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Heilbronn

Zerrissen und sprachlos, aber nicht ohne Hoffnung

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So spannend, anrührend und emotional packend können 60 Minuten Theater sein. Mit frenetischem Beifall und Bravos quittierte das Publikum am Freitag die Uraufführung des Stücks "Die Leiden des jungen Osman" von Sema Meray, die auch selbst Regie führte.

Von unserem Redakteur Andreas Sommer
Hülya zeigt ihrem Bruder Osman den Weg zu sich selbst.
Fotos: Thomas Braun
Hülya zeigt ihrem Bruder Osman den Weg zu sich selbst. Fotos: Thomas Braun

Die Kölner Autorin, Schauspielerin und Regisseurin hat für Heilbronn eine Auftragsarbeit abgeliefert, die lebensnah und milieusicher von der Zerrissenheit, Sprachlosigkeit und den Konflikten innerhalb einer türkisch-muslimischen Familie in Deutschland erzählt.

Traditionen

Sema Meray geht es dabei keineswegs um Islamkritik, sondern um die schonungslose Darstellung der Verwerfungen, die nie hinterfragte Traditionen in einem Familiengefüge anrichten können, das hier zufällig türkisch ist. Osman ist 19 und hat eben Abitur gemacht. Seine Schwester Hülya ist 26 und studiert. Der eher ängstliche und zaudernde Osman mit literarischen Ambitionen liebt seine selbstbewusste, lebensfrohe und risikobereite große Schwester. Hülya unterstützt Osmans Talente, weiß aber, dass sein Studienwunsch bei Vater Ekrem und Mutter Zeliha auf wenig Gegenliebe stoßen wird. Osman, der zwischen allen Stühlen sitzt, soll das Import-Export-Geschäft des Vaters übernehmen und nebenbei den Aufpasser für seine Schwester spielen. Deren Lebenswandel stößt bei der türkischen Gemeinde auf Missfallen und gefährdet angeblich Ekrems Geschäfte. Die Eltern fürchten um die "Familienehre".

Rückblenden in eine Ruine am Meer zeigen sehr poetisch, das da mal Träume und Sehnsucht nach Liebe waren. Als mit Oliver ein zum Islam konvertierter deutscher Schulfreund Osmans auftaucht, eskaliert die Situation bis zum dramatischen, offenen Ende.

Zeliha fügt sich ins Rollenbild, Hülya begehrt auf, Osman zaudert und Ekrem hat seine Mannrolle längst verinnerlicht, obwohl auch er noch träumen kann von den Gerüchen und Geräuschen seines Heimatdorfs. Konflikte verhandelt Sema Meray nicht moralinsauer, sondern mit Humor und Menschenkenntnis.


Toleranz

Eine Lösung bietet sie nicht, die im Respekt voreinander, besser noch im Toleranzgedanken liegen könnte. Aristoteles hat davon gesprochen, dass die Kindern den Eltern das gewähren sollten, was ihnen zusteht und die Eltern den Kindern, was denen zusteht. Vielleicht ist es diese Abgrenzung, die erst ein gutes Miteinander ermöglicht.

Ein wunderbares Ensemble mit den türkischen Schauspielern Serkan Durmus (Osman), Banafshe Hourmazdi (Hülya), Serpil Simsek-Bierschwale (Zeliha), Nizam Namidar (Ekrem) und Oliver Firit als Konvertit Oliver, das deutsch, gebrochen deutsch und türkisch spricht, sorgt mit seiner unaufgeregten Ernsthaftigkeit und Authentizität für einen intensiven Theaterabend, der viel Diskussionsstoff bietet und lange nachwirkt.

Weitere Aufführungen

www.theater-heilbronn.de

"Besser Tochter tot als keine Ehre": Zeliha und Ekrem.
"Besser Tochter tot als keine Ehre": Zeliha und Ekrem.  Foto: Braun
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