Wie die Mannheimerin Eva Ries in den 90ern Bandmanagerin des Wu-Tang Clans wurde
Über zwanzig Jahre gehörte Eva Ries zum engsten Kreis der berühmt-berüchtigten Hip-Hop-Gruppe aus New York. Ihre Erinnerungen hat sie im Buch "Wu-Tang is forever" zusammengefasst. Wir haben uns mit der Autorin über diese spannende Zeit unterhalten.

Frau Ries, 1993 wurden Sie mit Ende 20 Managerin des Wu-Tang Clans, einer neunköpfigen berühmt-berüchtigten und teils kriminellen US-Rap-Gruppe. Wie kam es dazu?
Eva Ries: Man muss das ein wenig differenzieren, denn ich war zunächst nicht die offizielle Bandmanagerin. Der Wu-Tang Clan hatte in seinem Umfeld eine ganze Reihe an mehr oder weniger offiziellen und seriösen Managern. Ich war Musik- und Marketingmanagerin einer Plattenfirma, engagiert, um die Band zu betreuen und sie in der Welt bekannt zu machen. Ich bin langsam in die Rolle der Managerin geschlittert, da die anderen von selbst das Handtuch geworfen haben oder in Ungnade gefallen sind.
Hatten Sie damals einen Bezug zum Musikgenre Hip-Hop?
Ries: Überhaupt nicht. Ich bin da wirklich wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Mein persönlicher Musikgeschmack waren Hard Rock und Heavy Metal. Ich habe 1991/92 für ein Label gearbeitet, bei dem unter anderem Rockgrößen wie Guns n" Roses, Aerosmith, Nirvana und Sonic Youth unter Vertrag standen.
In Ihrem Buch haben Sie die Mitglieder des Wu-Tang Clans als "dysfunktionale Familie" beschrieben. Was genau meinen Sie damit?
Ries: Es war ein Kollektiv von sehr talentierten Rappern, mit völlig unterschiedlichen Charakteren. In dieser Gruppe gab es viele Streitigkeiten, die sehr laut und meist auch öffentlich ausgetragen wurden. Meistens ging es dabei um Geld. Ich habe immer zu den Mitgliedern gesagt, dass sie wie ein altes Ehepaar sind, das sich ständig streitet, aber nicht ohne einander leben kann. Es war eine Art Co-Abhängigkeit.
Respekt spielt allgemein in der Hip-Hop-Szene eine wichtige Rolle. Wie haben Sie sich bei den Clan-Mitgliedern als junge, weiße Frau den nötigen Respekt verschafft?
Ries: Indem ich völlig ehrlich war. Als ich die Band kennengelernt habe, habe ich zugegeben, dass ich nicht weiß, worum es in ihren Texten geht und dass mir das Musikgenre völlig fremd ist.

Sie hatten keine Bezugspunkte.
Ries: Genau. Ich bin in einem ganz anderen Background aufgewachsen, als weißes Mittelstandskind in Deutschland. Die Mitglieder haben als schwarze, junge Männer andere Erfahrungen gemacht, die sich in ihrer Musik widerspiegeln. Sie kommen aus armen, tragischen Verhältnissen, aus dem Ghetto, in dem Gewalt, Waffen und Drogen eine große Rolle spielen. Das ist mehr als das, was wir in Deutschland als sozialen Brennpunkt bezeichnen. Ich habe mir aber die Mühe gemacht, diese Orte anzuschauen, mit den Clan-Mitgliedern Zeit in ihrer Nachbarschaft zu verbringen, Freunde und Verwandte kennenzulernen. So habe ich einen Einblick in diese für mich völlig neue Welt erhalten.
War es von Vorteil, eine Frau zu sein?
Ries: Auf jeden Fall. Wenn ich ein junger, deutscher, weißer Mann gewesen wäre, hätte sich sicherlich eine gewisse maskuline Rivalität eingestellt. Wer ist der Bessere, wer der Stärkere? Mit mir konnten sie das nicht ausspielen, weil ich eigentlich außer Konkurrenz war, ich habe dieses Rivalitätsdenken nicht herausgefordert. Sie hatten viel mehr Mitleid mit mir und das Bedürfnis, mir ihre Welt und das, was sie tun, zu erklären. Das war gut, denn ich musste die Musik und die Texte des Wu-Tang Clans ja auch verstehen, um sie verkaufen zu können.
Die Clan-Texte sind oftmals gewaltverherrlichend und teilweise sexistisch. Wie geht man als selbstbewusste Frau damit um?
Ries: Das ist eine Fehlinterpretation, denn so sexistisch waren sie nicht. 85 Prozent der amerikanischen Rapper sind deutlich frauenverachtender. In den Texten geht es hauptsächlich um das Gangstertum, Gewalt, um die Glorifizierung von mafiösen Strukturen, um Waffen und Drogendeals. Die Jungs waren zwar sexistisch in ihrer Auffassung, aber da war auch viel Gehabe dabei. Generell gilt im Rap-Business: Was nach außen projiziert wird, ist in vielen Fällen nicht die Lebensrealität. Man muss das Image von der Wahrheit trennen. Jeder im Clan hatte damals, obwohl sie erst Anfang 20 waren, eine Familie, Kinder oder wenigstens eine feste Beziehung.
Definitiv waren Sie eine Krisenmanagerin. Auf der ersten Europa-Tour gab es viele schwierige Momente.
Ries: Das hat viele Nerven gekostet. Angefangen damit, dass einige Mitglieder keinen Pass für eine Europareise hatten oder Ausnahmegenehmigungen brauchten, weil sie vorbestraft oder auf Bewährung waren. Ich erinnere mich an Auftritte in Hamburg, München und Ludwigsburg. Die Band hatte sich fast komplett abgeschottet und wollte nicht groß mit den Weißen reden. Der Clan war sehr misstrauisch, paranoid und kam auch mit Verschwörungstheorien um die Ecke. Sie hatten beispielsweise Angst, dass ihnen etwas ins Essen gemischt wird, deshalb haben sie anonym beim Roomservice bestellt und nur aus versiegelten Flaschen getrunken.
Würden Sie sagen, dass Sie und die Clan-Mitglieder Freunde waren, oder war die Verbindung rein beruflich?
Ries: Wir wurden mit der Zeit auf jeden Fall Freunde. Raekwon (ein Mitglied des Wu-Tang Clans, Anm. der Redaktion) hat mal zu mir gesagt: "Du bist mit uns durch die Hölle gegangen." Wenn man mit jemanden durch die Hölle geht, freundet man sich auch zwangsläufig an. Ich stehe bis heute mit einigen der Jungs in regelmäßigem Kontakt.
Zur Person
Eva Ries arbeitete seit den 1990er Jahren in der Musikindustrie und über 20 Jahre mit dem Wu-Tang Clan zusammen. Sie ist Geschäftsführerin der RZA Productions Europe in Mannheim sowie Counsellor und Hochschuldozentin der Psychologie. Ihr Buch "Wu-Tang is forever" ist im Benevento Verlag (240 Seiten, 28 Euro) erschienen. Am 24. April liest sie daraus im Karlstorbahnhof Heidelberg, am 26. Mai im Im Wizemann in Stuttgart.


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