Von der Ausweglosigkeit der Verhältnisse: Büchners "Woyzeck" eröffnet Spielzeit am Heilbronner Theater
Düster und getrieben: Intendant Axel Vornam inszeniert zum Spielzeitauftakt am Heilbronner Theater Georg Büchners "Woyzeck" im Großen Haus und legt den Fokus auf die Tragik eines gehetzten Außenseiters, der zum Täter wird.

Als der Arzt, Dichter und Rebell Georg Büchner 1837 mit nur 23 Jahren stirbt, hat er bereits "Dantons Tod", "Lenz" und "Leonce und Lena" geschrieben und hinterlässt mit dem "Woyzeck" ein Dramenfragment, das viel vorwegnimmt. Die soziale Frage und das Verhältnis von Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe, die moderne Psychosomatik, und, was man heute als Femizid bezeichnet und nicht bloß als Eifersuchtsmord abtun kann.
Dass "es in niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden, weil wir durch gleiche Umstände wohl alle gleich würden, und weil die Umstände außer uns liegen", darf man als Poetologie des jungen Büchner und als roten Faden seiner beklemmenden Krimi-Moritat verstehen, mit der das Heilbronner Theater in der Regie von Intendant Axel Vornam die Spielzeit eröffnet hat. Im mitleidlosen Räderwerk ihres Daseins sind in diesem "Woyzeck" auf der düsteren Bühne im naturalistischen Setting von Tom Much irgendwie alle Täter und die meisten auch Opfer.
Der junge Mann hat Wahnvorstellungen
Sven-Marcel Voss ist der Soldat Franz Woyzeck, der mit seiner Freundin Marie (Romy Klötzel) einen unehelichen Sohn hat. Sein Sold als Soldat reicht nicht, um die kleine Familie durchzubringen. Und so hetzt Woyzeck zwischen zwei Nebenjobs hin und her. Er nimmt an den fragwürdigen Experimenten eines Doktors teil und rasiert den schwermütigen Hauptmann. Woyzecks innere Unruhe - "kei" Ruh"" - ist ein Leitmotiv der Inszenierung, der junge Mann hat Wahnvorstellungen, dabei erweisen sich seine paranoiden Zustände auch als luzide Ahnungen.
Büchner legt seinen Figuren eine Sprache in den Mund, die unsentimental den Alltag seziert, um dann immer wieder in philosophische Überlegungen umzuschlagen. Ein Kunstdialekt, lange vor Ödön von Horváths Dramen, der Büchners Figuren zeitlos statisch macht.
Versuchskaninchen für einen sadistischen Doktor
Woyzeck, der Außenseiter, ist der Welt ausgesetzt und wird nicht nur von Autoritätspersonen gequält. Vom Doktor wird er als Versuchskaninchen mit einer Erbsenkur misshandelt, vom Hauptmann ständig zurechtgewiesen, vom Tambourmajor zusammengeschlagen, von seiner Freundin betrogen, von der tratschsüchtigen Umgebung verhöhnt. Als Woyzeck Marie zum letzten Gang drängt vor die Stadt, wo er sie mit sieben Messerstichen töten wird, scheint er nicht nur aus Eifersucht zu handeln, sondern sich von einem schweren Druck zu befreien.
Mit teils leiser, teils forcierter Stimme bis zur Schreigrenze und darüber hinaus agieren die beiden Hauptdarsteller. Klötzels Marie ist nicht nur eine pragmatische junge Frau, die resolut an ihrem Kinderwagen rüttelt. Sie bewegt sich stets nahe am Rande des Nervenzusammenbruchs, kann aber auch schnippisch verführerisch mit dem Tambourmajor (Felix Lydike) verfahren.
Nahaufnahmen wie Psychogramme
Vornam lässt Büchners Sätze mitunter mit langen Pausen zerdehnen, wie er überhaupt der Handlung Zeit lässt, auch wenn Woyzeck ein Getriebener ist. So entstehen Momentaufnahmen von großer Dringlichkeit, aber auch Längen und Durststrecken. Rechts und links der Bühne werden immer wieder Nahaufnahmen live auf zwei Leinwände projiziert: Close Ups wie Psychogramme, wenn sich Woyzeck am Boden windet und Voss die Seelenqualen ins Gesicht geschrieben stehen.
Vor allem in Bezug zu anderen wird die Tragik dieses Isolierten drastisch. Wenn der Doktor (Sebastian Kreutz), angelegt als die Karikatur eines sadistischen Wissenschaftlers, Woyzeck vor seinen Studenten vorführt, wenn er ihn demütigt und nötigt, Wasser zu lassen, wird die Ausweglosigkeit dieser Existenz greifbar. Großes Schauspieltheater gelingt, wenn Nils Brück als schwärmerisch-schwermütiger Hauptmann Woyzeck triezt - "Woyzeck, er sieht immer so verhetzt aus" - und dabei den eigenen Überdruss wortreich zelebriert und seine Angst vor der Ewigkeit.
Ein kurzer Auftritt von Grande Dame Ingrid Richter-Wendel
Büchners "Woyzeck" in Heilbronn ist eine tragische Liebesgeschichte mit Betonung der Tragik und Ausweglosigkeit der Verhältnisse. Als Wanderin mit seherischer Kraft schreitet Ingrid Richter-Wendel in der Rolle der Großmutter über die Bühne, die 90-jährige Grande Dame des Stadttheaters bekommt nach knapp zwei Stunden ohne Pause viel Applaus. Wie auch die 17-köpfige Statisterie, die das Volk mimt, und das gesamte Ensemble.
Weitere Vorstellungen: www.theater-heilbronn.de
Entstehungsgeschichte: Georg Büchner, 1813 in Goddelau, Großherzogtum Hessen, geboren, stirbt während der Arbeit am "Woyzeck" in Zürich im Alter von 23 Jahren an Typhus. 31 lose Szenen sind überliefert, die Manuskriptseiten haben keine Seitenzahlen, die Szenen keine Nummern. Aus dem Fragment haben Regisseur Axel Vornam und Dramaturgin Sophie Püschel ihre Spielfassung erstellt. Im Druck erscheint "Woyzeck" erstmals 1878 in der überarbeiteten und vom Herausgeber veränderten Fassung. Erst im November 1913 wird "Woyzeck" am Residenztheater München uraufgeführt. Seitdem ist das Drama in zahlreiche Sprachen übersetzt und gehört zu den einflussreichsten deutscher Literatur.
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare