Stimme+
Literaturhaus Heilbronn

Märchensammler und Wissenschaftler: Die Brüder Grimm und ihre politische Seite

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Bei den Brüdern Grimm denken die wenigsten an Politik. Ewald Grothe erklärt in seinem Vortrag, wie die Brüder Jacob und Wilhelm in ihrer Zeit politisch aktiv waren. Der Leiter des Archivs des Liberalismus der Friedrich- Naumann-Stiftung gibt im Literaturhaus Heilbronn Einblicke in das Leben und Wirken der bekannten "Märchenbrüder".

Ewald Grothe zeigt seinem Publikum die politischen Aktivitäten der Brüder Grimm auf.
Ewald Grothe zeigt seinem Publikum die politischen Aktivitäten der Brüder Grimm auf.  Foto: Helmut Melchert

 „Die Brüder Grimm einmal anders, könnte man sagen“, beginnt Ewald Grothe seinen Vortrag im Literaturhaus. Es wird an diesem Abend kaum über die Märchen sprechen, warnt der Leiter des Archivs des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung. „An Politik denken die wenigsten“, wenn es um Jacob und Wilhelm Grimm geht.

Seine anfangs geäußerte Hoffnung, das Publikum nicht zu langweilen  – eine Anspielung Grothes auf eine Zeichnung von Ludwig Emil Grimm mit dem Titel „Ein langweiliger Vortrag“ – scheint in Erfüllung zu gehen. Das zeigen zumindest die vielen Lacher und die munteren Fragen der Zuhörer, als Richard Mössinger vom Theodor-Heuss-Freundeskreis nach dem Vortrag moderiert.

Jacob und Wilhelm Grimm wuchsen in politisch bewegten Zeiten auf

 Neben dem künstlerisch begabten, kleinen Bruder Ludwig Emil erzählt Historiker Grothe auch von der Schwester Charlotte Grimm. Die wohl bekanntesten Grimms, Jacob und Wilhelm, stehen aber im Mittelpunkt des Abends.In der Wissenschaft nennt man sie „Brüder Grimm“ und nicht „Gebrüder Grimm“, erklärt Ewald Grothe. Das steht so auch auf einigen Titelblättern ihrer Werke.

„Wann fängt man an, politisch zu werden“, fragt der Archivar in den Raum. Bei den Brüdern Grimm war es 1793, im Alter von sieben und acht Jahren. Sie zeichneten die Hinrichtung des französischen Königs Ludwigs XVI., genauer gesagt zeichneten sie ein Gemälde mit dieser Hinrichtung ab.Das mag heute irritieren, aber: „Die Zeit war eine andere.“ Die Folgen der Französischen Revolution und Revolutionskriege etwa waren Erfahrungen, die sich auf das Leben von Kindern auswirkten, ordnet Grothe ein. 

Bibliothekar, Professor und Abgeordneter: Die Brüder Grimm sammelten nicht nur Märchen

Der Archivleiter gibt verschiedene Einblicke in das Leben der Brüder. Er berichtet von ihrer Tätigkeit in der Kassler Bibliothek, wie sie 1829 nach Göttingen gingen, dann dort an der Landesuniversität  als Germanisten lehrten.Göttinger  Sieben Wie sie als Teil der Göttinger Sieben 1837 gegen die Aufhebung der liberalen Verfassung durch König Ernst August von Hannover protestierten. „Sie werden dadurch in ganz Deutschland berühmt“, so Grothe – und mit ihren fünf Kollegen entlassen.

Als neue Einnahmequelle sollte nun ihr Deutsches Wörterbuch dienen. Der Archivar verweist auch auf Jacobs Wahl in die Nationalversammlung 1848 und wie er sich nach drei Monaten in Frankfurt verabschiedete: „Er fühlte sich dort nicht besonders wohl.“ Jacobs Verbesserungsvorschlag  für den ersten Artikel der Grundrechte, lehnte die knappe Mehrheit in der Paulskirche ab.

Grothe fasst zusammen: „Sie waren bedeutende Zeitgenossen, die sich viele Gedanken gemacht haben über ihre Zeit.“ Doch gab es auch politischen Missbrauch. Etwa als Nationalsozialisten das vermeintlich „Deutsche“ der im Grunde international aufgestellten Brüder und ihrer Werke in den Vordergrund rückten.

Nach oben  Nach oben