Hans Christian Aavik, 1998 in Tallinn/Estland geboren, begann mit dem Violinstudium im Alter von fünf. 2017 zog er nach Deutschland, um an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt zu studieren. Derzeit studiert Aavik an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien sowie an der Kronberg Academy im Taunus. Als Solist konzertierte er unter anderem mit dem Estnischen Nationalen Symphonieorchester, dem Stuttgarter Kammerorchester und der Kopenhagener Philharmonie. Als Young Artist wird der 27-jährige Geiger nun öfter beim WKO zu erleben sein. cid
Musikalische Menschenfänger aus Leidenschaft
Belcanto, Romantik, Minimal Beats: Wie das WKO-Neujahrskonzert in der Harmonie Heilbronn mit dem jungen Violinisten Hans Christian Aavik unter der Leitung von Risto Joost zu einem Erlebnis wird.

Als der Abend dann endet, nach einem vom Publikum mehrfach und synkopisch geschmetterten „Heilbronn“ und Johann Strauss’ Mitklatschknüller „Radetzky-Marsch“ als weitere Zugabe, da ist Risto Joost und dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn die Charmeoffensive vollends gelungen. Ein Neujahrskonzert, musikalisch differenziert, kontrastreich, mit technisch so versierten wie bestens aufgelegten Musikern, das dem Irrsinn der Welt für knapp drei Stunden mit Pause die Kraft der Kunst entgegenhält. Eine Kunst, die global denkt, auf Augenhöhe. Wie international das WKO zusammengesetzt ist, demonstrieren die Neujahrsgrüße der Musiker von Hebräisch bis Schwäbisch, das Publikum in der Harmonie ist fasziniert, Jubel und Applaus.
Charmant und gutaussehend
Mögen die Wiener Philharmoniker Yannick Nézet-Séguin haben, der charismatische Kanadier mit lackierten Fingernägeln leitete soeben das wohl berühmteste Neujahrskonzert, Heilbronn hat den „wunderbaren, gutaussehenden und charmanten“ Risto Joost, kokettiert WKO-Intendantin Katrin Kirsch auf der Bühne. Tatsächlich ist der estnische Dirigent ein Gewinn, ein Menschenfänger, der für Klassik begeistert, wenn man spürt, was er mit seinen körperbetonten, dabei nie manierierten Gesten klanglich auszulösen vermag.
Noch einen Menschenfänger, gibt es am Montagabend, den Violinisten Hans Christian Aavik. Ebenfalls aus Estland, 27 Jahre alt, wird er als Young Artist in den kommenden Jahren beim WKO zu erleben sein. Wie Dirigent, Solist und Orchester hier zusammenfinden, um Musik zu verwirklichen, fasziniert. Unterhaltung mit Haltung, das Neujahrsprogramm schlägt den Bogen vom 19. ins 20. Jahrhundert. Ein eingängiges Potpourri, aber kein gefälliger Mix, von Gioachino Rossini über Steve Reich und Leonard Bernstein zu Johannes Brahms und mehr.
Ruhig und bestimmt führt Risto Joost das WKO
Rossinis einprägsame Ouvertüre zu „Der Barbier von Sevilla“, die so lebendig klingt und leicht, ist anspruchsvoll und gehört sicher zum Besten, was die Gattung der Opera Buffa, der komischen Oper, zu bieten hat, wenn man den punktgenauen Pizzicati der WKO-Streicher lauscht und den Bläsern im heiteren Wechsel. Ruhig und bestimmt, mitunter nur mit Blicken, führt Risto Joost das Orchester
Soeben erst hat er in der Elbphilharmonie und der Carnegie Hall gespielt, jetzt ist Hans Christian Aavik in Heilbronn – und verwandelt die Rossini-Arie „Una voce poco fa“ in ein Violinsolo. Was sonst eine Mezzosopranistin auf den Punkt bringt, lässt Aavik funkeln, holt Witz und Tremoli aus seinem Instrument, unterstützt von den WKO-Musikern, explosiv und virtuos wie auch bei den folgenden Stücken.
So lebhaft wie technisch knifflig
Nach italienischem Belcanto wechselt das WKO die Cluster und schwelgt im tschechischen Nationalstil Bedrich Smetanas. Smetanas Ouvertüre zu „Die verkaufte Braut“, so lebhaft wie technisch knifflig mit tragenden Holz- und Blechbläsern, gerät zum schwebenden Klangteppich, temperamentvoll kontrastiert von Cellisten und Contrabassisten.
Mit Nonchalance gestaltet das Orchester Gabriel Faurés Pavane op.50 und transportiert das gewisse Extra einer Fin-de-siècle-Atmosphäre, zum Abtauchen schön, mit Querflöte. Dann: ein weiterer Franzose, Faurés Lehrer Camille Saint-Saëns, bei dem die meisten an dessen zoologische Fantasie “Karneval der Tiere“ denken dürften. Nun führt Risto Joost durch Saint-Saëns’ Introduktion und Rondo capriccioso, wie es sich für ein Capriccio, eine Laune, gehört. Als lockte Aavik einen Peitschenknall aus seiner Violine, spielt er auf der Klaviatur der Dynamik, den Lautstärken und ihren Abstufungen.
Nach der Pause schafft das WKO mit rhythmisch klatschenden Händen, mit „Clapping Music“ von Steve Reich, minimalistische Klangstrukturen. Dass aus den USA sehr wohl Gutes kommen kann, beweisen Orchester und Gast mit Auszügen aus Bernsteins „West Side Story“ in mitreißenden Bearbeitung für Kammerorchester und Violine.
Ein launiges Showelement
Wie essenziell für die Umsetzung von Musik klare Kommunikation unterhalb der Künstler ist, demonstrieren Brahms Ungarische Tänze 1, 5 und 6. Als launiges Showelement funktioniert „The Typewriter“ von Leroy Anderson, ein knappes Orchesterstück, bei dem eine mechanische Schreibmaschine Effekte schafft. Mit Vittorio Montis Rhapsodie „Czárdás“ endet offiziell das Programm zwischen melancholischem Moll und brillantem Allegro vivo.

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