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Heilbronn

Nüchtern bis illusionslos: Die Autorin Birgit Vanderbeke in der Boxx

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Bei einem berührenden Abend in der Boxx Heilbronn stellte Birgit Vanderbeke den letzten Band ihrer autobiografisch gefärbten Trilogie vor.

Von Michaela Adick
Stellte den letzten Band ihrer autobiografisch gefärbten Trilogie vor: Birgit Vanderbeke im Gespräch mit dem Journalisten Wolfgang Niess.
Foto: Matthias Heibel
Stellte den letzten Band ihrer autobiografisch gefärbten Trilogie vor: Birgit Vanderbeke im Gespräch mit dem Journalisten Wolfgang Niess. Foto: Matthias Heibel  Foto: Heibel, Matthias

"Kultur? Die wird heute von Denkfabriken gemacht." Birgit Vanderbeke seufzt und fragt, rein rhetorisch versteht sich, wo sie denn wären, die Autoren, die sich einmischen. Und, jetzt kommt die Krux: auch tatsächlich gehört würden.

Ihr Tonfall? Ist, würde man der Autorin nicht zu nahe treten, beinahe als gleichmütig zu bezeichnen. So als ob Vanderbeke ahnen würde, dass ihre Analyse, so richtig sie auch sein mag, gänzlich folgenlos bliebe.

Wo sind sie denn, die Bölls? Vanderbeke, die sich in der Reihe "Autor im Gespräch" in der Boxx vom ehemaligen SWR-Journalisten Wolfgang Niess zu Leben und Werk befragen lässt, ist keine, die jammert, keine, die Verschwörungstheorien anhängen würde.

"Der Buchmarkt wird von Amazon aufgefressen"

Als Autorin, die seit fast drei Jahrzehnten im deutschen Literaturbetrieb unterwegs ist, kennt und benennt sie nur die Fakten. Die Aufmerksamkeitsspanne? Lächerlich. "Nach acht Wochen wird mein Buch aus den Regalen des Buchhandels geräumt." Der Buchmarkt? Wird von Amazon aufgefressen. Die Qualität der Bücher? Wird, seitdem die in Not geratenen Verlage viele Dienste ausgegliedert haben, nicht besser.

Die unverbindliche Ex-und-hopp-Haltung vieler Verlage widert sie an. "Nach zwei bis drei Büchern ist oft Schluss", so eine nüchterne bis illusionslose Vanderbeke (1956), die in der Veranstaltung von Stadtbibliothek und Stadttheater den letzten Band ihrer autobiografisch gefärbten Trilogie vorstellt.

In "Alle, die vor uns da waren" trifft man auf eine Endfünfzigerin, die zusammen mit ihrem Ehemann ein dreiwöchiges Stipendium im irischen Ferienhaus von Heinrich Böll auf Achill Island durchleidet. Vor ihnen der unendliche Atlantik, nächste Station Amerika, hinter ihnen ein Cottage im Nirgendwo. Ohne Fernsehen, Telefon, Internet, Busanschluss. Einsam, wie aus der Zeit gefallen.

Bachmann-Preisträgerin von 1990

Vanderbeke war 2014 eine Endfünzigerin, die zusammen mit Gianni, ihrem Ehemann, ein gewisses Stipendium erhalten hatte. Aber stopp. Vanderbeke wäre nicht Vanderbeke, wenn sie ihre Geschichte nicht überhöhen und verfremden würde, spätestens wenn ihrer Protagonistin Böll persönlich erscheint, wird dem Leser deutlich, dass man der Bachmann-Preisträgerin (1990) auf den Leim gegangen ist.

Prall gefüllt ist ihr schmales Bändchen mit Geschichten und immer wieder überraschenden Assoziationsketten, die sich - in weiten Kreisen - rund um ihre Familie drehen. Vanderbeke befreit sich von der Familie, interessiert sich für das Leben von Eichmann-Verfolger Fritz Bauer, lernt seine Nachfolger und Wegbegleiter kennen, zieht Anfang der 90er Jahre nach Südfrankreich.

Eine räumliche Flucht, die gelingt. Aber wie sieht es mit dem Innenleben aus? "Das Vergangene ist nicht vorbei, oder?", fragt Niess vorsichtig seine Gesprächspartnerin. Birgit Vanderbeke bleibt stumm.

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