Sascha Grammel ließ in der Harmonie die Puppen tanzen
Hätte er sich doch zurückgehalten. Wäre er seiner heiß geliebten Puppe nicht so forsch über den Mund gefahren. Dann würde er jetzt nicht erbleichen. Und das auch noch in aller Öffentlichkeit. Gleich 2000 Fans in der Harmonie sehen Sascha Grammel beim zugegebenermaßen schön anzusehenden Erbleichen zu.

Doch alle noch so schönen und passenden Konjunktive helfen dem Puppenspieler Sascha Grammel jetzt auch nicht aus der Patsche. Er hat, es lässt sich nicht beschönigen, seine Puppe in ihrer Puppenehre getroffen. Aber wer wollte hier überhaupt von einer Puppe sprechen?
Es handelt sich schließlich um den höchst lebendigen, wenn auch arg gerupften und schielenden Adler-Fasan namens Frederic Freiherr von Furchensumpf: seinen alten Kumpel Frederic.
Worte lassen sich nicht zurücknehmen, so gerne es der Puppenspieler Sascha Grammel jetzt auch wünschen würde. "Du bewegst Dich auf dünnem Eis, mein Freund", zischelt der gefährlichste Vogel der Welt also. "Noch so ein Moment und ich gehe zur Sesamstraße." Wieder einmal haben sich die Machtverhältnisse auf der Bühne verschoben.
Märchenwald
Herr und Knecht, Puppenspieler und Puppe: Die Besucher im fast ausverkauften Theodor-Heuss-Saal sind hin- und hergerissen. Was für ein Schauspiel läuft denn hier ab? Die Bühnenbauten, die einem kitschigen Märchenwald entlehnt sind, helfen den Besuchern nicht wirklich auf die Sprünge. Die einen Tick zu grelle Lichtshow und die etwas zu laute Toneinrichtung auch nicht.
Die Äußerlichkeiten einer typisch grammeligen Sascha-Grammel-Show sind gewöhnungsbedürftig. Zu schnell gewachsen scheint die Show des 40-Jährigen Berliners, der, beinahe über Nacht, erst 2011 zu Fernsehehren gekommen war. Nach seiner nächtlichen RTL-Show wechselte er in die großen Hallen. 2012 wurde er mit dem Deutschen Comedy Preis als bester Newcomer ausgezeichnet.
Schrullig
Jetzt ist er mit seiner zweiten abendfüllenden Show unterwegs. "Keine Anhung" heißt sie, drollig-verquer betitelt und garantiert jugendfrei. Wenn ein schlimmes F-Wörtchen ertönt, quiekt es in der Harmonie. Im Märchenwald hat Grammel auch einen FSK-Null-Wächter untergebracht. Das kann man charmant finden, muss man aber nicht. Besser man konzentriert sich auf die Puppen und die Puppen alleine, die von einem Puppenbauer-Kollektiv entwickelt werden.
Auf die schrullige Schildkröte Josie etwa, die als schwer verliebte Braut über die Widrigkeiten des Hai-Ratens philosophiert. Auf Professor Dr. Peter Hacke, Erfinder des gleichnamigen Hackepeter-Prinzips, der in der Gestalt eines Riesen-Burgers gefangen ist und Sascha Grammel im großen Finale schwer in die Bredouille bringen wird. Allerlei teuflische Säfte hat der Professor in seiner Hexenküche gemischt, die Sascha Grammel unvorsichtigerweise wegsüffelt.
Und schon sind alle seine Figuren nicht nur präsent, sie übernehmen zur knalligen Musik der "Ghostbusters" die Herrschaft über Sascha Grammel. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann tanzen sie ihm noch heute auf der Nase herum. So leicht sind sie nicht zu bändigen, die Geister, die er einst gerufen hatte.
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