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Heilbronn

Lieder, die wir längst vergessen wollten

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Ironische Reise durch die Geschichte des Schlagers auf dem Theaterschiff

Von Christoph Donauer
Herzschmerz, Sehnsucht und Sterne am Firmament: Julia Neb und Andreas Posthoff singen und spielen mit Augenzwinkern Schlagergeschichten.
Foto: Ralf Seidel
Herzschmerz, Sehnsucht und Sterne am Firmament: Julia Neb und Andreas Posthoff singen und spielen mit Augenzwinkern Schlagergeschichten. Foto: Ralf Seidel  Foto: Seidel, Ralf

Wenn es um Schlager geht, kann sie nicht fehlen. "Denn heutzutage darf nichts mehr ohne Helene Fischer sein", erklärt der Schauspieler Andreas Posthoff auf der Bühne des Theaterschiffs während der Generalprobe zur neuen Eigenproduktion. "Weine nicht, wenn der Regen fällt" hat am Freitag Premiere, die ironische Schlagerreise beginnt aber viel früher. "Sie werden Lieder hören, die sie längst vergessen wollten."

Im gelben Rüschenhemd führt Posthoff durch die Schlagergeschichte. Mit "plumpen Gesten" spielt er einen Moderator der 70er. Wann Schlager anfing? Zum Beispiel mit "Die schöne Adrienne hat eine Hochantenne" aus dem Jahr 1925. Die Revue, die auf Rainer Moritz" Schlager-Buch zurückgeht, hat Heinz Kipfer für die Theaterschiff-Bühne inszeniert − und ist keine Hitparade. "Es ist ein durchaus kritischer und ironischer Rückblick", findet Posthoff, der seine Schauspielausbildung in Stuttgart absolviert hat.

Ironisch auch, weil die Gassenhauer durch überzeichnete Tänze von Julia Neb begleitet werden. Die Songs sind für den 57-jährigen Posthoff alte Bekannte: "Es war erschreckend, wie viele Texte und Melodien mir präsent waren."

Fast wissenschaftlich akribisch führt Posthoff die Entwicklung des Schlagers vor: "Die Schlager der 60er schürten das Verlangen der Deutschen nach Italien. Der Meeresschlager war geboren." Spätestens Rudi Schuricke hat mit "Die Capri Fischer" in den Nachkriegsjahren die Dämme brechen lassen.

Neben den immer gleichen Motiven der Meeres- und Heimatschlager werden auch grammatikalische Ungenauigkeiten der Texte schonungslos aufgearbeitet: Dass Connie Francis in "Die Liebe ist ein seltsames Spiel" sogar "zu viel" Liebe bekommt, liegt wohl nur daran, dass es so gut zur Melodie passt. Und nur, weil eine Dame "Kopfweh" (Ireen Sheer) hat, reimt sich "Migräne" noch lange nicht auf "sehne".

Aber auch die französische Version von Drafi Deutschers "Marmor, Stein und Eisen bricht" klingt wunderbar schrecklich und ist textlich weit vom Original entfernt − Hauptsache, man bekommt die Chose in die Melodie gepresst.

Dann bekommt Helene Fischer ihr Fett weg. Eineinhalb Minuten hört das Publikum ihren Megahit "Atemlos", zu dem Neb und Posthoff herumzappeln. "So adrett sie aussehen mag, Überraschendes haben ihre Texte nicht zu bieten."

Als "dumpfe Gefälligkeit" bezeichnet er von Fischer aufgegriffene Motive wie die Lust am Fliegen, flammende Herzen und bunte Träume. "Originell ist an dieser makellosen Helene nichts." Diese Kritik beim Schreiben der Bühnenfassung einzubringen, war nicht einfach, erklärt Regisseur Kipfer: "Ich musste aufpassen, dass wir nicht zu böse werden." Denn die Schlagerreise will eine Hommage an die Musikgattung sein. "Jeder darf und soll mitsingen", sind sich die Theatermacher einig.

Premiere

"Weine nicht, wenn der Regen fällt", eine Schlagerreise von Rainer Moritz

Regie: Heinz Kipfer

Mit Andreas Posthoff und Julia Neb.

Premiere: Freitag, 20 Uhr.

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