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Interview

Schauspielerin Lou Strenger über ihre Rolle in "Höllgrund" und das Gefühl von Macht

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Lou Strenger ist die Hauptdarstellerin der TV-Miniserie "Höllgrund", in der sie eine Dorfpolizistin spielt. Mehrere Wochen lang war der Thriller-Mehrteiler auf Platz eins der Serien in der ARD-Mediathek. Dass sie die Rolle bekommen hat, bezeichnet die 30-Jährige, die aus dem Raum Ludwigsburg stammt, als großes Glück.

Viele Schauspieler stammen aus einer Künstlerfamilie. Ist das bei Ihnen auch so?

Lou Strenger
: Ich bin die Einzige, die Künstlerin geworden ist.


Seit wann wussten Sie, dass Sie auf die Bühne möchten?

Strenger:
Ich habe mit Ballett angefangen, da war ich dreieinhalb Jahre alt. Seit ich das erste Mal auf der Bühne stand, bin ich wie besessen davon. So stelle ich mir das Gefühl nach dem ersten Schuss Heroin vor.


Wann ging es los?


Strenger:
Während des Abiturs habe ich heimlich vorgesprochen. Es war für mich immer klar, dass ich Schauspielerin werden möchte.


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Sie haben Abitur, aber mehrfach die Schule gewechselt.

Strenger:
Mein Abitur habe ich auf dem Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach gemacht. Ich habe oft die Schule gewechselt. Für mich war es spannend, aus eigenem Antrieb heraus mit der neuen Situation zurechtzukommen. Das war ein Vorgeschmack auf mein jetziges Leben. Umstellungen geben mir Kraft und inspirieren mich.


Sie haben Ihr Abitur mit 1,5 abgeschlossen. Wie ging es danach weiter?

Strenger:
Mit 18 bin ich nach Leipzig gefahren, ohne dass meine Eltern davon wussten. Insgesamt habe ich an vier Schulen vorgesprochen. Zwei haben mich genommen.


Was ist aus Ballett geworden?

Strenger:
Tanz mag ich nach wie vor sehr. Inzwischen würde ich eine freiere Art des körperlichen Ausdrucks wählen. Außerdem bin ich inzwischen fürs Ballett im Rentenalter angekommen.


Wenn man nach Ihrem Namen im Internet sucht, ist Kostümbildnerin als Ihr Beruf aufgeführt. Stört Sie das?


Strenger:
Ich habe mal in einer Stundenproduktion als Kostümbildnerin ausgeholfen. Dass das im Internet so erscheint, stört mich nicht.


Passiert es Ihnen, dass Sie auf der Straße erkannt werden?

Strenger:
Mich erkennt man nicht auf der Straße. Das ist für mich ein Kompliment, weil ich weiß, dass mich die Menschen in der Rolle anders wahrgenommen haben.


Wie gehen Sie damit um, bekannt zu sein?

Strenger:
Ich identifiziere mich nicht mit dem Beruf. Menschen verbinden damit immer etwas Glamouröses. Die Realität ist, dass der Beruf wahnsinnig unglamourös ist. Viele denken auch, dass ich wahnsinnig viel Kohle verdiene. Dem ist nicht so.


Sie spielen in "Höllgrund" eine Polizistin. Wie hat Ihnen die Rolle gefallen?


Strenger:
Der Beruf der Polizistin ist ein so fernes Metier. Ich kenne auch niemandem in meinem Umfeld, der Polizist ist. Ehrlich gesagt, habe ich auch ein wenig Angst vor Polizisten. Und natürlich war es toll, eine Figur mit so vielen Brüchen und Wendungen spielen zu dürfen, die trotzdem irgendwo auch einen Humor hat.


Haben Sie gleich zugesagt, als man Ihnen die Rolle anbot?


Strenger:
Ich wollte schon immer die Rolle einer Polizistin schlüpfen, in der es außerdem viel zu spielen gibt. Außerdem bin ich nicht in der Position, ein solches Angebot auszuschlagen.


Weshalb?


Strenger:
Ich hatte total Glück, dass man mir als No-Name Schauspielerin so eine große Rolle angeboten hat. Die Follower-Zahlen der Schauspieler auf Instagram, Tiktok sind beim Casting ein Richtwert. Produktionsfirmen gehen davon aus, dass die Einschaltquoten hoch sind, wenn ein Schauspieler mit vielen Followern mitspielt.


Heiner Lauterbach ist in der Rolle eines Dorfarztes zu sehen. Wie war es, mit ihm zu spielen?

