Schauspielerin Valery Tscheplanowa: "Mit dem Käthchen bin ich noch nicht fertig"
Schauspielerin Valery Tscheplanowa im Gespräch über Lessings "Nathan der Weise", die Gefahr russischer Naivität und warum sie noch einmal Kleists Käthchen von Heilbronn spielen möchte, aber auch gerne "Vorstadtweiber" dreht.

Es hat just gepasst, ein Film hatte sich verschoben und Valery Tscheplanowa Lust auf Theater, als Anfang Juli der Anruf aus Salzburg kam, ob sie nicht kurzfristig einspringen möchte für Judith Engel und die Titelrolle in Lessings Toleranzstück "Nathan der Weise". Über Nathans Weisheit, ihre russischen Wurzeln und warum sie Kleists "Käthchen von Heilbronn" so sehr schätzt, haben wir uns mit Tscheplanowa unterhalten.
Fragen, wie sich eine Schauspielerin Textmengen aneignet, das tut man eigentlich nicht. Schließlich ist das der Job. In Ihrem Fall aber ist es schon außergewöhnlich, wie Sie sich den Nathan in 23 Tagen einverleibt haben.
Valery Tscheplanowa: Ich selbst hätte das nicht für möglich gehalten, aber es ist möglich. Normalerweise brauche ich drei Wochen, um den Text zu lernen, dann kann ich erst spielen. Hier war es genau umgekehrt. Ich musste gleich spielen und hatte dazu den Text auf dem Ohr. Und ich hatte eine Souffleuse, die auch nach den Proben und am Wochenende für mich da war.
Sie gelten als Intellektschauspielerin, als Literaturversteherin, Sprachvirtuosin. Und als schwierig und kapriziös. Was bedeuten Ihnen solche Fremdzuweisungen, Frau Tscheplanowa?
Tscheplanowa: Gar nichts. Wenn ich bei den "Vorstadtweibern" drehe, glaube ich nicht, dass mich jemand als intellektuell beschreiben würde. Wenn ich mit komplexeren Zusammenhängen zu tun habe, kann es schon passieren, dass ich mir etwas erstreite. Ich mache sehr unterschiedliche Sachen - und die mache ich auch sehr unterschiedlich.
Nathan ist nicht die erste Männerrolle, die Sie spielen. Sie waren Franz in Schillers "Die Räuber" und der alte König Dareios in Aischylos Kriegstragödie "Die Perser". Sind das Rollen nach ihrem Geschmack?
Tscheplanowa: Ich mag Autoren. Ich mag Lessing, ich mag Goethe, ich mag Schiller, ich mag Büchner, und ich bin bereit, jede Rolle, die diese Autoren geschrieben haben, zu spielen. Jung, alt, männlich, weiblich. Ein Grund, warum ich ans Theater gegangen bin, ist, den Dichtern nahezukommen.
Sind Sie das als Fausts Gretchen, als Buhlschaft von Jedermann Tobias Moretti oder vor einigen Jahren in Frankfurt als Käthchen von Heilbronn?
Tscheplanowa: Mit dem Käthchen bin ich noch nicht fertig. Das Käthchen ist ein Traum. Ich muss das unbedingt noch einmal spielen. Weil ich finde, das ist ein ganz fantastisches Stück. Aus vielerlei Gründen.
Die da wären...
Tscheplanowa: Das "Käthchen" ist ein Stück von ungeheurer Hingabe, einzigartig in der Literatur. Diese Gewalt und auch die Schönheit von männlicher Gewalt, die Kleist aufzeichnet. Diese Ungewissheit, warum ist dieses Käthchen dem Graf Wetter vom Strahl verfallen, warum springt sie aus dem Fenster, bricht sich beide Beine. Das ist so geheimnisvoll, dass ich mit Kleist noch nicht durch bin und tatsächlich in Gesprächen über eine Produktion.
Den Regisseur oder die Regisseurin dürfen Sie nicht verraten?
Tscheplanowa: Nein, aber Sie werden es bald merken.
Dann also zu Nathan. Was macht den reichen Juden bei Lessing so weise?
