Schaurige Verführer: In Stuttgart tanzen wieder die Vampire
Nach 19 Monaten coronabedingtem Stillstand: Das Kultmusical "Tanz der Vampire" nach Roman Polanskis Film kehrt zurück und feiert im Palladium-Theater auf den Fildern Premiere mit rockigen Balladen und einem Ensemble, das es nach der langen Pause wissen will.

Totgesagte leben länger. Für Vampire gilt das allemal. Seit der Uraufführung 1997 im Wiener Raimund Theater wurde das Musical "Tanz der Vampire" nach dem gleichnamigen Film von Roman Polanski in 15 Ländern und 13 Sprachen gespielt.
Zu Stuttgart haben die Blutsauger ein spezielles Verhältnis. Vor 21 Jahren fand hier die deutsche Erstaufführung statt. Nun ist die bissige Geschichte zurückgekehrt für eine vierte Spielzeit ins Palladium-Theater im SI-Centrum. Mehr als 2200 Vorstellungen wurde das Grusical in Möhringen bereits gespielt. Mit Filippo Strocchi in der Rolle des schaurig-charismatischen Grafen von Krolock wollen frische Vampire das Publikum erneut rocken.
Mit Maske, aber ohne Abstand
Über 19 Monate blieb es dunkel auf den Stuttgarter Musicalbühnen der Stage Entertainment. Mit der Premiere des wohl erfolgreichsten deutschsprachigen Musicals am Dienstag (05.10.) meldet sich die gebeutelte Branche zurück unter 3-G-Bedingungen und mit Maskenpflicht, dafür ohne Abstandsbeschränkung. Obwohl das Theater, das 1800 Sitze zählt, mit über 1000 Gästen nicht ausgelastet ist, bebt das Haus. Dass Künstler wie Publikum auf diesen Moment gewartet haben - eigentlich sollten die Vampire ab April tanzen -, ist greifbar.
Auch wenn das Musical nicht an Polanskis Film von 1967 herankommen kann, schon der Vergleich ist unfair: Die rock-pop-musikalische Parodie auf das Vampirgenre ist perfekte Show, hochprofessionell und überwältigt mit grandiosen Tanzszenen, starken Stimmen und einem Bühnenbild, das nichts vom Charme eingebüßt hat nach all den Jahren.
Eine trash-barocke Bilderflut
Dass Graf von Krolock, Corona geschuldet, bei seinem ersten Auftritt nicht durch die Zuschauerreihen schreitet: geschenkt. Lichteffekte und immer ausgefeiltere Bühnentechnik machen den "Tanz der Vampire" zu einem nicht nur akustisch bombastischen Erlebnis, sondern zu einer trash-barocken Bilderflut, wenn wir dem Grafen folgen, der seit dem frühen 17. Jahrhundert durch die Welt geistert.
Das Premierenpublikum spendet Szenenapplaus. Fast alle kennen das Musical von Komponist Jim Steinman und Michael Kunze und fiebern dem wiederkehrenden Thema "Totale Finsternis" entgegen, Steinmans Variation seines Megahits "Eclipse of the Heart" für Bonnie Tyler aus dem Jahr 1983. Boris Ritter, der musikalische Leiter, dirigiert das Orchester wie eine symphonisch aufgestellte Rockband.
Mit augenzwinkernder Erotik
Worum es geht? Auf der Suche nach Vampiren kommen der kauzige Professor Abronsius und sein Assistent Alfred ihrem Forschungsziel gefährlich nahe. Dabei verliebt sich Alfred in die Wirtstochter Sarah, doch auch Graf von Krolock ist scharf auf das unschuldige junge Ding und lockt sie auf sein Schloss. Dass dort die Party erst richtig losgeht mit augenzwinkernder Erotik, ist bekannt.
Die Story zwischen Persiflage und Liebesdrama erzählt von großen Gefühlen, scheut weder Kalauer noch Slapstick, arrangiert Ohrwürmer und Stereotypen wie den geilen Wirt Chagal und den tuntigen Sohn des Grafen. Und präsentiert bemerkenswerte Textzeilen in Balladen wie "Gott ist tot", "Jeder saugt das Blut des anderen". Oder in "Die unstillbare Gier", wenn Krolock prophezeit, "die wahre Macht, die uns regiert, ist die schändliche, unendliche, verzehrende, zerstörende und ewig unstillbare Gier".
Ein metallen poppiger Bariton
Filippo Strocchis düsterer Graf ist, wie es Untote nun mal sind, eine unglückliche Kreatur, dafür umso charismatischer als grausamer Verführer, der sich nach dem Leben sehnt, das er zerstört, kaum hält er es in Händen. Strocchis mal klassisch schmelzender, mal metallen poppiger Bariton unterstreicht den ambivalenten Reiz der Rolle.
Stark in allen Tonlagen, ist Diana Schnierers Sarah so mädchenhaft wie lebenshungrig. Eine bei Männern beliebte Mischung. Dem Grafen ist sie verfallen, am Ende saugt die Gebissene nicht weniger lustvoll am Hals von Alfred (Typ ewiger Junge: Raphael Groß). Luc Steegers gibt den unerschrocken trotteligen Abronsius. Nicolas Tenerani ist ein verschlagener Chagal und Jakub Wocial ein schaurig schmachtender Herbert. Nach dem Finale, das zur virtuos stampfenden Clubparty gerät, gibt es stehenden Applaus.
Bis September 2022 wollen die Vampire in Stuttgart tanzen
Sex-Appeal und Macht begründen die Faszination des Vampirs: Er verkörpert die Tragik von Lieben und Sterben, von sex and crime. Seit Jahrtausenden beschäftigt der Mythos des Vampirs die Menschen verschiedener Kulturen. Der Vampir zapft seinem Opfer Blut ab und schenkt ihm dafür eine Art masochistische Lust. Die Geschichte dieser Mythologie reicht zurück ins Alte Testament: Die erste Untote der Geschichte ist Lilith, Adams erste Frau. Nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies sucht sie als Nachtgeist die Menschen heim. In Transsilvanien, das oft als Ursprungsregion der Vampirsaga genannt wird, gehört der Glaube an Wiedergänger zur alten Volkskultur. Den Prototyp des literarischen Vampirs erschafft Bram Stoker 1897 in seinem Roman "Dracula".
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