Nach „Hawaii“: Cihan Acar veröffentlicht mit „Casino“ seinen zweiten Roman
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Die Sopranos von Steinheim? Nicht ganz. Ob der erfolgreiche Geschäftsmann Cumali Karagöz wirklich ein Mafioso ist oder nicht, lässt Autor Cihan Acar offen in seinem deutsch-türkischen Familienroman.
„Ich würde mich nicht unbedingt als Außenseiter bezeichnen, wobei ich schon immer dieses Beobachtende hatte": Cihan Acar in Heilbronn am Neckar. Am Fluss in der fiktiven Stadt Steinheim spielt auch sein neuer Roman "Casino".
Foto: Mario Berger
Vom Neckar ist er noch nicht losgekommen. Nach seinem in Heilbronn angesiedelten Debüt „Hawaii“ spielt auch Cihan Acars zweiter Roman am Fluss, wenngleich die 100 000-Einwohner-Stadt Steinheim – unweit von Stuttgart gelegen – frei erfunden ist. „Je fiktiver es wird, umso freier bist du einfach beim Schreiben“, erklärt der Autor den teilweise literarischen Ablöseprozess von seiner Heimatregion, die für ihn neben anderen Dingen wie ein Anker ist.
Am Dienstag erscheint „Casino“ bei Hanser Berlin, auf den Tag genau sechs Jahre nach der Veröffentlichung von „Hawaii“. Ein Zufall, wie Cihan Acar erzählt, der für die Buchpremiere nach Berlin fährt. In Heilbronn liest Acar eine Woche später im Literaturhaus. Im kleinen Kreis hat der Bad Friedrichshaller schon darauf angestoßen, als die ersten gedruckten Exemplare mit der Post eingetroffen sind, Frau und Sohn haben das Paket entgegengenommen und ihn überrascht mit einer selbstgebastelten Karte. „Sei stolz auf Dich!“, war darauf zu lesen.
„Casino“ oder Eine Familie leidet unter dem Ruf des Vaters
„Ich muss immer sehr viel herumexperimentieren, irgendwann sitzt der Ton, irgendwann sitzt die Perspektive, und ich bin drin, dann läuft es auch“, berichtet Acar vom langen, harten Weg, bis er in eine Geschichte hineinfindet. Was umso mehr für „Casino“ galt, ein Familienroman, der zeigt, wie deren Mitglieder auf unterschiedliche Art unter dem Ruf des Vaters leiden.
Cumali Karagöz ist ein Aufsteiger, der Geschäftsmann mit türkischen Wurzeln hat in seiner Heimatstadt Steinheim ein Glücksspielimperium errichtet. Mit der Eröffnung eines riesigen Casinos will er nun seinen größten Coup landen. Doch es gibt diese Gerüchte, dass Cumali – genannt Cuma – ein Mörder ist, vielleicht sogar Teil des organisierten Verbrechens.
Glücksspiel ist ein zynischer Begriff, bedenkt man, wie viele Menschen es ins Unglück stürzt. „Das Spiel auf der einen Seite, auf der anderen Seite das pure Geschäft: Diese Kombination ist erzählerisch interessant und passt zur Figur, die kontrovers gezeichnet ist“, sagt Cihan Acar, den Casinos nie angezogen haben. „Selbst war ich nicht drin.“ Historisch interessiert, wie der 39-Jährige ist, hat er sich lieber mit der Geschichte des Glücksspiels befasst. Auch zu Boxer Mike Tyson, der in „Casino“ eine Rolle spielt, hat Acar recherchiert, Dokus über ihn angeschaut und dessen Autobiografie gelesen.
Cihan Acar: Leser soll sich fragen, wie stehe ich zur Hauptfigur?
Dass „Casino“ Anleihen nimmt an der HBO-Kultserie „The Sopranos“ aus den 2000ern über jene Mafiafamilie aus New Jersey, kann der Autor nicht verhehlen. Obwohl Acar betont, dass er keinen Mafiaroman – so es dieses Genre überhaupt gibt – geschrieben hat. Der Text legt sich nicht fest, ob der liebevolle Familienmensch Cuma ein Pate ist oder nicht. „Das wollte ich ganz bewusst so, dass man sich beim Lesen immer mehr die Frage stellen muss, wie stehe ich zu dieser Figur.“ Ist am Ende vielleicht alles nur Show fürs Image?
Weswegen auch der Erzähler keinen Zugriff hat auf Cumas Gedanken. Wie durch eine Kamera verfolgt der Leser den Patriarchen. Das filmische Schreiben liege ihm, merkt Cihan Acar an. Ein bisschen näher kommt man dagegen Cumas Frau Hannah, Tochter Zaha und Ediz, dem Sohn. Zwar versuchen die drei mit seinem übergroßen Schatten und seiner möglichen Vorgeschichte fertig zu werden, zwangsläufig werden aber auch sie immer wieder in die Rolle von Außenseitern gedrängt. Zeitlich zunächst viel weitgreifender geplant, hat Acar die Handlung von „Casino“ schließlich auf wenige Monate verdichtet.
Zur Person
Cihan Acar wird 1986 in Bad Friedrichshall geboren, wo er heute wieder lebt. Nach seiner Schulzeit liebäugelt er damit, Journalist zu werden als Praktikant bei der Stimme, entscheidet sich dann aber für ein Studium der Rechtswissenschaften in Heidelberg. 2020 erscheint sein Debütroman „Hawaii“, für den Cihan Acar mit dem Literaturpreis der Doppelfeld Stiftung, Literaturstipendium des Landes Baden-Württemberg und dem Thaddäus-Troll-Preis ausgezeichnet wurde, auch ist er Finalist beim ZDF-„aspekte“-Literaturpreis. 2021 inszeniert Nurkan Erpulat den Stoff am Theater Heilbronn.
Wird es bald eine Verfilmung von „Hawaii“ geben?
Was ihn an Außenseitern, zu denen man auch den gescheiterten Fußballstar Kemal aus „Hawaii“ zählen kann, so fasziniert? Acar tut sich schwer mit einer Erklärung, spricht über den Blick vom Rand auf eine Gesellschaft und zieht eine Parallele: „Ich würde mich nicht unbedingt als Außenseiter bezeichnen, wobei ich schon immer dieses Beobachtende hatte.“
Verhagelte die Corona-Pandemie 2020 die Lesereise mit seinem Debüt, freut sich Acar nun auf seine ersten Buchmesseauftritte in Leipzig. Und wie geht es weiter? „Ich habe schon mehrere Ideen, die ich gerne nach und nach angehen würde“, sagt der Schriftsteller, der sich darüber mit seinem Verlag austauschen möchte. Zusammen mit Regisseur Ozan Mermer hat Acar auch eine Drehbuchfassung von „Hawaii“ verfasst, gefördert vom bayerischen Filmfonds. Eine Produktionsfirma habe sich die Option auf den Stoff gesichert, derzeit werde die Finanzierung abgeklärt. Zwar ist Cihan Acar nicht mehr direkt involviert, wohl wird er aber auf dem Laufenden gehalten. „Zuletzt klang es ganz optimistisch.“
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