Sahnehintern in Schockstarre
"Der bewegte Mann - das Musical" feiert eine umjubelte Premiere bei den Burgfestspielen. Flotte Dialoge und begeisternde Schauspieler machen das Musical zu einem großen Spaß.

Ich bin schwul − und das ist gut so (2001): Das spektakuläre Outing des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit schlug ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel und wirkte nach langer, unerträglicher Schwüle ums Schwule wie ein reinigendes Gewitter.
Obwohl Homosexualität zwischen Männern seit 1969 straffrei war, blieb die gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung ein gesellschaftliches Tabu, denn der Paragraf 175 wurde erst 1994 abgeschafft. Just im selben Jahr erobert die Filmkomödie "Der bewegte Mann" die Kinos. In ihr kommen Fleischeslust und Liebesfrust aus Homo-Perspektive zur Sprache.
Das Musical wurde 2017 in Hamburg uraufgeführt
Die Erfolge der Verfilmung (über 6,5 Millionen Kinobesucher in Deutschland) wie des zugrundeliegenden, gleichnamigen Comics (1990) von Ralf König überraschten. Entlang der Filmdramaturgie haben Christian Gundlach (Musik/Liedtexte) und Craig Simmons aus dem Stoff ein Musical gemacht. "Der bewegte Mann − das Musical" wurde 2017 am Altonaer Theater uraufgeführt und wurde am Freitagabend, in leicht veränderter Besetzung, vom Publikum der Burgfestspiele bejubelt.
"Ich seh ne Frau. Die findet mich scharf. Wir landen im Bett − so einfach ist das", brüstet sich Axel, der mit Doro liiert ist. Jung und sexy, sie könnten glücklich sein. Sie ist für eine Beziehung reif, doch er will seine Männlichkeit auch außer Haus beweisen.
Mit fatalen Folgen: Doro erwischt Axel in flagranti und wirft ihn raus. Die Angelegenheit hat einen Haken: Doro ist schwanger und Axel ahnt nichts vom Vaterglück. Soweit, so hetero.
Szenenapplaus für gute Schauspieler
Auf der Suche nach einer Bleibe trifft Axel Norbert. Der nimmt ihn sehr bereitwillig bei sich auf und führt ihn in die Schwulenszene ein. Einst Jäger, nun Beute, kann sich Axel mit seiner neuen Rolle als Sahnehintern, so der Szene-Jargon, nicht anfreunden. Im Nu entwickeln sich aus dieser Grundkonstellation Chaos und reihenweise Missverständnisse.
Die Inszenierung lebt vom Personal: Elias Krischke, als selbstverliebter Axel, von Tunten auf die Schippe, vom Ledertypen in die Mangel und vom Fetisch-Schwulen nicht ganz ernst genommen, läuft splitterfasernackt zu Hochform auf, als er nach einem Quickie (im Bett von Norbert) offenbar von Elke, einer alten Schulfreundin, gedopt, minutenlang in einer postorgastischen Schockstarre verharrt.
Besser als Til Schweiger im Film, erntet dieses zur Skulptur geronnene Mannsbild, das erst durch eine Banane erlöst wie ein Gorilla davontrabt, Szenenapplaus.
"Mich kann nichts schocken, trag du ruhig deine pinken Socken"
Den Mut zur Blöße verlangt die Regie (Harald Weiler) keinem der anderen Darsteller ab. Dafür bringen alle eine wohltuende Portion Selbstironie ein, (neben Krischke) allen voran Moritz Grabbe als Norbert, dem man den sanften Homo gerne abnimmt. Jennifer Siemann überzeugt als jugendliche Doro durch gesangliche Strahlkraft.
Mal als Fetisch-Typ, mal als schwuler Metzger hat David Wehle die dankbarsten, weil hyperrealistischen Rollen. Schöner Kontrast dazu die beiden schrillen Transen Waltraud (Martin Markert) und Fränzchen (Matias Lavall). Klasse Konter zur schillernden Männerriege ist Elena Otten als weltläufig männermordende Emanze.
"Ich bin ein bewegter Mann. Es gibt nichts, was ich nicht tolerieren kann. Mich kann nichts schocken, trag du ruhig deine pinken Socken", so heißt es im Titelsong. Am meisten Spaß machen aber die flotten Dialoge. Vor allem, wenn sie gewitzt auf den Film anspielen. "Mensch Axel, du warst breit wie 'ne Amsel! Selbst wenn Til Schweiger hier gepennt hätte, wäre nichts passiert!", beruhigt Norbert den Hetero, als der sich beim Aufwachen an nichts erinnern kann.
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