Mitspieler oder Fußabtreter?: Herfried Münkler über die Zukunft Europas
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Die USA, Russland und China spielen Schnellschach. Wie kann sich Europa dafür fit machen? Der Politologe Herfried Münkler hätte da ein paar Vorschläge.
„Die Europäer müssen vor die Lage kommen“: Herfried Münkler am Freitagabend unter der Pyramide der Kreissparkasse Heilbronn.
Foto: Kreet, Martina
„Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen“, hält es der Politologe Herfried Münkler mit Bertolt Brecht, der diese Sätze auf seinem Grabstein wünschte. Sich in die philosophische Belehrerrolle zu flüchten, „nur Studenten zu quälen“ und Bücher zu schreiben, ist Münklers Sache nicht, wie der 74-Jährige im Gespräch mit Historiker und Moderator Erich Pelzer bekennt.
Münkler, der seinen Thukydides, Macchiavelli und Clausewitz genau studiert hat, beobachtet Politik am liebsten aus der Nähe, zieht seine Schlüsse und teilt sie mit anderen. Der emeritierte Professor berät die Mächtigen, mischt sich ein in die öffentliche Debatte. Und hat nun auch unter der Pyramide der Kreissparkasse Heilbronn Vorschläge gemacht, wie Europa sich befreien kann aus der geopolitischen Sandwich-Position zwischen Russland und den USA.
In diesen Zeiten tut Besonnenheit Not und bedient der Public Intellectual mit weitsichtigen Analysen das Bedürfnis nach Orientierung. Mit 450 Besuchern ist die Veranstaltung ausgebucht, die eine Kooperation ist von Literaturhaus und Kulturstiftung der Kreissparkasse.
"Europa in der geopolitischen Sandwich-Position" lautete der Titel des Abends. Mit 450 Bewuchern war die Veranstaltung ausgebucht.
Foto: Kreet, Martina
Herfried Münkler: „Hatten Ressentiment nicht auf der Rechnung“
Am Pult zunächst frei redend, steigt Herfried Münkler ein in den Abend und skizziert die Ausgangslage. „Wir können uns nicht mehr in Sorglosigkeit einrichten“, stellt der gebürtige Hesse klar. Denn die Weltordnung nach 1989/90 war lediglich ein Work-in-Progress und das Vertrauen darauf, die großen Mächte werden die Regeln schon einhalten, eine riskante Annahme.
„Die Erwartung hat die Erfahrung immer überlagert“, resümiert Münkler und zeigt auf, „was man nicht auf der Rechnung hatte“: Ressentiment. Jenen von Nietzsche geprägten Begriff, den der Politikwissenschaftler mit Groll, Wut, Zorn, Hass, auch Rache übersetzt. Vor allem Putin und Trump, so Münkler, sind ressentimentgeladene Menschen.
Auch fehle ein Regelhüter – eine Rolle, die die USA de facto innegehabt hätten, bis sich Trump mit seiner Ansage „America first“ davon krachend verabschiedet habe. Was Deutschland, was Europa gerade erlebt, dafür ist Olaf Scholz’ Formel von der Zeitenwende nach Herfried Münklers Dafürhalten zu harmlos. Das disruptive Moment treffender beschreibt in seinen Augen der Ausdruck Zeitenbruch, den Joschka Fischer ins Spiel gebracht hat.
„Die Europäer müssen vor die Lage kommen“, empfiehlt der Politikwissenschaftler
Akteur der Weltpolitik oder Fußabtreter der großen Mächte? Die nächsten fünf bis zehn Jahre sind entscheidend für Europa, das sich anders aufstellen muss, wenn es auf der globalen Bühne ein Wörtchen mitreden will. „Wir bewegen uns auf einem Feld, auf dem die politische Klasse nicht zu laufen gelernt hat“, kommentiert Münkler und fordert: „Die Europäer müssen vor die Lage kommen.“ Soll heißen: Sie müssen Entscheidungen treffen mit unvollständigen Informationen. Denn die USA, Russland und China spielen Schnellschach.
„Etwas, das auf die Schnelle zu machen ist“, um europäische Führung zu übernehmen, ist laut Münkler eine Kooperation zwischen Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen. Auch das Direktorium der Weltordnung skizziert der „Ein-Mann-Think-Tank“ als Pentarchie, wozu er neben Europa als Kandidaten noch Indien zählt. Warum ein Fünfer- und kein Dreiersystem? „Es gleicht sich mechanisch aus.“
„Wir können uns nicht mehr in Sorglosigkeit einrichten.“
Herfried Münkler
Zwei dichte Stunden lang führt Herfried Münkler seine Gedanken aus, argumentiert historisch teils weit zurückgreifend, lässt bei aller Nüchternheit gelegentlich trockenen Humor aufblitzen.
„Die Demokratie ist die am gefährdetste Verfassungsform“, da sie eine relativ hohe Urteilskraft bei den Wählern voraussetzt, betont der Politologe. Auch habe die Demokratie keinen Sensus dafür gehabt, dass sie Feinde haben könnte. „Die Franzosen haben das geschickt gemacht mit der Blonden“, spielt Münkler auf den Betrugsprozess gegen die rechtsnationale Politikerin Marine Le Pen an, der ihre Präsidentschaftskandidatur 2027 verhindern könnte.
„Ich bin ein Anhänger der politischen Auseinandersetzung mit der AfD“, für ein Verbotsverfahren sei es zu spät, erklärt Münkler auf Nachfrage aus dem Publikum. „Deutschland kann sich kein zweites Mal herausreden: ‚Das haben wir nicht gewollt‘.“ Herfried Münkler hat Vorschläge gemacht. Es wird sich zeigen, ob sie angenommen werden.
Zur Person
Herfried Münkler, geboren 1951 im hessischen Friedberg, studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, wo er auch promovierte und sich habilitierte. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Machiavelli“, „Imperien“, „Die Deutschen und ihre Mythen“ und „Der große Krieg“. Mit Schwerpunkt Politische Theorie und Ideengeschichte lehrte Münkler an der Humboldt-Universität Berlin.
Reihe „Wendezeiten“
Als nächstes zu Gast unter der Pyramide der KSK Heilbronn ist am 6. März ab 19 Uhr Schriftsteller Ingo Schulze.
Traurig, aber keine Sorge: Sie können natürlich trotzdem weiterlesen.
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