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Interview

Performance-Künstler Friedrich Liechtenstein: "Ich bin ein großer Freund von Ironie"

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Manche kennen ihn aus Werbespots. Doch Friedrich Liechtenstein ist seit Jahrzehnten auch Schauspieler, Schriftsteller und Musiker. Jetzt hat er mit "Good Gastein" ein neues Album veröffentlicht. Darüber haben wir mit dem 66-Jährigen gesprochen.

Friedrich Liechtenstein lässt sich ungern einschränken, ist als vielseitiger Künstler bekannt. 2019 war er auch in Heilbronn zu Gast, stand für eine musikalische Performance auf der Bühne des Clubs Mobilat.
Friedrich Liechtenstein lässt sich ungern einschränken, ist als vielseitiger Künstler bekannt. 2019 war er auch in Heilbronn zu Gast, stand für eine musikalische Performance auf der Bühne des Clubs Mobilat.  Foto: Fritzi Friedrich

Herr Liechtenstein, Sie sind Schriftsteller, Musiker, Schauspieler und Werbefigur, bezeichnen sich aber am liebsten als Performer. Warum?

Friedrich Liechtenstein: In allen Bereichen, in denen ich auftauche, geht es vor allem um eine performative Geste, darum, dass ich etwas aufführe, etwas spiele. Auch als Musiker bin ich noch mehr ein Entertainer. Es ist gut ein Wort dafür gefunden zu haben, ansonsten kommt man ja gar nicht hinterher zu erklären, was ich alles mache.


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Sind Sie jemand, der Dinge gerne in der Schwebe lässt?

Liechtenstein: Das finde ich sehr gut, ja. Ich bin auch ein großer Freund von Ironie, weil sie es den Leuten nicht so einfach macht und einen zweiten, dritten oder sogar vierten Kontext hat. Ich mag es, wenn es schwebt und man etwas unterschiedlich deuten kann. Daraus ergeben sich mehr und spannendere Möglichkeiten, ein einfaches Ja oder Nein ist langweilig.


Sie sind in der DDR groß geworden, im Sozialismus aufgewachsen, im Jahr 1986 versuchte die Staatssicherheit vergeblich Sie anzuwerben. Wie hat Sie diese Zeit menschlich und künstlerisch geprägt?

Liechtenstein: Darüber habe ich schon sehr oft nachgedacht, es wird wohl aber ein Rätsel bleiben. Ich habe jetzt sogar einen Podcast gemacht über meinen Geburtsort Stalinstadt, heute Eisenhüttenstadt. Klar ist, dass die Kindheit und Jugend einen prägen, ob man will oder nicht. Ob man sie im Umfeld der katholischen Kirche verbringt oder auf einem Bauernhof, man muss mit dieser Prägung ein Leben lang umgehen. Vielleicht erzeugt das bei vielen aber auch das Gegenteil, ganz nach dem Motto: So wie meine Eltern will ich nicht werden.


Sie haben an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin studiert, waren jahrzehntelang als Schauspieler und Musiker unterwegs. Der internationale Durchbruch gelang Ihnen aber erst 2013 mit einem Werbe-Spot für einen bekannten Discounter. Ärgert einen das, dass man erst mit so etwas richtig auf sich aufmerksam macht?

Liechtenstein: Nein, ich finde, es ist über die Jahre alles sehr gut für mich gelaufen. Das, was die Leute von außen sehen, steht oftmals im Kontrast zu dem, wie es wirklich ist.


Auf Ihrem neuen Album "Good Gastein" widmen Sie sich ein weiteres Mal dem österreichischen Kur- und Wintersportort Bad Gastein. Was fasziniert Sie daran so sehr?

Liechtenstein: Als ich den Ort vor Jahren kennenlernte, befand er sich in einer Krise. Es gab viel Leerstand, Hotels, die aussahen wie aus einem Wes Anderson-Film, brutalistische Architektur, es war eine Art Palastrepublik in den Alpen. Es war ein aufgeladener, ein fast schon gescheiterter Ort, aber auch sehr inspirierend. Mein Vater war damals gerade gestorben und ich war ein wenig hellhöriger und aufmerksamer, habe mich mit dieser Atmosphäre intensiv auseinandergesetzt.


Hat sich der Blick auf den Ort mittlerweile geändert?

Liechtenstein: Inzwischen habe ich dort häufiger gearbeitet, fürs Fernsehen gedreht, ein Filmfestival organisiert und vieles mehr. Mittlerweile ist es eher der Blick auf einen Sehnsuchtsort, aus der Ferne, aus der Erinnerung, ein wenig distanzierter. Ein utopischer und nostalgischer Blick auf einen Ort, der zunehmend einem Wandel unterliegt.

Musikalisch sind Sie auf dem neuen Album weg vom Elektronischen, hin zu eher handgemachten Musik. War das ein organischer Prozess?

Liechtenstein: Ein wenig, ja. Manchmal schieben sich die Dinge durch Zufälle zurecht. Aber ich war und bin in meinem Leben schon immer sehr daran interessiert, Dinge zu verändern. Ich bin schnell bereit Räume zu verlassen, neue zu betreten und damit ein neues Kapitel aufzuschlagen. Und trotzdem bleibe ich mir dabei immer treu. Jetzt ist es ein Doppelalbum mit 17 Songs geworden, das ich mit einer achtköpfigen Band eingespielt habe.


Inspiriert wurden die neuen Lieder, wie Sie sagen, von Manfred Krug.

Liechtenstein: Wenn man sein Leben und die Einflüsse in der Rückschau sortiert, bleibt Manfred Krug bei mir als jemand übrig, den ich immer klasse fand. Als junger Mann auf der Schauspielschule habe ich seine Platten gehört und mitgesungen, habe versucht sein Timbre zu imitieren. Er war auch Teil der DDR-Konzertreihe "Jazz-Lyrik-Prosa". Das waren nicht ganz staatskonforme, jazzaffine Veranstaltungen. Das hatte Einfluss auf mich. Die Mischung aus Musik, Text und Prosa war spannend. Ich wusste: So etwas will ich auch mal machen.


Sie bezeichnen sich als Minimalist, sagen, dass es Sie froh macht, nichts zu haben. Gibt es Dinge, die Sie unbedingt im Leben brauchen?

Liechtenstein: Es hat sich durch die Pandemie ein bisschen gewandelt. Ich bin ein Stück weit unter die Gärtner gegangen, habe mir einige Grünpflanzen zugelegt. Und klar braucht man dann auch mal einen schönen Topf oder eine Vase. Aber ich mag nach wie vor leere Räume und leere Schränke. Wenn ich mir Klamotten kaufe, dann halten die ewig. Ich habe auch nur ein Paar Lieblingsschuhe, die habe ich mir mittlerweile sechs Mal gekauft. Auch ein Smartphone besitze ich nicht, darüber bin ich sehr froh.

Zur Person: Friedrich Liechtenstein wurde am 25. Dezember 1956 in Stalinstadt, dem heutigen Eisenhüttenstadt, als Hans-Holger Friedrich geboren. Er begann seine berufliche Karriere als Puppenspieler, Theaterregisseur und Schauspieler. Er studierte von 1980 bis 1984 an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Im Jahr 2003 begann er unter dem Künstlernamen Friedrich Liechtenstein seine Karriere als Musiker und Entertainer. Liechtenstein lebt in Berlin.

 
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