1000 Seiten mit Notizen. Hinzu kommt, und hier hat Aßmann das gemacht, was jeder Autor machen sollte: er hat verlässliche Quellen gesucht und zeichnet jetzt ein völlig neues Bild des späteren Terroristen Andreas Baader.

Der Bildungsverlierer Ein Bild, das eben nicht auf überlieferte Sprüche wie „Schießen ist wie ficken“ baut, sondern auf Tatsachen. Dabei schwebt über allem die Frage, wie sich Baader und Gudrun Ensslin, die mit ihm zusammen festgenommen worden war, so sehr radikalisieren konnten, den Staat, das US-Militär, die Justiz so sehr hassten, dass sie anfingen, Bomben zu legen. Es ist die Geschichte eines Bildungsabsteigers, der sich in Haft bildete, politisierte und dann in der Folge radikalisierte. Andreas Baader wurde zum intellektuellen Extremisten.
Buchtipp
Alex Aßmann: Im Gefängnis frei. Andreas Baader, der Brandstifterprozess und die politische GewaltEdition Nautilus, Hamburg288 Seiten, 22 Euro
Alex Aßmann beschreibt nonchalant, wie sich Baader im Münchner In-Viertel Schwabing zwischen Künstler, Boheme und dem späteren Kommunarden Dieter Kunzelmann herumdrückte, wie er mit einem geklauten Motorrad mit 120 Sachen durch den Englischen Garten raste. Wie Baader den „Bild“-Reporter Franz Josef Wagner traf und später in Berlin ein Volontariat als Gerichtsreporter ausgerechnet beim Klassenfeind begann. Aber dieser Baader, der war noch nicht politisch, der war zwar bei den Schwabinger Krawallen festgenommen worden, aber das nur deshalb, weil er sich über Polizeigewalt beklagt hatte.
Der junge Baader musste erst in Urlaub fahren, um zu bemerken, dass es so etwas wie ein Arbeiterelend gibt, aber weder der Vietnamkrieg noch der Auschwitzprozess interessieren ihn besonders. Stattdessen ging er eine Beziehung mit einer verheirateten Frau ein (Ellionor Michel), holt espäter seine Freundin Gudrun Ensslin in die Wohnung und zwischen Michel im Hinterzimmer und Ensslin vorne tagt der Weltrevolutions-Tisch der Kommune I. Zu der hatte Baader ab Mai 1967 Kontakt und hier begann die Schaffung des Schläger-Mythos.

Das Buch folgt den Quellen und doch kann Autor Aßmann nicht genau sagen, weshalb dann im April 1968 vier junge Menschen zwei Kaufhäuser in Frankfurt anzündeten, weil sie es vermutlich selbst nicht wussten.Akribie Baader hat sich erst vom Studium der Sprachkritik Ludwig Wittgensteins ausgehend eine Theorie geschaffen. Aßmann beschreibt die Akribie Baaders, der für einen Brief an Gudrun Ensslin manchmal sechs Entwürfe brauchte, der von Ensslin zu immer genauerem Arbeiten angehalten wurde – und dies auch umgekehrt tat.
Es ist nicht die Gewalt, die diese beiden späteren Protagonisten des bundesdeutschen Linksterrorismus zusammenschweißt, es ist die gemeinsame Arbeit an Gedanken und Theorien während der Haftzeit. Andreas Baader wird zum Gestalter und seine eigene Biographie zum Werk. Für Klaus Lemkes Film „Brandstifter“ mit der Hauptdarstellerin Margarethe von Trotta hat Baader ein Drehbuch geschrieben. Das hat Lemke zwar nicht genutzt, aber es gibt mehr als auffallende Ähnlichkeiten zu Baaders Entwurf.
Die Brandanschläge in Frankfurt waren zwar eigentlich Nichtigkeiten, aber als der Philosoph Herbert Marcuse im Mai 1968 and er FU Berlin mit Studierenden diskutierte, waren sie das Hauptthema. Da kämpfte Baader noch mit Lesen und Schreiben gegen seine Depressionen.

Die vier Brandstifter sollten am 13. Juni 1969 überraschend freikommen. Kein Jahr später waren Baader, Ensslin, die Journalistin Ulrike Meinhof und Baaders Anwalt Mahler die Köpfe der RAF und meistgesuchte Verbrecher des Landes.
Zur Person
Alex Aßmann (geboren 1977), ist habilitierter Erziehungswissenschaftler. Er veröffentlichte die Biografien Klaus Mollenhauer: Vordenker der 68er – Begründer der emanzipatorischen Pädagogik (Schöningh 2015) und Gudrun Ensslin: Die Geschichteeiner Radikalisierung (2018). Aßmann lebt im Odenwald.
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