Tscheplanowa: Die Dialektik, tolerant sein und dennoch um die Wette streben. Dass er zwar sagt, ich bin Jude, sein Kind aber in gar keinem Glauben erzogen hat. Nathan identifiziert sich nicht über das, wofür er steht. Und er lässt sich nicht zurückweisen. Nathan geht auf den Menschen zu, der ihn verletzt. Weisheit entsteht im Umgang mit anderen.
Springen wir in Ihrer Biografie zurück. Als Achtjährige kommen Sie mir Ihrer Mutter aus Kasan an der Wolga in ein Dorf nahe Kiel und sprechen kein Wort Deutsch. Wenige Jahre später überspringen Sie eine Klasse.
Tscheplanowa: Das war die achte Klasse Gymnasium, die Lehrer meinten, ich soll die überspringen. Allerdings bin ich danach mit 17 Jahren ausgebüxt und nach Russland, um meinen Vater zu suchen und mein Russisch aufzufrischen.
Dass Ihre Mutter Sie als Kind in Deutschland in den Vorgarten stellte und verkündete, ich spreche nun kein Wort Russisch mehr mit dir, stimmt?
Tscheplanowa: Das stimmt. Ich bin dann über ein halbes Jahr komplett verstummt. Danach ist Deutsch relativ schnell eine Passion geworden.
Als Sie mit 22 in Berlin an die Schauspielschule gehen, sind Sie verheiratet, haben eine Tanzausbildung hinter sich und Puppenspiel studiert.
Tscheplanowa: Man wollte mich an der Ernst-Busch-Schule zuerst gar nicht nehmen, weil ich als untherapierbar galt. Ich musste vier Aufnahmeprüfungen machen, weil sie sagten, "wir wissen nicht, ob wir Sie noch erziehen können, Sie sind so fertig, mit so vielen eigene Ideen".
Bei Lessing geht es immer auch um Identität. Wo verorten Sie sich?
Tscheplanowa: Ich möchte mit Lessing sagen, mir genügt es, ein Mensch zu sein, ich brauche keine Zuschreibung. Sicher habe ich Geschichte im Gepäck, ich bin im Osten geboren und mit einer Uniform zur Schule gegangen mit einem kleinen Lenin auf der Brust, bin gewandert und lebe jetzt im Norden. Ich habe Geschichte durchschritten, aber ich definiere mich nicht darüber.
Nervt die Frage nach Ihren Wurzeln, mit Blick auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine?
Tscheplanowa: Es nervt nicht, es ist ein gewaltiges, furchtbares Thema, der Krieg ist ein großes Verbrechen. Für mich ist im Moment der Weg nach Russland abgeschnitten. Ich habe viele Freunde und Bekannte aus der Ukraine und aus Russland. Es ist schwer, zu jonglieren und auszuhalten, dass meine Verwandten eingesperrt sind und sich damit auseinandersetzen müssen, dass ihr Land so etwas tut.
In wenigen Tagen erscheint Ihr erster Roman "Das Pferd im Brunnen", eine Spurensuche in Kasan.
Tscheplanowa: Ich habe aus meiner Familiegeschichte geschöpft, aber schnell gemerkt, dass es ganz ähnliche Familien gibt. Im Sozialismus lebte man ähnlich, es gab wenig Auswahl an Dingen. Ein Grund, warum ich das Buch geschrieben habe, ist, aufzuzeigen, was da in Russland passiert ist. Wurde nicht die Naivität der russischen Menschen ausgenutzt, ihre Obrigkeitshörigkeit und Religiosität? Es gibt viel Geheimnisvolles und Schönes in der östlichen Wahrnehmung der Welt. Aber auch ganz viel gefährliche Naivität.
Zur Person: 1980 in Kasan, Sowjetunion, geboren, kommt Valery Tscheplanowa mit acht Jahren nach Deutschland. Ab 17 studiert sie Tanz an der Palucca-Schule Dresden, dann Puppenspiel an der Ernst-Busch-Schule in Berlin, wechselt ins Schauspielfach. Sie ist Ensemble-Mitglied des Deutschen Theaters Berlin, am Schauspiel Frankfurt und am Residenztheater München. Seit 2017 freischaffend, wird sie für ihr Gretchen an der Volksbühne Berlin im "Faust" als Schauspielerin des Jahres geehrt. Tscheplanowa spielt in Kino- und TV-Produktionen, sie lebt in Berlin.
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