"Uns fehlen bewusstseinsstiftende Orte"
Heilbronn - Vor 25 Jahren ermöglichte eine Spende des Heilbronner Unternehmers Ernst Franz Vogelmann (1915-2003) an den Museumsfreunde-Verein den Ankauf des Bozzetto "L’Action enchainée" (1905) des französischen Bildhauers Aristide Maillol (1861-1944) für die städtische Sammlung.
Heilbronn - Vor 25 Jahren ermöglichte eine Spende des Heilbronner Unternehmers Ernst Franz Vogelmann (1915-2003) an den Museumsfreunde-Verein den Ankauf des Bozzetto "L’Action enchainée" (1905) des französischen Bildhauers Aristide Maillol (1861-1944) für die städtische Sammlung. Bozzetti sind Entwürfe für größere plastische Arbeiten. Dieser Ankauf wurde damals als "Sternstunde" für die Museen gefeiert.

Der Maillol-Ankauf war vor 25 Jahren ein Paukenschlag für das Mäzenatentum in der Region. Was bedeutet das Werk für die Sammlung heute?
Marc Gundel: Man durfte damals durchaus von einem Signal und einer Aufbruchstimmung in Richtung Deutschhof sprechen. Damals hatten die Museen ja noch gar kein eigenes Gebäude. Das wurde erst 1991 eröffnet. Nachdem die Skulpturenallee zur Landesgartenschau 1985 erfolgreich über die Bühne gegangen war, spürte man Ende der 80er Jahre einen deutlichen Rückenwind für die Sammlung.
Damals ist Ernst Vogelmann erstmals als Mäzen in Erscheinung getreten. Wo stünde Heilbronns Museumslandschaft heute ohne ihn?
Gundel: Gar nicht auszudenken. Das über die Kleinskulpturen-Sammlung erworbene Profil gründet auf Vogelmanns Engagement. Mit seinem Mäzenatentum für die Sammlung trat er damals aus dem Kreis der Museumsfreunde hervor. Das hat ihn ermutigt, 1996 die Stiftung ins Leben zu rufen, die sukzessive erweitert wurde.
Welche Rolle spielte der Museumsfreunde-Verein?
Gundel: Die frühe Gründung 1982 war richtig und richtungsweisend. Im Hinblick auf die Profilierung der Museen haben die Museumsfreunde eine wichtige Rolle gespielt und bei der Durchsetzung von Projekten im öffentlichen Raum wertvolle Lobbyarbeit geleistet, etwa bei Franz Bernhards "Brückenköpfen".
Ihr Vorgänger Andreas Pfeiffer prägte den Begriff der Skulpturenstadt Heilbronn. Ist er noch gültig?

Welche Rolle spielt die Bozzetti-Sammlung in Ihren Überlegungen?
Gundel: Ich habe den Begriff abgelegt und ihn allgemein auf die Kleinplastik ausgeweitet. Unsere Ankäufe sind auch wegen der Preisentwicklung weniger spektakulär. Es war fachlich richtig, für die Profilierung der Museen die Bozzetto-Nische zu besetzen. Der moderne Ausstellungsbetrieb mit dem heutigen Transport- und Ausleihverkehr hat die Idee aber obsolet gemacht.
Wie würden Sie das Profil der Kunststadt Heilbronn definieren?

