Neuerscheinung
Giovanna-Beatrice Carlesso, „Wilhelmine Müller aus Neipperg“, „Spuren“ 141, 16 Seiten, 4,50 Euro.
Um 1800 war Wilhelmine Müller aus Neipperg die meistveröffentlichte Autorin in deutschsprachigen Almanachen und Taschenbüchern - was uns ein neues „Spuren“-Heft über diese mutige Frau erzählt.

„Ich stürzte kühn und mutig ins Gefechte / Und kämpfte tapfer für des Weibes Rechte.“ Was Wilhelmine Müller 1802 an ihren Dichterfreund Gottlieb Konrad Pfeffel schreibt, ist bezeichnend für den Mut der Pfarrerstochter aus Neipperg, die in ärmlichen Verhältnissen aufwächst. Und für das kulturelle Umfeld um 1800, das Frauen nur wenig Handlungsspielraum zulässt.
Dass die 1767 als älteste Tochter des Pfarrers Michael Maisch geborene Wilhelmine, die den neun Jahre jüngeren Karlsruher Buchdrucker Christian Friedrich Müller heiraten wird – der den Code Napoléon auf Deutsch verlegt –, unter ihrem eigenen Namen publiziert, ist so bemerkenswert wie das kurze Leben dieser Netzwerkerin. In der bibliophilen Reihe „Spuren“ des Deutschen Literaturarchivs Marbach wird dieses Leben nun kundig nachvollzogen.
Giovanna-Beatrice Carlesso, die Autorin des Heftes mit dem schlichten Titel „Wilhelmine Müller aus Neipperg“, wird während ihres Studiums an der Universität Stuttgart auf die zu Lebzeiten in deutschsprachigen Almanachen, Taschenbüchern und Kalendern meistveröffentlichte Dichterin aufmerksam.
Kein Einzelschicksal ist, dass Wilhelmine Müller heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist. „Für Frauen war es schon immer schwer, in den literarischen Kanon aufgenommen zu werden“, weiß Carlesso. 1991 in Brackenheim geboren, stößt die promovierte Germanistin und Kunsthistorikerin, Ausstellungsleiterin des Kunstvereins Brackenheim und Leiterin des Theodor-Heuss-Museums einst auf der Suche nach einem Thema für ihre erste Seminararbeit auf Müller, die in einer Brackenheimer Oberamtsbeschreibung erwähnt ist. Später widmet Carlesso der unerschrockenen, schwäbischen Dichterin ihre Bachelorarbeit, 2015 gibt sie deren gesammelte Gedichte neu heraus.
Der „Höhepunkt meiner Wilhelmine-Recherchen“: Carlesso entdeckt deren Gipsbüste in der Schädelsammlung des Arztes Franz Joseph Gall in Baden bei Wien. Die Summe ihrer Forschungen ist nun reich bebildert auf den 16 Seiten eines „Spuren“-Hefts verdichtet. Nachkommen von Wilhelmine Müller gibt es keine, die zwei Söhne sterben im Säuglingsalter, die Dichterin selbst stirbt 1807 mit 40 Jahren in Karlsruhe an Typhus. Eine Tafel an der Neipperger Kirchhofmauer erinnert an die Frau, die hier aufwächst bis zu ihrem 15. Lebensjahr.
Müllers Mut und Selbstbewusstsein gefallen nicht allen. Als sie nach einem zweijährigen Aufenthalt in Wien 1798 zurückkehrt, notiert Henriette von Hoven, die Ehefrau eines engen Freundes Schillers, herablassend in einem Brief an Charlotte Schiller: „Vor einigen Wochen besuchte mich eine Dichterin, die Wilhelmine Maisch. Aber weder ihr Aeußeres, noch irgend etwas an ihr hat mir gefallen. Wie groß ihre Einbildung von sich selbst sein muß, können Sie daraus abnehmen, daß sie mir ganz bestimmt sagte: ,Wenn ich Erziehung und Ausbildung in meiner Jugend genossen hätte, so würde ich eine zweite Sappho geworden sein’.“
Tatsächlich muss sich Wilhelmine Maisch vieles erkämpfen. Der Vater ist um die Ausbildung seiner Söhne bemüht, nicht um die der Tochter. Die hilft im Haus und arbeitet auf dem Feld, eine Kindheit in prekären Verhältnissen. Als der Vater auf eine Pfarrstelle in Adelshofen versetzt wird, findet sie in dem Geistlichen Wilhelm Köster einen Förderer. Köster macht sie mit wichtigen Lyrikern bekannt. Karl Philipp Conz, ein Jugendfreund Schillers, verhilft der 24-Jährigen zu ihrer erster Veröffentlichung, noch unter dem Kürzel Wilhelmine M. Ab 1796 veröffentlicht die Neippergerin unter vollem Namen, schreibt für die von Friedrich Cotta verlegte „Flora“, eine der ersten Frauenzeitschriften, und den vom Heilbronner Carl Lang herausgegebenen „Almanach und Taschenbuch für häusliche und gesellschaftliche Freuden“. Wilhelmine Müller macht Bildung für Mädchen zum Thema, wirbt für die Gleichberechtigung der Geschlechter.
Schwärmerisch erinnert sie sich an ihre Kindheit und Jugend in Neipperg, schildert das naturnahe, einfache und bescheidene Leben. „In einem kleinen freundlichen Dörfchen (...) begann mein Daseyn.“ Volkstümliche Erzählungen ranken sich um Dorf und Burg. „Im verklärenden Rückblick“, schlussfolgert Carlesso im „Spuren“-Heft, wird Neipperg zum Ort poetischer „Selbstvergewisserung, die in ländlicher Herkunft keinen Nachteil erkennt, sondern Quelle von Authentizität und schöpferischer Inspiration“.
Giovanna-Beatrice Carlesso, „Wilhelmine Müller aus Neipperg“, „Spuren“ 141, 16 Seiten, 4,50 Euro.

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