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Interview

Wie werden transgeschlechtliche Figuren in Filmen dargestellt?

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Sozialpsychologin Annette Vanagas von der Universität Köln hat über das Thema ihre Doktorarbeit geschrieben. Wir haben mit ihr über den Einfluss von Filmen auf den gesellschaftlichen Diskurs und den Wirbel um Schauspieler Elliot Page gesprochen.

Transgeschlechtlichkeit in Hollywood-Filmen: Hillary Swank (links) in "Boys Don"t Cry" (1999). Foto: Mary Evans/20th Century Fox/Imago/Allstar
Transgeschlechtlichkeit in Hollywood-Filmen: Hillary Swank (links) in "Boys Don"t Cry" (1999). Foto: Mary Evans/20th Century Fox/Imago/Allstar  Foto: Rights Managed via www.imago-images.de

Wie werden transgeschlechtliche Figuren in Filmen dargestellt, und werden ihnen bestimmte Rollen zugeschrieben? Darüber haben wir uns mit Annette Vanagas von der Universität Köln unterhalten, die über das Thema ihre Doktorarbeit geschrieben hat.

 

Frau Vanagas, Filme mit Bezug auf Transgender-Themen gibt es schon sehr lange, beginnend mit dem Stummfilm "Aus eines Mannes Mädchenjahren" von 1919. Was hat sich über die Jahrzehnte entwickelt?

Annette Vanagas: Über Transgeschlechtlichkeit sprechen wir noch gar nicht so lange. Den Ausdruck Transsexualität gibt es aber schon seit den 50er Jahren. Der Begriff sagt übrigens nichts über die sexuelle Orientierung aus, da handelt es sich um einen Übersetzungsfehler. Früher gab es eher Filme, in denen Cross-Dressing eine Rolle spielte. Also ein Spiel mit der Geschlechterdarstellung, das absichtliche Tragen von Kleidung, die innerhalb der Geschlechterordnung Mann-Frau als typisch für das jeweils andere Geschlecht angesehen wird. In den 90ern gab es dann einen Umbruch.

 

Inwiefern?

Vanagas: Es wurde sich ernsthafter mit dem Phänomen der Transgeschlechtlichkeit auseinandergesetzt, das Thema wurde populärer, weil es auch in größere Hollywood-Produktionen Einzug hielt, zum Beispiel in "Boys Don't Cry", ein Film, der international erfolgreich war.

 

Annette Vanagas. Foto: privat
Annette Vanagas. Foto: privat  Foto: Alternativer Fotograf

Der Streamingdienst Netflix ist bekannt dafür, die Figuren in Filmen und Serien sehr divers abzubilden. Werden transgeschlechtliche Rollen inzwischen häufiger eingebaut?

Vanagas: Ja. Vor allem in Serien werden transgeschlechtliche Figuren sehr vielfältig abgebildet, da wird der Schwerpunkt der Geschichten nicht auf die Transgeschlechtlichkeit gelegt. Sie zeigen ganz alltägliche Menschen in ihrem normalen Alltag. Transgeschlechtlichkeit im Film wird häufig problematisiert, der Personenstandswechsel oder eine optische Veränderung in den Vordergrund gestellt.

 

Werden transgeschlechtlichen Figuren bestimmte Rollen zugeschrieben?

Vanagas: Bei den Hauptrollen, die ich untersucht habe, haben sich die Figuren teilweise in einem zwielichtigen Milieu aufgehalten. Oder sie wurden in Alltagssituationen gezeigt, in denen ihr Geschlecht als eine große Lüge im Raum stand, weil das Umfeld nicht darüber informiert ist, dass die Figur transgeschlechtlich ist. Sie müssen quasi ihre "wahre" Identität beichten. Das ist verheerend. Oft wird Transgeschlechtlichkeit auch im Kontext von Kriminalität gezeigt oder mit sexueller Übergriffigkeit in Verbindung gebracht.

 

Jared Leto (links) in „Dallas Buyers Club“ (2013). Foto: Mary Evans / Focus Features / Imago
Jared Leto (links) in „Dallas Buyers Club“ (2013). Foto: Mary Evans / Focus Features / Imago  Foto: Mary EvansxAF ArchivexFocus Features via www.imago-images.de

Welchen Stellenwert haben Filme und Serien für das Bild, das wir von non-binären Menschen haben?

