Schauspieler Til Schweiger: "Trauer ist ein Tabuthema"
Am 15. September startet Til Schweigers Drama "Lieber Kurt" in den Kinos. Wir haben den Regisseur und Schauspieler in Ludwigsburg getroffen und über seinen neuen Film gesprochen. Kritisch sieht der Filmemacher mögliche Corona-Maßnahmen im Herbst.

Bei "Lieber Kurt" spielt Til Schweiger nicht nur die Hauptrolle, er nahm auch auf dem Regiestuhl Platz. Bei einer nicht-öffentlichen Präsentation des Dramas für den Walheimer Schuhhersteller Sioux im Ludwigsburger Scala-Kino haben wir den Regisseur und Schauspieler getroffen. Ein Gespräch über den Umgang mit Trauer und mögliche Corona-Maßnahmen im Herbst.
Herr Schweiger, für Ihren neuen Kinofilm haben Sie sich das Buch "Kurt" von Sarah Kuttner vorgenommen. Was hat Sie an dem Stoff fasziniert?
Til Schweiger: Das Buch war so fesselnd, ich habe es in einem Rutsch durchgelesen. Es hat mich zutiefst emotional bewegt, ich habe mehrfach geweint. Deshalb habe ich mich darum beworben, die Filmrechte zu bekommen. Das habe ich vorher noch nie gemacht. Ich schreibe lieber meine eigenen Geschichten als Bücher zu verfilmen. Aber hier musste ich eine Ausnahme machen.
In Ihrer Verfilmung "Lieber Kurt" geht es um Trauer. Nach dem Tod eines Kindes bleiben drei Erwachsene zurück, die neu lernen müssen, wie man lebt. Was würden Sie sagen: Werden trauernde Menschen in unserer heutigen Gesellschaft isoliert?
Schweiger: Definitiv. Das ist sicher auch einer der unbewussten Gründe, warum ich den Film gemacht habe. Trauer ist ein Tabuthema. Man muss aber darüber sprechen. Ich habe es auch in meinem Freundeskreis erlebt, dass Menschen aus dem Umfeld oder Freunde sich irgendwann von Trauernden abwenden, weil es für sie einfacher ist. Sie distanzieren sich, anstatt sich zu kümmern. Mein Film soll dazu beitragen, dass man sich auch als Mensch im Umfeld eines solchen Menschen Gedanken macht, bevor man ihn links liegen lässt.
Auch für das Umfeld ist eine solche Situation bestimmt nicht einfach.
Schweiger: Ich weiß, es ist schwer, mit Trauernden umzugehen. Ich erlebe es bei meinen Kindern. Wenn die trauern, ist das kaum auszuhalten. Man kann ihnen nicht groß helfen, außer ihnen zuzuhören oder sie in den Arm zu nehmen. Das Sprichwort "Die Zeit heilt alle Wunden" stimmt oft, aber wenn man einen geliebten Menschen verliert, zum Beispiel durch Tod, tut es das nicht.
Auf welchen Wegen kann man nach einem solch traumatischen Erlebnis zurück ins Leben finden?
Schweiger: Dafür gibt es kein Patentrezept, jeder Mensch verarbeitet Trauer anders. Es gibt Menschen, die kommen schneller zurück ins Leben, andere brauchen länger. Was aber alle gemeinsam haben: Es gibt gute und schlechte Tage, und doch ist nichts mehr wie vorher. Es verändert sich dadurch etwas fundamental im Kosmos eines Menschen. Die Trauer wird immer zurückkommen. Man kann es lange ausblenden, doch dann trifft es einen wieder mit voller Wucht.
Ihr Film "Lieber Kurt" ging ja auch ins Rennen als möglicher Kandidat für den deutschen Oscar-Beitrag.
Schweiger: Durch die Medien geisterte die bewusst gepflanzte Ente, dass ich den Film eingereicht hätte. Ich weiß nicht, wer das in die Welt gesetzt hat. German Films hat meinen Film vorgeschlagen für die deutsche Auswahlkommission, nicht für die Oscars. Diese Kommission entscheidet allein, welcher Film für Deutschland ins Rennen geht. Nochmal: Ich selbst kann keine Filme für den Oscar einreichen. Wenn ich es könnte, würde ich es aber auch nicht tun. Ich reiche meine Filme auch nicht mehr beim Deutschen Filmpreis ein, weil ich eh nicht an der Vorauswahl-Jury vorbeikomme. Die haben keinen Bock auf Til Schweiger.
Wieso ist das so?
Schweiger: Weil es beim Deutschen Filmpreis Fördergelder gibt. Wer einen Preis gewinnt, bekommt diese Fördergelder. Beim Filmband in Gold erhält man beispielsweise 800 000 Euro. Die in der Jury sagen sich aber: Der Schweiger hat eh schon so viel Geld, warum sollten wir dem noch Fördergelder geben.
Filmkritiker stehen Ihren Filmen oft skeptisch gegenüber. Viele behaupten, dass Ihre Filme nach einem ähnlichen, vorhersehbaren Schema aufgebaut sind. Was würden Sie diesen Leuten entgegnen?
Schweiger: Denen muss ich gar nichts entgegen. Ich finde meine Filme toll, ein Großteil des Publikums tut das auch. Viele Leute, die schlecht über meine Filme sprechen, haben sie nie gesehen.
Sie sind Schauspieler, Regisseur und Produzent, kennen die Branche gut. Mit Blick auf einen weiteren möglichen Corona-Herbst, was denken Sie macht das mit der Filmwelt?
Schweiger: Ich kann nicht in die Zukunft sehen. Aber ich kann nur hoffen, dass die Politik zur Vernunft kommt, aber da habe ich nur wenig Hoffnung. Wenn Karl Lauterbach mit seinen Plänen durchkommt, wenn ihn keiner stoppt, wird es nicht besser für die Filmschaffenden. In vielen Ländern Europas kann man ohne Maske fliegen. In Deutschland kann man ohne Maske über den Flughafen laufen, muss sie dann im Flieger aber wieder aufziehen. Das macht alles keinen Sinn.
Zur Person
Til Schweiger wurde am 19. Dezember 1963 in Freiburg geboren. In den 1990er Jahren wurde er durch Kinofilme wie "Manta, Manta" oder "Der bewegte Mann" bekannt. Danach spielte er auch in internationalen Filmproduktionen wie "Inglourious Basterds" und gründete seine eigene Produktionsfirma Barefoot Films. Filme wie "Keinohrhasen" und "Honig im Kopf", bei denen er Regisseur, Produzent und Darsteller war, waren kommerziell erfolgreich.
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