Jürgen von der Lippe, als Hans-Jürgen Hubert Dohrenkamp 1948 in Bad Salzuflen geboren, leitet seinen Künstlernamen von seinem Geburtsort im ehemaligen Fürstentum Lippe ab. 1950 zieht die Familie nach Aachen. Nach seiner Verpflichtung zum Zeitsoldat studiert er Germanistik, Philosophie und Linguistik in Aachen und Berlin. Von der Lippe macht Musik, schreibt für Hörfunk und Zeitungen, ab 1980 tritt er im Fernsehen auf. Er lebt in Berlin.
Mal komisch, mal daneben, fast immer schlüpfrig
Warum ein dreifacher Averna nicht immer hilft und der Flur im Iglu Eisdiele heißt: Comedy-Lesung „Sextextsextett“ mit Jürgen von der Lippe in der Harmonie Heilbronn.

Die drei Schopenhauer-Zitate, die er jedem um die Ohren haut, der ihm vorwirft, „genitalreferentielle Themen“ zu bedienen, vulgo schlüpfrige unter der Gürtellinie: Die dürfen auch in Heilbronn nicht fehlen. Ein kleiner philosophischer Exkurs, schließlich hat Jürgen von Lippe einst auf Lehramt unter anderem Philosophie studiert, um sich dann anders zu entscheiden.
Eine unerhört lange Karriere hat der Mann vorzuweisen. Ein Profi, der Störer so entschieden in ihre Schranken weist, wie er quietschfidel nach knapp zweieinhalb Stunden Bühnenshow samt Pause und drei Zugaben im Foyer sitzt und signiert. Die lange Schlange der von-der-Lippe-Fans mit Buch in der Hand setzt sich nicht nur aus älteren zusammen, sie ist generationenübergreifend.
Beiläufig gerät von der Lippe ins professionelle Schwadronieren
Mit knapp 700 Besucherinnen und Besuchern ist der Wilhelm-Maybach-Saal in der Harmonie ausverkauft, der Komiker, Entertainer, Musiker, Autor, Hörbuchsprecher und Fernsehmoderator tritt inzwischen gern vor kleinerer Runde auf: vom Stand-up- zum Sit-down-Comedian. Eine Comedy-Lesung mit Jürgen von der Lippe, oder wie man den Abend bezeichnen möchte, folgt nicht den gängigen Regeln einer Lesung. Sein jüngstes Buch mit dem Zungenbrecher-Titel „Sextextsextett“ nimmt er im Grunde nicht in die Hand. Blätter hat er vor sich liegen, er liest, doziert, frotzelt, tritt in Kontakt mit seinem Publikum. Beiläufig gerät er ins professionelle Schwadronieren.Hell erfreutes Publikum
Das Publikum ist hell erfreut
Der Titel „Sextextsextett“ ist Programm. Ein Mann, der auf die 80 zugeht, erzählt uns von seinem Lieblingsthema Mann und Frau, was bei von der Lippe zwangsläufig aufs Genitalreferentielle hinausläuft, unverblümt zotig, mal richtig komisch, mal haarscharf daneben. Und immer mit diesem vieldeutigen Jürgen-von-der-Lippe-Lächeln, dem man nachgerade vieles verzeiht. Bis auf den plumpen Einstieg seiner aktuellen Show, die es doch nicht nötig hat, sich an den 0,3 Prozent Diversen im Land abzuarbeiten, am Gendern und am sattsam bekannten Grünen-Bashing. Das Publikum ist hell erfreut, als von der Lippe die olle Habeck-am-Küchentisch-Kamelle durchkaspert. Und den Wechsel von Noch-Außenministerin Annalena Baerbock als „Grüßaugusta“ zur UN nach New York. Man muss weder die Frau noch ihre Politik mögen, aber sehen, dass die Praxis, an der eigenen Karriere zu schrauben, in männerdominierten Chefetagen von Politik und Wirtschaft gang und gäbe ist – nur regt sich keiner auf.
Falten einfach wegmasturbieren
Am Welttag der Poesie, der am 21. März tatsächlich seit 1999 begangen wird, widmet sich die wortgewandte Rampensau von der Lippe, die selbst im Sitzen das Publikum im Griff hat, bald anderen Kernfragen des Lebens als der schnöden Tagespolitik. Masturbation zum Beispiel, ideal für einsame Menschen und empfohlen als Prostataprophylaxe fünf Mal die Woche. Auch dass Michelle Pfeiffer ihre Falten wegmasturbiert, will er gelesen haben. Die Geschichte seines Buches sei eine Geschichte voller Pannen, wechselt er das Argument, weist auf das Allermenschlichste aller Menschen hin – „auch ich habe nur ein Arschloch“ – um zum Problem älterer Herren zu gelangen: Wie das schüttere Haupthaar kaschieren?
Jürgen von der Lippe, zuerst im schwarzen Hemd, nach der Pause in einem seiner legendären bunt bedruckten Oberhemden, strahlt. Zwei, drei Mal an diesem Abend wird er zur Gitarre greifen. Alles andere ist ein wohlkalkuliertes Verfertigen der Gedanken beim Reden zwischen feststehendem Konzept und Improvisation. Von den Tücken „achtsamen Schlussmachens“ und warum ein dreifacher Averna dabei helfen könnte, erzählt er und tröstet mit Heinrich Heines Zeilen „Es ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie immer neu; Und wem sie just passiret, Dem bricht das Herz entzwei.“Das Schmuckstück der Herren
Verlogene Prüderie der Amerikaner
Wer bei Heine nicht textsicher ist, stimmt in Siw Malmkvists Schlager „Liebeskummer lohnt sich nicht my Darling“ ein. Der Saal singt. Flugs die Richtung wechseln, das beherrscht Jürgen von der Lippe. Dass die Peergroup wichtiger ist fürs Altern als die Familie, weiß er. Bringt den „guten, alten Prangergedanken“ ins Spiel, um Straftäter und Bösewichte sichtlich zu brandmarken, reißt Eskimowitze über Binuits und Schneeschwuchteln, lästert über die verlogene Prüderie der Amerikaner, überlegt mit dem Publikum, welchen Namen die Herren ihrem Schmuckstück geben könnten. Von der Lippe hat sich für den Heiligen Antonius entschieden.
Die Durchsichtigkeit des Altherrenwitzes
„Frohe Arschnachten ihr Weinlöcher“, grinst Jürgen von der Lippe und gerät ins Schwärmen über seine Schwäche für besondere Grußkarten und Sprachspielchen. Was er – plötzlich wird er puristisch – nicht mag, sind Sprachverhunzungen in der Presse, ob „Bild“ oder „FAZ“, misslungene Liedtexte, wenn Grönemeyer von „betrogener Nacht“ brummt. Und Fußballer meinen, der Trainer habe den „Fokus hoch gehängt“. Dann werden noch der Political-Correctness-Wahn, binär-heteronormative Paare und ihre Art zu kommunizieren und weitere Uraltklischees verwurstet, köstliche Beispiele gewitzter Klipp-Klapp-Dialoge gegeben und kommt der Mann zum Schluss. Das hat den Charme einer Screwball-Komödie, die sich immer wieder ausbremst von der Durchsichtigkeit ihres Altherrenwitzes. Riesenapplaus.

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