Von der grauen Maus zur Anführerin: Jennifer Siemann ist Sheila im Musical "Hair" im Heilbronner Theater
Warum die Berliner Schauspielerin und Sängerin Jennifer Siemann die Kraft der Gemeinschaft beschwört und wie sie sich von den Zeugen Jehovas befreit hat. Im Gastspiel des Kultmusicals "Hair" mit dem Staatstheater Saarbrücken ist Siemann jetzt im Theater Heilbronn zu erleben.

Zwei Wochen Probenzeit, um ein abgespieltes Stück wieder hochzuholen? Eigentlich ist das Luxus für Jennifer Siemann. So konnte die Schauspielerin und Sängerin, die ab heute Abend im Musical "Hair" im Heilbronner Theater zu erleben ist, einen freien Nachmittag zu einem Stadtbummel nutzen.
Weder ausdrücklich pittoresk, noch potthässlich findet Siemann die Stadt, "tatsächlich" war sie "shoppen". Und zwar in den Seitenstraßen, auf Empfehlung. "Ich habe eine Stange Geld in Heilbronn gelassen, das ist mein Beitrag", sagt die 33-Jährige. Dabei wirkt ihr Lachen so gewinnend aufrichtig, dass man sofort gemeinsam mit ihr nochmal losziehen möchte.
Nicht, dass sie etwa in München nicht auch Geld los wird, im April ist Jennifer Siemann, die schon in allen Großstädten der Republik gelebt hat bis auf Stuttgart, von Köln nach München gezogen. Kurz hatte sie auch mit dem Gedanken gespielt, in Saarbrücken zu bleiben, wo die "Hair"-Produktion in der Inszenierung von Maximilian von Mayenburg am Staatstheater lief und sie die Saarbrückener generell außerordentlich sympathisch fand.
Unter Vertrag beim Musikproduzenten Ralph Siegel
"Arbeitstechnisch" aber bietet sich München an, seit sie bei dem Musikproduzenten Ralph Siegel unter Vertrag steht. 2024 erscheinen drei Singles, eine davon ist fertig. Mehr darf sie nicht verraten, nur, dass Siemann selbst schreibt und textet. Deutsche Popmusik, wie schon ihre Debütsingle "Zurück zu mir". "Uptempo empowering music", nennt sich die Richtung.
Aufgewachsen in Berlin-Spandau – "ich bin eine richtige Berliner Schnauze –, hat Jennifer Siemann, Jahrgang 1990, ihr Studium an der Felix Mendelssohn Bartholdy Hochschule in Leipzig mit einem Diplom zur Schauspielerin und Pop-Jazzsängerin abgeschlossen. Überwiegt nun also das Musikmachen? Kann man so nicht sagen, gerade hat sie eine Folge im "Bergdoktor" gedreht.
Das Mädchen aus Ost-Berlin
Wie er so ist, der Bergdoktor? "Ich habe ihn nicht gesehen, wenn man nicht im gleichen Erzählstrang auftritt, trifft man sich nicht am Set." Auch in den Folgen von "Sturm der Liebe", in denen Siemann mitspielt, hat sie nicht alle Kollegen kennengelernt. Anders auf der Bühne in ihrer ersten Hauptrolle: Jennifer Siemann war das Mädchen aus Ostberlin im Udo-Lindenberg-Musical "Hinterm Horizont". "Udo? Ein ausgesprochen freundlicher, großzügiger Mensch." "Ich habe das Gefühl", erklärt sie den "Jonglage-Akt" zwischen Bühnenarbeit und Musikstudio, "ich habe gar nicht die Wahl, es sind die Angebote, die kommen."
Den Begriff "offener Geist" findet sie treffend. "Das beschreibt mich gut, ich bin so streng religiös erzogen." Dabei würde sie die Lehre der Zeugen Jehovas nicht als Religion bezeichnen, sondern als "systematischen, seelischen Missbrauch". Mit 20 Jahren ist sie ausgetreten. "Ich habe lange gebraucht, das zu verarbeiten." Heute engagiert sich Siemann im Aussteigerverein JZ Help und wünscht mehr Aufklärungsarbeit.
"In meinem Beruf verkauft man sich ja auch"
Jahrelang wurde auch sie indoktriniert in der "theokratischen Predigtdienstschule", wie "das Herz eines Menschen im Gespräch zu erreichen" ist. Eine prägende Schule der Überzeugungsarbeit: "In meinem Beruf verkauft man sich ja auch, etwa bei Castings", grinst sie lapidar. Zu ihrer Familie hat sie keinen Kontakt mehr. Jennifer Siemann spricht offen über ihr Trauma und wie ihr Musik, die Kunst und "überhaupt die Welt" geholfen haben.
Singen erfährt Siemann als "Seelenmassage". Vor eineinhalb Jahren hat sie sich die langen Haare abgeschnitten, ein weiterer Akt der Befreiung. Vielleicht ist es diese eigene Geschichte, die Siemann mit ihrer Rolle als Sheila in "Hair" verbindet: von der grauen Maus zur Anführerin. The American Tribal Love/Rock Musical – so der Untertitel des 1968 uraufgeführten US-Musicals, das von der friedfertigen Rebellion der Hippie-Gesellschaft gegen die Generation der Väter und den Vietnam-Krieg erzählt, mag überholt wirken, auch naiv angesichts der aktuellen Kriege.
Wacht auf, dafür steht "Hair"
Jennifer Siemann indes sieht im Musical die eine zentrale Botschaft. "Eine Gruppe kann so viel bewegen, im Positiven wie Negativen. Leute wacht auf, dafür steht ,Hair": das Narrativ einer Emanzipation und über die Kraft der Gemeinschaft." Von den Pop-Ohrwürmern "Aquarius" oder "Good morning starshine" ganz zu schweigen.
Gastspielpremiere: Unter der musikalischen Leitung von Heiko Lippmann hat das Kultmusical "Hair" als Übernahme vom Staatstheater Saarbrücken heute Abend, 19. 30 Uhr, Premiere im Großen Haus des Heilbronner Stadttheaters. Bis 7. Januar ist "Hair" in Heilbronn zu sehen, weitere Termine unter www.theater-heilbronn.de.
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