Perfekte Momente und ihr Gegenteil

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Heilbronn - So gerne er zu Hause in Köln sitzt und schreibt, so gerne fährt Selim Özdogan herum und liest. Um dann wieder nach Hause zu fahren, zu sitzen und zu schreiben.

Von Claudia Ihlefeld
"Warum lassen sich gewisse Meinungen besser verkaufen?"
          Selim Özdogan
"Warum lassen sich gewisse Meinungen besser verkaufen?" Selim Özdogan

Heilbronn - So gerne er zu Hause in Köln sitzt und schreibt, so gerne fährt Selim Özdogan herum und liest. Um dann wieder nach Hause zu fahren, zu sitzen und zu schreiben. Ein gelungenes Beispiel von Integration? Der deutsche Autor türkischer Herkunft ist auf diese Debatte nicht gut zu sprechen. Im Gegenteil.

In der Distel Litlounge in der Sonnengasse liest Selim Özdogan zum Auftakt einer türkischen Kulturwoche. Eine Auswahl seiner Bücher, Manuskripte und Druckfahnen liegen ausgebreitet auf dem Tisch. Als würden sich seine Gedanken beim Sprechen allmählich verfertigen, richtet er die Frage, warum sich gewisse Meinungen in den Medien besser verkaufen lassen, mehr an sich selbst als ans Publikum. Eine Scheindebatte scheint ihm die Integrationsdebatte. Özdogan geht es um Inhalte, seit 15 Jahren schreibt er − nicht nur über türkisch-deutsche Befindlichkeiten.

Seit Özdogans Erstling "Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist" (1995) hat der Schriftsteller weitere Romane und zahlreiche Erzählungen veröffentlicht, die wie "Ein gutes Leben ist die beste Rache", "Ein Spiel, das die Götter sich leisten", "Trinkgeld vom Schicksal", "Tüten und Blasen" oder "Ein Glas Blut" allein schon mit ihren Titeln neugierig machen. Ob er nun Passagen eines unveröffentlichten Romans oder Kurzprosa liest: Selim Özdogan ist der ideale und engagierte Interpret seiner Texte.

Wacher Beobachter

Einfach und geradlinig, pointiert und dann wieder fast ein wenig geschwätzig, erweist er sich als wacher Beobachter. Von dem Verrückten erzählt er, der lange in Deutschland lebt, alle 14 Tage zu einer Prostituierten geht, "obwohl er nicht wirklich entspannen kann", während Gül, die erwachsene "Tochter des Schmieds" aus dem gleichnamigen Roman zu Hause Fleischpasteten macht.

Ins Gegenteil kippen Selim Özdogan greift zu diesem und jenen Text, Short Cuts aus dem Alltag, die die perfekten Momente im Leben festhalten oder ihr Gegenteil, jenen flüchtigen Augenblick, wenn eine Situation kippt. Er erzählt gelassen, mit melancholischem Unterton wie es war, als der Bruder auszog und der jüngere aufs Gymnasium kam und Anna kennenlernte. Eine Liebesgeschichte, so traurig, bis der tragische junge Held eines Tages den Hamster aus dem Käfig nimmt und ihm das Genick bricht. Eine Story über Profis folgt, all jene, die alles professionell machen. Und "noch eine Geschichte mit religiösen Anklängen", wie Özdogan sagt und damit Schicksal und Vorhersehung meint, aber keine Liebe auf den ersten Blick.

Özdogan, Jahrgang 1971, Weltenbummler mit Bodenhaftung, hat sich ein Motto des umstrittenen Reggae- und Dancehall-Interpreten Sizzla auf seiner Homepage zu eigen gemacht: "Live the life you love, that"s how it goes. Love the life you live, so that it shows" (Lebe das Leben, das du liebst, so funktioniert das. Liebe das Leben, das du lebst, damit man es sieht). Und obwohl Özdogan eigentlich keine Texte über Migration und Bildung schreibt, konnte er einmal nicht widerstehen. Sehr zum Amüsement der überwiegend türkischen Gäste in der Litlounge, denen er zum Dessert sein Wort-Gedankenspiel "Was ist ein Vibrationshintergrund" serviert.

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