"Wir alle sind Sklaven der eigenen Gier": Chefvampir Filippo Strocchi im Gespräch
Ein Italiener in Stuttgart: Filippo Strocchi spielt und singt als Erstbesetzung Graf von Krolock im Musical "Tanz der Vampire" und erzählt im "Stimme"-Interview von der Faszination der Rolle und warum es so kompliziert ist, mit Vampirzähnen klar zu artikulieren - zumal Deutsch nicht seine Muttersprache ist.

Sieben Shows die Woche spielt Filippo Strocchi den Grafen von Krolock im Stuttgarter "Tanz der Vampire", Samstag und Sonntag sind es sogar zwei Vorstellungen. Und so hat der Italiener mit dem hohen Bariton an zwei Tagen frei und nimmt sich Zeit für ein Gespräch über die Ambivalenz dieser Traumrolle des blutsaugenden Verführers. Und warum es so kompliziert ist, mit Vampirzähnen deutlich zu artikulieren - besonders dann, wenn Deutsch nicht die Muttersprache ist.
Guten Abend, Filippo Strocchi. Sind Sie auch solch ein Nachtschwärmer wie Graf von Krolock, der Chefvampir im Musical?
Filippo Strocchi: Ein bisschen schon. Vor zwei Uhr gehe ich nie ins Bett. Das liegt auch am Beruf. Vor der Show sollte ein Sänger nicht viel zu sich nehmen. Nach der Show bin ich hungrig, und ich nehme mir die Zeit, mit Freunden zu essen und zu trinken. Mit Alkohol halte ich mich zurück. Leider, ich bin Italiener und trinke gerne ein Glas Wein. Für die Stimme aber ist das Gift. Als Hauptdarsteller trage ich Verantwortung. Doch zurück zur Nacht: Ich liebe diese Zeit, alles ist ruhig. Ich bin bei mir, schreibe Musik. Die Gitarre habe ich stets dabei, mit dem Klavier ist das schwieriger. Und ich spiele Playstation, das macht den Kopf frei. Dabei denke ich an fast nichts.
Sie haben auch Schlagzeug gespielt und traten als Solosänger in verschiedenen Bands auf. Ihr Weg zum Musical war also vorgezeichnet.
Strocchi: Eigentlich wollte ich das nicht. Ich war Profifußballer in der Nachwuchsmannschaft von Modena, die damals Serie B spielte, was der 2. Bundesliga in Deutschland entspricht. Ich muss sagen, ich war wirklich gut (lacht). Dann mit 19 Jahren hatte ich eine Verletzung und musste neun Monate aussetzen. In dieser Zeit haben Freunde mir eine Rolle angeboten in dem Musical "Sugar - manche mögen"s heiß". Ich habe Blut geleckt, wenn ich diese Metapher mal im Wortsinn benutzen darf. Als ich auf den Fußballplatz zurückkehrte, hatte ich nicht mehr diesen Drang, auf dem Rasen zu siegen. Die Welt des Musicals, der Kunst schien mir so groß und tolerant. Ich glaube, auch deshalb war ich als Spieler nicht mehr so gut.
Sie haben dann in Bologna studiert...
Strocchi: ... drei Jahre an der Bernstein School of Musical Theatre. Anfangs parallel zum Fußball, das ging nicht lange gut. Ich habe mich entschieden - und heute bin ich hier.
Wie populär ist Musical in Ihrer Heimat, dem Land des Belcanto?
Strocchi: Gar nicht. In Norditalien schon eher. Aber in Italien, vor allem im Süden, herrscht die Tradition der Oper. Und - das muss man so sagen - gute Musicalshows sind aufwendig und nun mal teuer. Das können sich viele nicht leisten. Dabei gibt es so talentierte Darsteller in Italien, aber leider kein System wie in Deutschland oder Österreich, das die Kultur subventioniert. In Italien sind die meisten Theater privat.
Auch ist die Spielzeit, die "stagione" dieser Häuser, sehr viel kürzer.
Strocchi: Den ganzen Sommer sind sie geschlossen. Die Menschen gehen lieber an den Strand.
Die Stage Entertainment GmbH mit Sitz in Amsterdam unterhält in Deutschland verschiedene Theater und Kooperationen mit anderen Unternehmen der Unterhaltungsbranche. 2010 hat die Stage versucht, die Marke auch in Italien zu etablieren.
Strocchi: Was nicht gelungen ist. Nach vier Jahren wurde der Versuch abgebrochen. Ich selbst arbeite inzwischen auch wieder in Deutschland, nachdem ich immer wieder in Italien engagiert war. Aber auch in Österreich, in der Schweiz und in England. Die Branche ist international ausgerichtet, das gefällt mir.
Zur Person
1982 in Modena geboren, studierte Filippo Strocchi nach einer kurzen Zeit als Profifußballer an der Bernstein School of Musical Theatre in Bologna. 2007 wurde er als bester italienischer Musicaldarsteller ausgezeichnet. Zuletzt war Strocchi als Chefvampir in Oberhausen zu sehen, stand in diversen Rollen in Österreich auf der Bühne und ist nun nach 2009 wieder in Stuttgart zu erleben.
Ihr Deutschland-Debüt haben Sie 2009 in Stuttgart gegeben, in "Wicked - Die Hexen von Oz". Jetzt sind Sie in der Hauptrolle des Grafen von Krolock zurück, den Sie bereits in Wien und zuletzt in Oberhausen gaben. Was fasziniert an der Rolle?
Strocchi: Die Abgründe und Widersprüche dieses unerlösten Vampirs sind gewaltig. Ich meine, Krolock ist wirklich ein Verführer, ein Mörder, ein Tier. Doch letztlich ist er der Sklave seiner eigenen Gier. Wie wir alle. Der Song "Die unstillbare Gier" ist ja nicht nur musikalisch mitreißend. Dieser Song ist ein Monolog und offenbart Krolocks Schwäche und seine Menschlichkeit. Was Krolock hier sagt, ist pure Poesie. Eine berührende Szene, wenn er sich damit erstmals in der Show direkt an das Publikum wendet. Durch den Text habe ich Deutsch gelernt.
Wie denn das?
Strocchi: Man darf nicht vergessen, dass ich fast immer mit diesen Vampirzähnen singe. Das macht die Artikulation der Konsonanten für einen Nichtmuttersprachler nicht gerade einfach. Krolock ist ein Graf, kein Bauer: Er hat klar zu artikulieren. Das musste ich trainieren, das erfordert große Konzentration. Ich glaube, es gelingt mir inzwischen ganz gut. Ich liebe diese Szene.
Was bedeutet es, nach der monatelangen Zwangspause wieder zu spielen?
Strocchi: Es bedeutet Freiheit. Obwohl ich den Lockdown gut durchlebt habe. Ich stand immer unter Vertrag und bin Deutschland dankbar, dass ich Kurzarbeitergeld bekommen habe. Anders als in Italien. Da sind die Leute auf Schwarzarbeit angewiesen. Oder müssen wie viele Künstler etwas ganz anderes tun.
Neben Italienisch sprechen Sie Englisch, Deutsch und Spanisch.
Strocchi: Im Cast ist Englisch die Sprache, mit einzelnen Kollegen unterhalte ich mich in deren Sprache. Und tatsächlich habe ich mich schon ertappt, wie ich mitunter leise auf Deutsch vor mich hinfluche.
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