Premiere in der Boxx: Verheddert im Lametta
Giulia Weis brilliert in "Das kunstseidene Mädchen" nach Irmgard Keun. Sie verkörpert Doris, die 18-jährige Protagonistin, die abenteuerhungrig in die große Stadt flieht und dort in die grobe Realität der 20er Jahre abrutscht.

Hundert unterhaltsame Minuten ist Giulia Weis voll auf der Rolle. Doris heißt die 18-jährige Protagonistin im Einpersonen-Stück "Das kunstseidene Mädchen". Vom Elend des Elternhauses angeödet − ihr Vater ist arbeitslos, ihre Mutter Garderobiere am Theater − und vom Glanz der Großstadt fasziniert, träumt sie sich in eine Welt aus Luxusversprechen: Weißes Auto, Schmuck und eine Wanne voll Badewasser, das nach Parfüm duftet. Status ist kein Selbstzweck, sondern verschafft Respekt und macht einen begehrlich.
Nach einer literarischen Autobiografie
Nach dem autobiografischen Roman "Das kunstseidene Mädchen" (1931) von Irmgard Keun (1905-1982) fokussiert die gleichnamige Bühnenfassung (1995) von Gottfried Greiffenhagen (1935-2013) das Frauen-Schicksal in der Art eines Stationen-Dramas.
Die Inszenierung (Regie: Jens Kerbel, Dramaturgie: Kristin Päckert) in der Boxx lebt zum einen von der jugendlich frischen Sprache der Autorin, zum anderen von der zupackenden Spielfreude der Protagonistin − und nicht zuletzt von der Ausstattung (Carla Friedrich), die, bei all den Discokugeln, Spiegeln und Pailletten, dank passender Lichtregie (Konstantin Fiedler) verlockend funkelt.
Sie träumt vom Augenaufschlag einer Marlene Dietrich
Keun zeichnet ein selbstbewusstes, abenteuerhungriges Mädchen, das in die Stadt flieht und auf dem Weg, "ein Glanz" zu werden, immer mehr abrutscht. Aufmüpfig und mit erstaunlicher Geistesgegenwart gesegnet, verliert dieses Sterntalerchen weder Mut ("Ich lass" mich nicht unterkriegen, in mir steckt die Kraft von Revolvern") noch Humor: "Vater unser, mach" mir doch mit einem Wunder eine feine Bildung − das Übrige kann ich ja selbst machen, mit Schminke". Gern hätte sie den verführerischen Augenaufschlag einer Marlene Dietrich.
Showgirls, Diven und Filmstars prägen die 20er Jahre. Doch was sich nach feministischem Aufwind anfühlt, ist hinter der schönen Fassade ein hässlicher Abgesang auf die Würde der Frau. Zuhälter, die ihre Huren prügeln. Herren der bürgerlichen Gesellschaft, die Sex mit Abhängigen erzwingen. Doris arbeitet als Schreibhilfe bei einem Rechtsanwalt, der sie frei nach dem Motto "Du willst es doch auch!" vergewaltigt.
Köstliche Groteske
Ein bisschen frivol, ein bisschen angeekelt von der pickelgesichtigen Hopfenstange, wie sie den Namenlosen nennt, turnt dieses Pretty Baby im vergoldeten Gestänge aus Abwasserrohren und erklärt den Vorgang en détail. In der Rolle der Ich-Erzählerin wird daraus eine köstliche Groteske. Ernst ist die Ohrfeige, die sie auf den Overhead-Projektor klatscht, gemeint ist Hubert, ihr erster Freund und Ex.
Er hatte sie zwecks standesgemäßer Heirat verlassen, nun kommt der gelangweilte Gatte winselnd zurück. Die Hand ruht auf dem Glas, ihr vergrößerter Schatten wie ein Menetekel an der Stellwand. Verdinglichung des Körpers, Liebe als Ware, Aufmerksamkeit als Währung: Was durch inflationären Gebrauch immer mehr zur Sprachhülse verkommt, wird in theatralen Aktionen, in denen Text, Spielerin und Bühnenobjekt zu szenischen Bildern verschmelzen, auf neue Weise sinnfällig.
Feministisches Neonpink
Diese Momente bietet die Inszenierung zuhauf, sei es im Glitzerkram, der ihr geklautes Pelz-Jäckchen schmückt und in Kontrast steht zu den rostigen Sicherheitsnadeln, mit denen das Kleidchen zusammengehalten wird. Sei es Theater im Theater, wie in der Probenszene zu "Wallenstein", wenn sich die Statistin trickreich einen Satz erkämpft und nun, bewaffnet mit dem Satz "Base, sie wollen fort" sowie mit Lanze, Schild und Helm, in feministischem Neonpink auftreten darf.
Auch wenn das Elend der Epoche nur indirekt zur Sprache kommt, die glühenden Augen von Giulia Weis durchleuchten das Frauenbild der Neuen Sachlichkeit. Selbst, wenn sich das kunstseidene Mädchen verrennt und im Lametta verheddert.
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