Hat sich die Akzeptanz von Kunst im öffentlichen Raum in den vergangenen 25 Jahren verbessert?
Gundel: Oh ja. Als Ergebnis der ganzen Auseinandersetzungen haben heute mutigere Positionen wie die von Roman Signer oder Franz Erhard Walther eine Chance.
Einen Aufruhr wie bei Franz Bernhards "Brückenköpfen" 1999 auf der Ebert-Brücke wird es nicht mehr geben?
Wie wichtig ist Kunst im öffentlichen Raum Heilbronns?
Gundel: Sehr wichtig. Uns fehlen bewusstseinsstiftende Orte und markante Architekturen aus den 70er und 80er Jahren. In dieses Vakuum kann Kunst im öffentlichen Raum stoßen. Die Idee einer Galerie der Straße halte ich im Hinblick auf die Öffnung für ein kulturelles Bewusstsein für elementar.
Wie läuft die Kunsthalle Vogelmann?
Gundel: Wir hatten einen tollen Auftakt mit Beuys und dann das Niveau nicht ganz gehalten. Die Auslastung mit Gruppen ist erfreulich, bei Einzelbesuchern haben wir uns mehr versprochen.
Haben Sie im Jahr 2011 die anvisierten 20 000 Besucher erreicht?
Gundel: Nicht ganz. Knapp 18 000.
Zufrieden mit der Füger-Schau?
Gundel: Sehr. Da haben wir nationale Aufmerksamkeit, auch medial. Bisher kamen 3500 Besucher.
Liegt das Besucherdefizit nicht auch an der Kraut-und-Rüben-Ausstellungspolitik?
Gundel: Ich bin ein Freund der Vielfalt, die ist nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln. Mit den Vogelmann-Preisträgern haben wir eine Kontinuität. Füger und die Schätze aus Bochum lassen sich unter dem Stichwort "Dinge, die Heilbronn verloren hat" subsummieren. Wir müssen die Menschen aus der Region mehr mobilisieren. Mir tut weh, wenn ich höre: "Jetzt waren wir in der Kunsthalle, das reicht wieder für ein Jahr."
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare
am 24.02.2012 19:13 Uhr
Niederschwellige Angebote, sprich Schnupperzugänge z.B. Samstag Nachmittag für die "nornale Bevökerung" mit entsprechendem Führungspersonal könnten da viel bewirken.
Manch einer denkt "da hin zu gehen, dafür bin ich zu dumm".
am 24.02.2012 09:41 Uhr
Für eine Stadt mit 124000 Einwohnern hat die Heilbronn sehr viel Kultur zu bieten. Wir haben drei Theaterspielstätten die den Steuerzahler jährlich 10 Mio € kosten. Nun haben wir zu dem Museum im Deutschhof noch die Kunsthalle Vogelmann. Ein Bauwerk, dass der Spender mit 1 Mio € einmalig gefördert hat und zu dem der Steuerzahler 4 Mio € dazugeben musste. Ganz zu Schweigen von den jährlichen Folgekosten in Höhe von 400 000 €, die eindeutig den Handlungsspielraum für der Kommune weiter einschränken. Wir haben ein Kammerorchester das wir uns 1 Mio € im Jahr kosten lassen. Jeder einzelne Leiter einer kulturellen Einrichtung in Heilbronn hält sich für finanziell benachteiligt. Nicht die Masse an Kultur macht es aus sondern die Klasse - siehe Kammerorchester. Natürlich ist es fantastisch, dass es Menschen gibt, die der Stadt Kultur stiften, doch dazu wäre es angebracht auch über die Folgekosten solch einer Stiftung nachzudenken. Der Lichtstrahl auf dem Wartbergturm z.B. kostet jedes Jahr mehrere tausend € an Stromkosten. Wir haben so viele schöne Brunnen in der Stadt von denen viele nicht mehr laufen - wegen der Betriebskosten. Wir haben einige identitätsstiftende Immobilien in städtischem Besitz, die im Sanierungsstau hängen wie z. B. Südbau Deutschhof, das Schießhaus, der Wartberg und viele, viele mehr. Herr Dr. Pfeiffer fand die Bozzetti Geschichte ganz toll, Dr. Gundel würde jetzt den Sammlungsschwerpunkt auf andere Dinge legen. Natürlich kann eine durch den Krieg gezeichnete Stadt nie ein Zuviel an Kultur haben doch wieviel Kultur kann diese sich leisten ohne ihre Hauptaufgaben zu vernachlässigen.