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Männermythen in der Endzeit

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„Poem an Minotaurus/Le Sacre du Printemps“ im Großen Haus des Heilbronner Theaters: Was den Abend mit der quicklebendigen Truppe aus Mannheim sehenswert macht und wie der Tanz den Bogen schlägt vom Macho Picasso zur Moderne Strawinskys.

Picasso hätte es wohl gefallen: Joseph Caldo und Arianna Di Francesco in „Poem an Minotaurus“.
Picasso hätte es wohl gefallen: Joseph Caldo und Arianna Di Francesco in „Poem an Minotaurus“.  Foto: Christian Kleiner

„Picasso war bekennender Macho“, zitiert das Programmheft den Direktor des Kunstmuseums Pablo Picasso Münster, Markus Müller. Dass das Frauenbild des Spaniers verheerend ist, ist unbestritten. Auch, dass kein Künstler des 20. Jahrhunderts so berühmt ist und epochebestimmend. In einem Tanzgastspiel des Nationaltheaters Mannheim treffen im Heilbronner Theater Picassos Männlichkeitsmythos und Strawinskys bahnbrechende dissonante Harmonien aufeinander in einem zweiteiligen Abend.

Wer „Poem an Minotaurus/Le Sacre du Printemps“ jetzt am Freitag verpasst hat, hat noch Ende März/Anfang April die Möglichkeit, diese zwei Choreographien von Stephan Thoss im Großen Haus zu sehen – es lohnt sich. Verknüpft Thoss doch genial, der wie immer auch Bühne und Kostüme verantwortet, Musik und Bewegung, Tanz und Kunst. Thoss’ körperbetonte Arbeiten sind in Heilbronn bekannt.

Tanz als Hochleistungssport

Der Choreograph verlangt viel von seiner Truppe. Hier treffen die Virtuosität der Neoklassik und die Turbogeschwindigkeit des Modern, Poesie und Hochleistungssport zusammen. Und wenn Thoss, der vom Ausdruckstanz einer Gret Palucca kommt, auch in Bildern tanzen lässt, bleibt er zugleich abstrakt.

1965 in Leipzig geboren, Ausbildung an der Palucca-Schule in Dresden, ist Stephan Thoss zunächst Tänzer, dann Choreograph an der Sächsischen Staatsoper Dresden. Danach wird er zum Ballettdirektor der Bühnen Kiel berufen, der Staatsoper Hannover, des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden und ist seit 2016/17 Intendant der Sparte Tanz am Nationaltheater Mannheim. Als Gast choreographiert Thoss unter anderem für das Stuttgarter Ballett, das Bayerische Staatsballett München, das Hamburg Ballett, das Balletto di Toscana Firenze, das Nederlands Dans Theater, das Ballett der Wiener Staatsoper und andere Häuser und erhält mehrfach Auszeichnungen. 

Das zeichnet beide Arbeiten aus, die 18 und 20 Jahre jung sind und als Doppelabend prima zusammenpassen. Thoss huldigt weder dem Mythos des bekennenden Machos Picasso noch zelebriert er ein naturmystisches Frühlingsopfer. Beide Stücke leben stark von der Musik, die, obwohl sie vom Band kommt, in ihren Bann zieht. Zur Minimal Music von John Adams bewegen sich zuerst vier Männer in der Anmutung von Stummfilmfiguren, dann werden ihre Bewegungscluster aus- und raumgreifend.

Die Wiedergänger Picassos

Arme und Beine angewinkelt wie in einem Comic, dann wieder bodentief tänzerisch und athletisch selbstbewusst mit abrupten Richtungswechseln, kann man sie als Wiedergänger Picassos verstehen. Aber auch ohne diesen Subtext funktioniert „Poem an Minotaurus“.

Nun steht der Minotaurus, das mythologische Wesen der Antike mit dem Körper eines Mannes und dem Kopf eines Stieres, für Vitalität und Energie, aber auch Potenz und Triebhaftigkeit und ist ein zentrales Motiv im Werk Picassos: Frauen als Opfer der Begierde des Minotaurus oder in Orgien mit dem Animalischen verwickelt.

Wie Filmmusik klingt John Adams

In Thoss’ Deutung treten die Tänzerinnen – anders als die Männer in Schwarz-Weiß – in Weiß und in vier Farben auf und rufen Picassos kubistische Frauenporträts in Erinnerung. Und doch entwickeln sich Bewegungsmuster auf Augenhöhe, scheint Geschlechterkampf kein Thema mehr. Wie Filmmusik klingt Adams Komposition und setzt Assoziationen frei zu Charlie Chaplins „Moderne Zeiten“: kantig, schroff, treibend dazu das Tanzvokabular der 14 Tänzerinnen und Tänzer in wechselnden Formationen.

Das Zeitalter der Industrialisierung ist das Zeitalter rhythmischer Maschinenbewegungen, die auch Strawinsky inspiriert haben mögen. Als „Le Sacre du Printemps“ 1913 in Paris uraufgeführt wird, kommt es zum Skandal, Das Publikum lacht, pfeift, buht, ahmt Tierstimmen nach, schließlich kommt es zu einem Handgemenge.

Wenn der Rhythmus die Melodik ablöst

Soviel Teilnahme mag man heute vermissen, oder aber das Publikum hat sich gewöhnt an das, womit Strawinsky die musikalische Moderne eingeläutet und das Ballett neue Wege beschritten hat. Auch hier gefallen scharf, kantig, metallisch die Rhythmen, die die Melodik abgelöst haben. Was sich einst in Vaslav Nijinskys Choreographie spiegelte, gießt Stephan Thoss in eine eigene Bewegungssprache. „Le Sacre“ hat zahlreiche Neuinterpretationen erfahren, eine der markantesten stammt sicher von Pina Bausch.

Thoss betont eine Art Endzeit-Futurismus. In spacigen, quecksilbrigen, hautengen Trikots tanzt sein bestens trainiertes Ensemble im spannungsreichen Flow – wieder verblüffen Geschwindigkeit und Sprungkraft im Kontrast zu poetischen Miniaturen. Genderfluide Figuren in der Kulisse einer skulpturalen Industrielandschaft performen ihren Überlebenskampf unerschrocken kraftvoll und zart. Das Heilbronner Publikum ist begeistert und dankt mit Ovationen.

Weitere Vorstellungen

28. März, 1.und 2. April, 19 .30 Uhr, Großes Haus, Theater Heilbronn.

www.theater-heilbronn.de

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