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„Andenken“ an Willy Brandt
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Lars Brandt über seinen Vater: „Wir hatten ein geklärtes Verhältnis zu Lebzeiten“

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Wie sich Lars Brandt an die sehr persönliche, nicht immer konfliktfreie Beziehung zu seinem Vater erinnert. Und warum er und seine Brüder sich gegenseitig nicht kommentieren: ein Abend im Deutschhofkeller Heilbronn.

„Mein Bild von V. ist
kubistisch“: Lars Brandt zu Gast bei der Volkshochschule Heilbronn im Deutschhofkeller.
„Mein Bild von V. ist kubistisch“: Lars Brandt zu Gast bei der Volkshochschule Heilbronn im Deutschhofkeller.  Foto: Mario Berger

Es gibt da dieses „Verfahren“ der drei Brüder untereinander, sich gegenseitig nicht zu kommentieren. Lapidar stellt Lars Brandt das klar am Ende des Abends. Wäre sonst die Gelegenheit gewesen, wird sich der eine und die andere im Deutschhofkeller gedacht haben, den Künstler und Autor nach seinem älteren Bruder, dem Historiker Peter Brandt, zu fragen, nach seinem jüngeren, dem Schauspieler Matthias, und ihrem Verhältnis zur Ikone Willy Brandt.

Mit Lars Brandt gewährt an diesem Abend, eine Veranstaltung von Volkshochschule Heilbronn und Literaturhaus, der mittlere Sohn, Jahrgang 1951, sehr persönliche Einblicke in eine Vater-Sohn-Beziehung und die Umstände jener Zeit, die heute Geschichte ist. „Andenken“ heißt das Buch, ein Porträt des Vaters als privater und öffentlicher Figur, aber auch eine Art Autobiografie des Sohnes, zu dem Willy Brandt großes Vertrauen gehabt haben muss. Erschienen 2006 im Verlag Carl Hanser, ist das Buch vergriffen. In der Bonner Buchhandlung Böttger gibt es noch Exemplare, handsigniert, merkt der gebürtige Berliner an, der nach dem Wechsel des Vaters in die Bundespolitik mitgezogen ist nach Bonn und geblieben.

„Ich bin Künstler“

Lars Brandt hat den Aufstieg des Vaters unmittelbar erlebt, vom Regierenden Bürgermeister in Berlin zum Außenminister und Bundeskanzler. Welche Bedeutung Politik heute in seinem Leben spielt, fragt Moderatorin Katrin Gilliar. „Ich bin Künstler“, sagt Brandt. Dass er bei der dramatischen Weltlage nicht von Politik abstrahieren kann, ist eine andere Sache. „Aber ich war nicht dazu gemacht, Politiker zu werden oder Historiker wie mein Bruder.“

Auch wenn er Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie studiert hat, schon als Kind ging es für ihn in Richtung Kunst. „Ich wollte keine Rollenvorstellungen erfüllen.“ Lars Brandt malt, schreibt, macht Filme, Performances. In der Verfilmung von „Katz und Maus“ 1967 nach der Novelle von Günter Grass übrigens spielen er und sein Bruder Peter die Hauptrollen.

Machtmensch mit warmem Herzen

Nach der Vorstellungs-Runde mit der stellvertretenden VHS-Leiterin Gilliar beginnt der Autor, aus „Andenken“ zu lesen, erinnert sich wechselnd aus der Perspektive des Kindes und des Erwachsenen an die gigantischen Elefantenzähne aus Elfenbein, ein Geschenk eines Staatsgastes, spricht von V., dem Vater und Machtmenschen, der ein warmes Herz besaß, von dessen Verschlossenheit, ja Hilflosigkeit im persönlichen Umgang – da setzt ein Feueralarm der Veranstaltung vorerst ein Ende. Fehlalarm stellt sich heraus, nach einer Viertelstunde geben Feuerwehr und Polizei Entwarnung, und geht es zurück in den Kellerraum. Lars Brandt macht „einfach“ da weiter, wo er aufgehört hat.

Lars Brandt, 1951 in West-Berlin geboren, ist der zweite von drei Söhnen des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers, SPD-Vorsitzenden und Regierenden Bürgermeisters von Berlin Willy Brandt und dessen zweiter Ehefrau Rut Brandt. Seine Brüder sind Peter Brandt und Matthias Brandt. Lars Brandt studierte Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie und kurz Japanologie. Er arbeitet als freier Künstler an der „Schnittstelle von Bild und Wort“. Mit seiner Frau lebt er in Bonn. 

Von den Widersprüchen des Vaters erzählt das Buch, Lars Brandt kommentiert, ordnet ein in den historischen Kontext. Der schlüpfrige Kerl, wie ihn Teile der Öffentlichkeit sehen wollten, sei er nicht gewesen. „Mein Bild von V. ist kubistisch.“ Für den Schreibprozess von „Andenken“ hat Brandt auch materielle Andenken aus seinem Keller geholt, eine russische Lackdose zum Beispiel mit dem Porträt des Vaters, wächsern wie eine Leiche, einst von Leonid Breschnew überreicht.

Guillaume, der „ungebildete Holzkopf“

Die Mosaiksteine, die Lars Brandt zusammensetzt wie Short-Cuts, und das, was er „ein paar Worte zur biografischen Struktur der Realität“ nennt, mögen mehr sein als die Summe ihrer Einzelteile. Da steht die Erinnerung an ein Gemälde von Ellsworth Kelly, an gemeinsames Angeln mit V., die Ferien in den Bergen und später in Norwegen, während der Sohn so viel lieber nach Frankreich oder Italien vereist wäre, neben Erinnerungen an den Intellektuellen Arthur Koestler. Und den „ungebildeten Holzkopf“ Günter Guillaume, Agent im Bundeskanzleramt, Namensgeber der Affäre und Auslöser für den Rücktritt von Willy Brandt, dessen persönlicher Referent er war. War es Desinteresse, mangelnde Fantasie oder Arroganz, die den Vater den Wolf im Schafspelz nicht erkennen ließ?

Nico Ceauşescu, der ölige Sohn des rumänischen Diktators, wird ebenso verdichtet wie das Rascheln der Papierbahnen der Telex-Nachrichten, die V. im Dienstwagen liest, Insignien der Macht. Wir erleben im Rückblick, wie V. Fischsuppe kocht für die „Teilzeitschweden“ Herbert Wehner und Stieftochter. Oder einen Silvesterabend in Taormina, als sizilianische Bauunternehmer mit an der Tafel sitzen.

Irgendwann bricht der Kontakt zum Vater ab

„Das Verhältnis zu meinem Vater war gut, weil wir damit gut leben konnten, dass wir unterschiedlich waren.“ Lars Brandt hat auch Reden geschrieben für Willy Brandt, muss dafür eine andere Denkweise annehmen, was ihm schwerfällt. Irgendwann bricht er den Kontakt zum Vater ab, bis der schwer erkrankt – und sich beide wieder auf Augenhöhe begegnen. „Wir hatten ein geklärtes Verhältnis zu Lebzeiten.“  

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