Strenger:
Er ist toll und ganz auf dem Boden geblieben. Er ist sehr zugewandt und zugänglich. Außerdem ist er ein harter Hund. Er hatte bei den Dreharbeiten einen Hexenschuss, hat sich eine Spritze geben lassen und weitergespielt. Er hat ein Kamerabewusstsein und weiß in jedem Moment, wo die Kamera herkommt. Zudem hat er einen ganzen Bauchladen an Werkzeugen, die man als guter Schauspieler braucht.


Sie verlieben sich im Film in den Dorfarzt, der von August Wittgenstein gespielt wird. Es kommt zu einer Bettszene. 


Strenger:
Die erste Szene war gleich eine Kuss-Szene. Es ist übrigens nicht so, dass die Serie chronologisch gedreht wurde. Da wurde kreuz und quer gedreht. An einem Tag haben wir mal Szenen aus vier verschiedenen Folgen gedreht. Es ist alles viel technischer als man sich das vorstellt. Unter anderem weil man so eine Szene über Stunden aus verschiedenen Perspektiven dreht und gleichzeitig 20 andere Leute mit im Raum sind. Das Verhältnis zwischen August und mir ist zwischen professionell und geschwisterlich. Wir haben in den Drehpausen Weihnachtsgeschenke für seine Verlobte ausgesucht.


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War es eine große Umstellung, vom Theater zum Fernsehen?


Strenger:
Absolut. Ich bin an die Theater-Zuschauer gewöhnt, die einem unmittelbar ein Feedback und eine Energie geben. Beim Film ist es schön, dass man so viel persönlicher und natürlicher Spielen kann und die Kamera das alles einfängt.


Wie haben Sie sich vorbereitet?

Strenger:
Ich war einen Tag lang mit einem echten Polizisten unterwegs und habe auch Schießtraining mitgemacht. Wir sind zusammen im Streifenwagen zu einem Supermarkt gefahren, ich in Uniform.


Wie haben die Menschen reagiert?

Strenger:
Die Reaktionen von Menschen waren total unterschiedlich. Aber es macht etwas mit einem, eine Waffe zu tragen und über Leben und Tod entscheiden zu können. Es ist ein Gefühl von Macht, das ich so vorher nicht kannte.


"Höllgrund" spielt im Schwarzwald. Wie empfanden Sie die Gegend?

Strenger:
Mich hat die Natur umgehauen. Man merkt die Nähe zu Frankreich. Das ist eine Eigenheit, die ich hier nicht kenne, ein eigener Kosmos. Das ist doch ein enormer Unterschied zu Schwaben.


Was hat Ihnen beim Dreh am besten gefallen?


Strenger:
Was richtig Spaß gemacht hat, sind die Wirtshaus- oder Kirchen-Szenen, in denen all die anderen Figuren des Dorfes mitbeteiligt waren. Das hatte eine ganz eigene Atmosphäre.


Sie besprechen auch Werbevideos.

Strenger:
Ja, stimmt. Das macht einen Heidenspaß. Die Arbeit mit der Stimme empfinde ich als befreiend. Man lernt, unter Druck zu arbeiten. Das Bequeme ist: Man geht in Jogginghose zum Arbeiten

 

Über welche Anfrage würden Sie sich freuen?

Strenger:
Ich würde gerne mal bei einem richtig schönen internationalen Kinofilm mitspielen. Oder eine Rolle verkörpern, die in einem ganz anderen Milieu verortet ist, das einfach weit von mir selbst entfernt ist und wo ich mich heranarbeiten und über mich hinauswachsen muss.


Bleibt da noch Zeit für Hobbys?

Strenger:
Leider nein. Ich arbeite sehr viel und sitze pro Woche mindestens zwei Tage im Zug oder im Auto. Aber das ist ok, am glücklichsten bin ich ohnehin, wenn ich arbeiten kann.

 


Zur Person

Lou Strenger ist in Pleidelsheim und Asperg aufgewachsen und hat ihr Abitur mit 1,5 abgeschlossen. Sie ist an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig ausgebildet worden. Zuletzt spielte sie in den TV-Produktionen "Brecht" und "Alice" mit. In der vielgelobten Miniserie "Höllgrund" verkörpert die 30-Jährige in der Hauptrolle eine Polizistin. Am Düsseldorfer Schauspielhaus wirkte sie bei "Orpheus", "Don Carlos", "Romeo und Julia" und der "Dreigroschenoper" mit. Sie hatte Engagements an den Theatern in Nürnberg, Dresden und Köln. Der Kurzfilm "Le Prè du Mal", in dem sie mitspielte, ist mit dem Preis "Next Generation Cannes" ausgezeichnet worden. Strenger lebt Berlin.

 

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