Vanagas: Natürlich haben Filme einen Einfluss, aber wie wir rezipieren, ist individuell unterschiedlich. Ein Film kann aber ein Bild von Transgeschlechtlichkeit liefern, das in den Alltags- und Gesellschaftsdiskurs hineingetragen wird. Wenn man sich anschaut, was Jugendliche vor zehn Jahren über Transgeschlechtlichkeit wussten, stammte das Wissen meist aus Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar". Mittlerweile sind wir ein Stück weiter, und das Thema wird auch in Schulen aufgegriffen.

 

In Ihrer Doktorarbeit schreiben Sie auch: "Die mediale Vermittlung einer Transgender-Thematik wirkt in der Filmrezeption wirklicher als die Wirklichkeit". Wie darf man diese Aussage verstehen?

Vanagas: Viele Filme zeigen Szenen, die wir so im Alltag nicht zu sehen bekommen. Beispielsweise Duschszenen, in denen Menschen objektifiziert werden. Es wird en detail von oben bis unten der Körper gezeigt, um zu verdeutlichen, welches "eigentliche" Geschlecht die Figur hat. Die Menschen, die noch keine geschlechtsangleichende Operation hatten oder diese nicht möchten, werden dadurch in ihrer Geschlechtlichkeit angezweifelt. Die Filme geben vor, eine wirkliche Wirklichkeit zu kennen, obwohl sie sie nur erzeugen.

 

Der bekannte Schauspieler Elliot Page hat Ende 2020 öffentlich gemacht, trans zu sein und sorgte damit für jede Menge Wirbel.

Vanagas: Es ist gut, dass Elliot Page das öffentlich geteilt hat, denn er hat der Gesellschaft dadurch den Spiegel vorgehalten. Dass es einen solch öffentlichen Schritt bedarf, zeigt, dass wir noch nicht in der Lage sind, das einfach so hinzunehmen, dass jemand mit einem anderen Namen und einem anderen Geschlechtseintrag weiter als Schauspieler tätig ist. Was danach passiert ist, war aber sehr erschreckend.

 

Nämlich?

Vanagas: Es wurden falsche Pronomen verwendet, der abgelegte Name, der sogenannte Dead Name, wurde verwendet, es wurde angezweifelt, ob es eine Transgeschlechtlichkeit sei, oder es etwas mit der Sexualität zu tun hat. Es hat große Wellen geschlagen im Internet und auf politischen Plattformen. Aus konservativen feministischen Kreisen war zu hören, dass Elliot ein Negativbeispiel sei, das junge Frauen anleitet, zu Männern werden zu wollen. Es gab Diskussionen, ob durch Transgeschlechtlichkeit das weibliche Geschlecht ausradiert wird. Diese Reaktion zeigt, dass wir als Gesellschaft mehr Critical Cissness brauchen, also das Reflektieren der eigenen Privilegien, die wir nur haben, weil wir uns der zugeschriebenen Geschlechtsklassifizierung zugehörig fühlen.

 

Ein Blick in die Zukunft. Was denken Sie, wie sich der gesellschaftliche Diskurs weiter entwickelt?

Vanagas: Eine schwierige Frage. Durch meine Forschung merke ich, dass es immer mehr identitätspolitische Kämpfe gibt. Dabei geht es um Anerkennung von Menschen aus marginalisierten Personengruppen, die sich bemühen, für ihre Interessen und Rechte einzustehen, die von der Gesellschaft verwehrt werden. Dabei wird es jedoch schwierig, eine Gemeinschaft zu bilden. Ich sehe in näherer Zukunft nicht, dass Transgeschlechtlichkeit oder Intergeschlechtlichkeit als normal empfunden werden. Vor allem, wenn auch Homosexualität in vielen Situationen noch problematisiert wird. Vielfalt wird leider immer noch als das Andere der Normalität verstanden, weshalb es noch sehr lange dauern wird, bis es eine wirkliche Vielfalt im Film geben wird.

 

Zur Person

Annette Vanagas, Jahrgang 1984, wurde in Köln geboren. Sie studierte Sozialwissenschaften an der Bergischen Universität Wuppertal und Sozialpsychologie/-anthropologie an der Universität Bochum. 2014 bekam sie ein Promotionsstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung. Seit 2017 ist sie Lehrkraft im Modul Soziale Intervention und Kommunikation an der Universität in Köln. Ihre Doktorarbeit "Trans*Gender im Film" (508 Seiten) ist im Transcript Verlag Bielefeld erschienen.

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